Das Bayer Leverkusen der Herzen

Von Oliver Wittenburg
Montag, 23.04.2012 | 21:27 Uhr
Franck Ribery verabredet mit Arjen Robben (hat sich versteckt) die zweite Runde
© spox
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Die Messe ist gelesen, und die AL macht Kehraus. Thumbs up gibt's für Bushido, Dortmund und Freiburg, mal milden, mal etwas schärferen Tadel für Hertha, Heynckes und Mr. Jones.

Hand aufs Herz: Mal ehrlich, die Saison ist gelaufen. Alles vorbei. Dortmund ist wie erwartet Meister, die Bayern haben sich vom dritten auf den zweiten Platz vorgearbeitet, noch zwei kommen in die Champions League und irgendwelche grauen Mäuse in die EL, wo sie ja auch hingehören. Gerettet sind all die, denen der Rat der Fußballweisen nicht den Hauch einer Chance eingeräumt. Die AL hätte nichts gegen eine sofortige Aussetzung der restlichen beiden Spieltage, was vor allem aus ökologischer Sicht zu begrüßen wäre. Auch die Hertha hätte sicher nichts dagegen, wäre man immerhin Vorletzter.

Bushido hat auch Recht: Dafür dass die Lichter in Berlin ausgehen werden, sah man am Samstag zahlreiche Anzeichen. Das Gesicht des Abstiegs ist freilich Michael Preetz, dem man eine eigene Bilderstrecke widmen könnte: 90 Minuten zwischen Hoffnungslosigkeit und totaler Verzweiflung, könnte die heißen. Auch durfte man beobachten, dass nach dem 2:0 des FCK scharenweise Leute aufstanden und die Tribünen Richtung Ausgang erkraxelten. Ob die jetzt nur die ersten beim Pinkeln, Kotzen oder Bratwurst-/Biererwerb sein wollten, sei dahingestellt, aber der eine oder andere wird schon nach Hause oder in die Kneipe geschlurft sein, um zu saufen oder Frau und/oder Kinder zu verdreschen. Bushido ist übrigens der gleichen Meinung wie die AL. Am Samstag twitterte er: "Hertha liegt gegen den sicheren Absteiger Kaiserslautern 0:2 zurück... Geht doch einfach freiwillig mit in die 2. Bundesliga und jut is..."

Lebenslänglich: Ein Tippfehler hat in der englischen Fußball-Szene für große Erheiterung gesorgt. Angeblich soll Gretar Steinsson seinen Vertrag bei den Wanderers aus Bolton bis 20.014 verlängert haben. Der Isländer meinte denn auch sinngemäß, dass das der letzte große Vertrag seiner Karriere sein dürfte, denn schließlich sei 18.032 Jahre ein gutes Alter, um mit dem Kicken aufzuhören. Er könnte auf seine alten Tage aber auch noch mal zur Hertha wechseln, falls Rehhagel und Preetz dort noch was zu sagen haben.

Lost in Augsburg: Raul ist bald weg, und um ein Haar wäre Schalke auch noch den Hunter losgeworden. Den haben sie nämlich nach dem Spiel in Augsburg stehen lassen. Die Polizei lieferte den 25-Tore-Mann dann nach. Ist ja auch die Hauptaufgabe der Staatsschützer, herumirrenden Multi-Millionären hinten in den Kragen zu gucken, um auf dem Waschzettel den von Mutti hingekrakelten Namen samt Adresse zu finden und das Bürschchen dann sicher dort abzuliefern, wo es hingehört. Übrigens: "Lost in Augsburg". Cooler Name für die Biographie von Michael Thurk.

Harte Gangart: Unter der Woche brach Thorsten Fink das Training beim HSV ab, um Verletzungen vorzubeugen. Seine Jungs hatten sich derart auf die Hölzer gegeben, dass er das Schlimmste befürchten musste. Das Schlimme trat dann am Samstag beim Kick in Nürnberg ein: Drobny prellte sich das Becken, Kacar brach sich den Knöchel. Immerhin kam so Sven Neuhaus im zarten Alter von 34 Jahren zu seinem Bundesliga-Debüt. Glückwunsch.

