Mittwoch, 11.07.2012

Felipe Santana im Interview

"Ich erhoffe, dass mehr rotiert wird"

Für viele kam es überraschend, dass Felipe Santana seinen Vertrag bei Borussia Dortmund bis 2014 verlängerte. Schließlich kommt der Innenverteidiger kaum an Mats Hummels und Neven Subotic vorbei und sitzt beim BVB größtenteils nur auf der Bank. Im Interview spricht der 26-Jährige über die Gründe für sein Bleiben und erklärt, wie ihm Andre Santos vom FC Arsenal dabei half, seine Fußballkarriere zu starten.

Felipe Santana kühlte sich nach einer Trainingseinheit in Kirchberg mit einem Sprung ins Wasser ab
© spox
Felipe Santana kühlte sich nach einer Trainingseinheit in Kirchberg mit einem Sprung ins Wasser ab

SPOX: Herr Santana, ein relativ langer Urlaub liegt hinter Ihnen. Haben Sie währenddessen einmal die Zeit gefunden, die letzten zwei Jahre Revue passieren zu lassen?

Felipe Santana: Ja, das habe ich gemacht. Und trotzdem: Es ist und bleibt ein Traum, was in dieser intensiven Zeit passiert ist. Für mich persönlich ist es ein Wahnsinn, wie sich die Borussia seit meinem Wechsel 2008 kontinuierlich nach oben entwickelt hat. Ich bin stolz, ein Teil dieses Vereins sein zu dürfen.

SPOX: Ich nehme an, Sie haben den Urlaub in Brasilien verbracht?

Santana: Natürlich, das ist für mich das beste Land der Welt. Sobald der Trainer die freien Tage ankündigt, ist der Flug wenig später gebucht. Das ist meine Therapie. Dort bin ich mit meiner Familie und vielen Kumpels zusammen. Ich relaxe ganz klassisch am Strand.

SPOX: Kein Beachsoccer?

Santana: Erstmal nur Essen und Trinken (lacht). Das brasilianische Essen ist sehr gesund, ich liebe beispielsweise Feijoada (Bohneneintopf, Anm. d. Red.) und trinke auch gerne einen Caipirinha. In Deutschland kommt eben oft nur Pasta auf den Tisch. Aber ich habe schon auch Sport getrieben und zusammen mit meinem Kumpel Andre Santos vom FC Arsenal ein Benefizspiel in Florianopolis ausgerichtet. Mit dem eingenommenen Geld haben wir 20 Tonnen Nahrungsmittel für ärmere Menschen gekauft. Darauf bin ich richtig stolz.

SPOX: Wie sind Sie selbst denn damals überhaupt zum Fußball gekommen?

Santana: Ich bin der einzige in der Familie, der von Anfang an den Traum hatte, Fußballspieler zu werden. Meine Schwester und meine jüngeren Verwandten sind alle relativ groß und spielen Basketball. Ich aber habe früher wie ein Verrückter den ganzen Tag auf der Straße gekickt.

SPOX: Wie wurde mehr daraus?

Santana: Meine Familie hatte nicht genügend Geld, um mich einmal in eine größere Stadt zu fahren oder gar zu fliegen, damit ich bei einem Verein vorspielen konnte. Dass mich ein Verein entdeckt hat, habe ich einzig und allein Andre Santos zu verdanken.

SPOX: Das müssen Sie bitte ausführlich erklären.

Santana: Andre war vom FC Figueirense in meinen Geburtsort Rio Claro ausgeliehen worden. Dort haben wir uns kennen gelernt. Er versprach mir, bei Figueirense mit den Verantwortlichen zu sprechen. Ich habe mir nur gedacht: Jaja, mach' du mal. Aber eines Tages rief mich tatsächlich der Sportdirektor an und lud mich zu einem Probetraining bei den Profis ein.

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SPOX: Und dann wurde Ihnen der Flug dorthin bezahlt, obwohl man Sie noch nicht einmal hat spielen sehen?

Santana: Genau. Es hieß, dass die Kosten erstattet werden, wenn ich beim Probetraining überzeuge. Mein Vater hat sein ganzes Geld zusammengekratzt, und ich bin dann ohne Rückflugticket dorthin geflogen. Ich habe zum Glück auf Anhieb als Abwehrspieler überzeugt und stand drei Monate später bereits im Kader der Jugend-Nationalmannschaft.

SPOX: In der Folge ging es für Sie weiter steil bergauf: Mit 20 Jahren wurden Sie Profi, mit 21 waren Sie Kapitän und Meister.

Santana: Von der Straße zum Profi (lacht). Und plötzlich hatte ich eine Anfrage von Bayer Leverkusen.

SPOX: Was wussten Sie denn überhaupt über die Bundesliga?

Santana: Der FC Bayern war natürlich der große Name, auch Leverkusen kannte man aufgrund der vielen Brasilianer in den 1990er Jahren gut. Das hat aber letztlich nicht geklappt. Als der BVB Interesse anmeldete, fiel mir die Entscheidung auch leichter, weil Dede und Tinga dort spielten.

