Montag, 25.06.2012

Marcel Koller im Interview

"David Alaba ist nicht normal"

In Rekordzeit wurde David Alaba, am Sonntag erst 20 Jahre alt geworden, zu einem der besten Linksverteidiger der Welt. Wie ist das möglich? Sein österreichischer Teamchef Marcel Koller (früher in Bochum und Köln) über eine einzigartige Fähigkeit und einen möglichen Weggang vom FC Bayern.

Umworbener Superstar des österreichischen Fußballs: Bayerns David Alaba
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Umworbener Superstar des österreichischen Fußballs: Bayerns David Alaba

SPOX: Herr Koller, nachdem Sie zuvor nur Vereine trainiert haben, sind Sie seit acht Monaten als Teamchef für die österreichische Nationalmannschaft verantwortlich. Wie unterscheidet sich das Arbeitsprofil?

Marcel Koller: Ich hatte mir früher als Klubtrainer nicht vorstellen können, was es für einen Aufwand bedeutet, eine Nationalmannschaft zu übernehmen. Zum einen bekommt man nur sehr selten die Möglichkeit, mit den Spielern direkt zu arbeiten, im letzten halben Jahr waren es ganze zwei Termine. Zum anderen ist der Terminplan trotzdem bis oben voll, weil die Anforderungen sehr umfassend sind. Klassische Büroarbeit am Schreibtisch, Videoanalysen, Reisen quer durch Österreich oder ins Ausland, um die Spieler zu beobachten. Der Aufwand ist enorm.

Ex-Bundesliga-Trainer Marcel Koller betreut seit November 2011 das ÖFB-Team
Ex-Bundesliga-Trainer Marcel Koller betreut seit November 2011 das ÖFB-Team
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SPOX: Zu Ihrer Zeit in Köln förderten Sie den damals namenlosen Lukas Podolski und verhalfen ihm mit 18 Jahren zum Bundesliga-Debüt. Fühlen Sie sich an ihn erinnert, wenn Sie in der Nationalmannschaft mit David Alaba, am Sonntag erst 20 Jahre alt geworden, zusammen sind?

Koller: Es gibt einen großen Unterschied für mich: Während Lukas damals aus dem Nichts kam, gehört David mit seinen fast 20 Länderspielen schon zu den gestandenen Profis. Aber klar, die Parallelen sind offensichtlich, nicht nur wegen des Alters und des Talents. Was mich beeindruckt: Wie damals Lukas geht David sehr gelassen mit dem Druck um, obwohl das ganze Drumherum riesige Ausmaße nimmt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie Lukas seine ersten Spiele bestritten und Köln in Aufregung versetzt hat. Das wäre eine Riesenbelastung für jeden - allerdings ließ sich Lukas nicht beeindrucken und blieb, wie er ist. Genauso hervorragend geht David mit dem Hype um.

SPOX: Dennoch: Sehen Sie es mit Argwohn, dass Manchester United und der FC Barcelona um ihn werben?

Koller: Überhaupt nicht, es ist schön für David, dass er im Gespräch ist. Das zeigt nur, wie stark seine Leistungen waren. Die Topteams wissen eben, welche Spieler eine Verstärkung wären.

SPOX: Könnte ein Wechsel seiner Entwicklung den nächsten Schub verleihen?

Koller: Warum sollte er wechseln? Es sind alles tolle Namen - doch der FC Bayern ist ein Verein auf dem gleichen Toplevel. Ich bin überzeugt davon, dass sich David durchsetzen würde, egal ob bei Manchester United, Barca oder Real Madrid. Ich sehe da absolut keine Probleme. Ich sehe aber genauso wenig eine Veranlassung, die Bayern zu verlassen.

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SPOX: Alaba eroberte sich bei den Bayern einen Stammplatz links hinten, obwohl er für das zentrale Mittelfeld ausgebildet wurde. Können Sie als Fußballlehrer theoretisch erklären, warum viele Profis vor ihm mehr Probleme mit der Umstellung zum Außenverteidiger hatten?

Koller: Es werden in einigen Facetten komplett andere Verhaltensweisen erwartet: Im zentralen Mittelfeld ist man mehr im Geschehen involviert, weiß Mitspieler in der Nähe um sich und deckt den Raum statt einen direkten Gegenspieler. Als Außenverteidiger erwarten einen viel mehr Eins-gegen-eins-Duelle, und wenn diese verloren werden, brennt es sofort. Gleichzeit muss sich der moderne Außenverteidiger bei Ballbesitz zutrauen, Druck nach vorne auszuüben, wenn der Raum vorhanden ist. So wie David im Champions-League-Halbfinale bei Real Madrid, als er mit dem Solo fast den Ausgleich eingeleitet hätte.