Abgrundtief: Nicht nur einmal hat die AL unmissverständlich klargemacht, dass es sich nicht schickt, über anderer Leute Wiese zu mosern. Wir mussten schon Schweini und den Dortmundern den gereckten Zeigefinger zeigen. Und jetzt zeigen wir ihn Jermaine Jones, da der feine Herr die AL ja offenbar nicht liest oder sich nicht merken kann, was da geschrieben steht. Der Boden in Augsburg ist nicht extrem tief, was sich schon daran erkennen lässt, dass der FCA gegen Schalke einen prima Ball spielte. Außerdem: Was spielt denn die Platzbeschaffenheit bei Ihrer Spielweise für eine Rolle? Leute umhacken kann man auch auf Kopfsteinpflaster oder PVC. Und noch was: Warum greifen Sie sich an den Schädel, wenn man Ihnen an die rechte Brustwarze kommt? Abschließend der aktuelle Jones-Score: 18 Spiele/13 Gelbe Karten.

Aufs Maul: Wenn sich Fußballer aufs Maul hauen, dann juchzt der Boulevard und alle anderen juchzen mit. Es lässt sich ja auch gut juchzen, denn meist ist nix Schlimmes passiert. Ein bisschen Rib gegen Rob, ein bisschen Jones gegen Huntelaar, alles Kinderkacke. Mitnichten Kinderkacke ist es dagegen, wenn Fans, selbst wenn es Köln-Fans sind, das machen, was sie am Wochenende gemacht haben.

Bremer Logik: Thomas Schaaf ist amtsmüde. Das könnte man meinen, wenn er sagt, es sei ihm schnuppe, was bei Werder hinten rauskommt. Oder: Thomas Schaaf verspürt eine gewisse Aversion gegen die immergleichen, sinnentleerten, saudummen, beschämend einfältigen, kackblöden Fragen unmittelbar nach Spielende. Die AL weiß es nicht. Möge der Leser entscheiden, wie er den Schaaf vom Samstag interpretiert. Frage bitte selbst dazu denken. "Das ist mir wurscht. [...] Wir haben heute ein Spiel verloren. Dadurch, dass wir das Spiel nicht gewonnen haben, ist die Situation nicht besser geworden."

Münchener Fairplay: Vielleicht war Schaaf ja auch etwas erbost über Jupp Heynckes, der vermutlich aus Gründen der Chancengleichheit analog zu Werders Resterampe alles auf den Platz schickte, was dort sonst nichts verloren hat. Als die Bayern aber Gefahr liefen, die Partie zu verlieren, war's plötzlich aus mit der Nettigkeit und Heynckes brachte Ribery für den vogelwilden Olic. Fast platzend vor Energie wirbelte Ribery dann die Bremer zu Klump und Bayern gewann 2:1. Gut möglich aber auch, dass Heynckes keine andere Wahl hatte, als Ribery von der Leine zu lassen. Wer weiß, ob der schlagfertige Franzose bei anhaltendem Adrenalinstau nicht die komplette Besatzung der Ersatzbank vermöbelt hätte.

Der Meister kocht: Wir gratulieren dem BVB natürlich auch zum Titel und verleihen dem FC Bayern in Anerkennung seines redlichen Bemühens den Titel "Bayer Leverkusen der Herzen". Wir haben uns bemüht, den Dortmundern irgendeinen reinzuwürgen, weil sie doch irgendwie viel zu sympathisch und dabei so ungezwungen natürlich sind, dass daran doch irgendwas faul sein muss. Und siehe da, wir sind fündig geworden. Weidenfeller, Kehl und Kringe machen Promi-Kochen. PRO-MI-KO-CHEN! Geht's noch? Voll kommerziell! Voll kacke! Nur leider kann man den Jungs auch daraus keinen Strick drehen, denn sie kochen nicht bei RTL2 oder einem anderen Prekariats-Sender, sondern für einen verdammt guten Zweck, für den "Roten Keil", eine Organisation, die sich gegen Kinderprostitution wendet und somit sieht die Sache schon wieder ganz anders aus.

Der Mann des Jahres: Jürgen Klopp könnte das Double holen, Jupp Heynckes die Champions League und Jogi Löw den EM-Titel, Mann des Jahres würde trotzdem keiner von ihnen. Der Titel ist bereits an Christian Streich vergeben. Soll er doch etwas kauzig sein, soll er doch Dinge sagen, die man auch beim zweiten Mal hören nicht versteht (was keine Anspielung auf seine Mundart sein soll) bzw. keine Ahnung hat, wie er sie gemeint haben könnte, soll er doch im Schwarzwald je nach Lesart einen Standortnachteil haben oder einen -vorteil genießen, das ist alles wurscht, wie Schaaf sagen würde. Der Mann hat Freiburg gerettet. Zwei Spieltage vor Schluss. Und er hat die Liga ungemein bereichert durch seine bloße Anwesenheit. Freiburg ist wieder Freiburg in Reinkultur und gibt Klubs wie Köln, Hertha oder den HSV der Lächerlichkeit preis, ohne dabei etwas Böses im Schilde zu führen.

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