SPOX: Die beiden dürften Ihnen am Anfang eine große Hilfe gewesen sein, oder?

Santana: Sie waren wie Papa und Mama für mich. Wir haben bei jeder sich bietenden Gelegenheit viel Zeit miteinander verbracht. Die beiden fehlen mir wirklich, auch wenn ich mich ohne sie gut durchschlage. Ich bin jetzt seit vier Jahren hier und kann mich einigermaßen passabel mit meinen Mitmenschen unterhalten. Nur an die Kälte in Deutschland werde ich mich nie gewöhnen können.

SPOX: Das gilt wohl auch für Ihre Rolle beim BVB als Innenverteidiger Nummer drei.

Santana: Der Trainer hat sich aus meiner Sicht leider immer für Mats Hummels und Neven Subotic entschieden. Daran kann ich aber auch nicht viel aussetzen, wenn man die sportlichen Erfolge der letzten beiden Jahre sieht. Wir haben drei sehr gute Innenverteidiger - das ist das Schöne. Und es ist für mich natürlich auch das Problem.

SPOX: Was haben die Gespräche mit der sportlichen Leitung denn ergeben, dass Sie Ihren Vertrag bis 2014 verlängert haben?

Santana: Ich habe sehr lange und bis zur letzten Sekunde mit den Verantwortlichen gesprochen. Wir haben einen Kompromiss für beide Seiten gefunden. Ich erhoffe mir, dass in der neuen Saison mehr rotiert wird. Sollte das nicht eintreten, kann ich nach der Saison entscheiden, ob ich bleibe oder gehe. Das ist die Absprache.

SPOX-Redakteur Jochen Tittmar traf Felipe Santana im BVB-Trainingslager in Kirchberg
SPOX-Redakteur Jochen Tittmar traf Felipe Santana im BVB-Trainingslager in Kirchberg

SPOX: Was macht Sie zuversichtlich, dass sich Ihre Situation auch wirklich entscheidend ändert?

Santana: Der große Unterschied zwischen unseren Leistungen in der Bundesliga und der Champions League war für uns alle eine gute Schule. Die Mannschaft, mit der wir im Vorjahr in die Saison gestartet sind, war teilweise eine ganz andere als die, mit der wir die Spielzeit beendet haben. Wir alle haben dadurch gelernt, wie wichtig die Spieler auf der Bank sind und dass wir jederzeit rotieren können und auch sollten.

SPOX: In der Bundesliga zeigten Wolfsburg, Gladbach und Leverkusen Interesse an Ihnen. Dort hätte wohl sofort ein Stammplatz gewunken.

Santana: Das mag sein, ich danke diesen Vereinen auch für ihr Interesse. Ich bin aber mit der Lösung, die der BVB und ich gefunden haben, zufrieden. Irgendwie kann ich mir auch nicht vorstellen, irgendwann einmal gegen Dortmund spielen zu müssen (lacht). Ich hätte auch nach Italien oder Spanien gehen können. Aber ich habe mich in Deutschland akklimatisiert und will in diesem Umfeld bleiben.

SPOX: Man nennt Sie den besten Ersatz-Innenverteidiger der Liga, Sie gelten als Vorzeigeprofi und haben sich noch nie öffentlich über Ihr Reservistendasein beklagt. Haben Sie schon einmal heimlich mit diesem Image gehadert?

Santana: Ein wenig vielleicht. Ich will ja der beste Innenverteidiger sein, aber eben auf dem Platz. Mir hat es sehr gut getan, am Ende der vergangenen Rückrunde eine Serie an Spielen hintereinander absolvieren zu können. Dort habe ich wieder gezeigt, dass auf mich jederzeit Verlass ist. Und gegen Schalke ist mir sogar ein Tor gelungen. Letztlich muss ich mich aber einfach weiterhin im Training anbieten und so den Trainer überzeugen, dass er irgendwann nicht mehr an mir vorbeikommt.

SPOX: Robert Lewandowski fragte in einem Interview rhetorisch, was er nach dem Doublesieg noch mit dem BVB erreichen könne. Antworten Sie ihm doch bitte einmal.

Santana: Was die kommende Saison angeht, ist es zum jetzigen Zeitpunkt natürlich sehr früh, eine Prognose abzugeben. Was wir beispielsweise noch nicht erreicht haben, ist, im europäischen Wettbewerb zu überwintern. Das wäre doch mal ein Anfang.

SPOX: Statistisch gesehen sieht es zumindest in Sachen Meisterschaft gut aus: Seit 2005 hat der FC Bayern nach einer WM oder EM nicht mehr die Schale geholt.

Santana: Ich hoffe, es bleibt dabei. Die Bayern gehen immer als Favorit in die Saison. Am Ende ist dieses ganzes Gerede doch sowieso egal, man kann so viel darüber sprechen wie man will: Die Leistung auf dem Platz ist entscheidend - und da waren wir zuletzt einfach besser.

Felipe Santana im Steckbrief

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Interview: Jochen Tittmar

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