SPOX: Warum gelingt Alaba die Umstellung besser als vielen anderen?

Koller: David ist seiner Fähigkeit, so verschiedene Positionen auf konstant hohem Niveau zu bekleiden, nicht normal. Es zeigt, welch hervorragende taktische Ausbildung er genossen hat. Seine Anpassungsfähigkeit und Spielintelligenz ist erstaunlich.

SPOX: Sie waren bei der EM vor Ort. Sehen Sie derzeit einen besseren Linksverteidiger als ihn?

Koller: Ich möchte keine Namen nennen, weil das immer respektlos denen gegenüber ist, die nicht aufgeführt werden. Was ich sagen kann: David gehört zu den Wenigen, die diese Position auf dem allerhöchsten Level spielen. Und ich glaube, dass er sich noch weiter verbessern kann, wenn er routinierter wird. Die Chancen stehen gut. Es sieht ja so aus, als ob die Bayern ihn weiter links hinten sehen, weil das Mittelfeld-Zentrum so gut besetzt ist.

SPOX: Sie stellen Alaba ausschließlich als Sechser/Achter auf. Kann es nicht zu einem Problem werden, wenn Ihr vielleicht wichtigster Spieler im Klub und im Nationalteam zwischen zwei Positionen hin und her geschoben wird?

Koller: Insgesamt betrachtet wäre es vielleicht besser, wenn er auch bei den Bayern zentral spielen würde, immerhin ist es seine Lieblingsposition. Andererseits ist es für einen Fußballer in seinem Alter viel wichtiger als die exakte Position, dass er überhaupt bei einem Spitzenklub regelmäßig eingesetzt wird. Das ist nicht selbstverständlich. So kann er sich auch als Persönlichkeit entwickeln - und davon wird er in Zukunft profitieren, sollte er bei den Bayern irgendwann ins Zentrum zurückkehren.

SPOX: In Interviews wirkt er schüchtern. Bringt er die Mentalität eines Sechsers mit?

Koller: Man sollte David nicht unterschätzen. Wenn ihm was nicht passt, kann er richtig grantig werden und den Mitspielern ordentlich die Meinung geigen. Er hat die Durchsetzungsfähigkeit, die man braucht, um eine Mannschaft anzuführen. Gleichzeitig ist er neugierig und hört einem zu, um weiterzukommen. Es macht einfach Spaß, ihn beim Wachsen zu beobachten.

SPOX: Was dachten Sie, als sich Alaba beim Elfmeterschießen in Madrid den Ball schnappte und als Erster den Strafstoß verwandelte?

Koller: Dass dieser Strafstoß mehr über ihn aussagt als alle Interviews.

SPOX: Für den Außenstehenden klingt es überraschend: Alaba ist sehr gut mit Nationalmannschaftskollege Marko Arnautovic befreundet. Sind sich Musterschüler Alaba und Skandalprofi Arnautovic gar nicht so unterschiedlich?

Koller: Doch, es gibt schon einen Unterschied. Für David ist alles außerhalb des Platzes nur Beigemüse, für Marko ist es häufig wichtiger, wie er sich nach außen präsentiert. Allerdings sehe ich ihn auch auf einem guten Weg. Obwohl es zuletzt wieder Schlagzeilen gab, glaube ich, dass Marko geläutert ist und das mitnimmt, was David auszeichnet: Dass am Ende nur die Leistung auf dem Platz entscheidet.

SPOX: Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich der FC Bayern zu einer österreichischen Dependance entwickelt. Im Finale der deutschen U-19-Meisterschaften gegen Schalke, das 1:2 verloren wurde, standen gleich vier österreichische Talente in der Startelf der Bayern. Wann kommt der nächste Alaba?

Koller: Sie stehen alle auf meinem Notizzettel und werden natürlich genau beobachtet. Das Alter spielt für mich keine Rolle, deswegen nahm ich zum letzten Lehrgang den 18-jährigen Marcel Sabitzer mit. Mir gefällt es, dass österreichische Talente den Weg ins Ausland suchen und nicht bequem zuhause bleiben. Es sagt einiges über den Mentalitätswechsel im österreichischen Fußball aus. Und David ist für die neue Generation das perfekte Vorbild.

David Alaba im Steckbrief

Interview: Haruka Gruber

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