Bremens Sokratis im Porträt

Der stille Malocher

Von Stefan Rommel
Sonntag, 11.03.2012 | 00:00 Uhr
Geht keinem Duell aus dem Weg: Bremens Sokratis (r.) im Zweikampf mit Alexander Esswein
© Getty
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Mit dem Transfer von Sokratis ist Werder Bremen nach langer Zeit mal wieder ein Volltreffer gelungen. Der Grieche überzeugt in Bremens Innenverteidigung und nimmt den Konkurrenzkampf selbstbewusst an. Jetzt soll der 23-Jährige fest verpflichtet werden.

Am Dienstag hat sich Sokratis Papastathopoulos einen gemütlichen Fernsehabend gemacht. Auf das Spiel Barcelona gegen Leverkusen hat er sich gefreut und wurde nicht enttäuscht. "Die beste Mannschaft der Welt" habe sich da präsentiert, Bayer Leverkusen hat er damit nicht gemeint.

Lionel Messi hat an diesem Abend im Camp Nou fünf Tore erzielt, was ihm einige Rekorde und den Leverkusener Gegenspielern Schwindelanfälle bereitet hat. Sokratis Papastathopoulos hat auch schon mal gegen den Floh gespielt. Leo Messi hat in diesem Spiel kein Tor geschossen.

"Das ist doch belanglos. Anderer Wettbewerb, andere Mannschat, anderer Gegner", sagt er in seiner stoischen Art. Das Spiel damals bei der WM gegen Argentinien und Messi ist eine Randnotiz in seiner Karriere. Das blau-weiße Trikot mit der Nummer zehn hat er sich nicht abgeholt.

Vom Ersatz zum Eckpfeiler

Sokratis Papastathopoulos, dem die sonst so gestrenge Deutsche Fußball Liga erlaubt hat, nur den Vornamen auf das Trikot zu flocken - sein Nachname hätte aus Platzgründen dafür schlicht nicht getaugt - ist jetzt seit einem halben Jahr Spieler bei Werder Bremen.

Das ist keine lange Zeit für einen, der weder Mentalität noch Liga kannte und die Sprache schon mal gar nicht. Und trotzdem ist Sokratis bereits jetzt einer der Stützen in einer wankelmütigen Elf; auf mittelfristige Sicht soll er zu einem Eckpfeiler einer runderneuerten Mannschaft werden.

In den letzten Jahren gab es bei Werder kaum einen Spieler, der so schnell so gut Fuß fassen konnte wie Sokratis. Viele kamen mit großen Vorschusslorbeeren nach Bremen und enttäuschten die Erwartungen. Sokratis kam quasi als Ersatz.

Per Mertesackers Wechselabsichten waren längst bekannt, auch wenn diese im Juli wieder weniger akut schienen. Aber Mertesacker war ebenso wie Sebastian Prödl und Naldo verletzt. Also baute Geschäftsführer Klaus Allofs vor, traf sich mit Vertretern des FC Genua und des AC Milan. Dem einen Klub gehörte Sokratis, bei anderen hatte er zuletzt auf Leihbasis gespielt.

Option zur festen Verpflichtung

Der Wechsel zog sich aber hin. In Bremen waren sich Allofs und Aufsichtsratsboss Willi Lemke nicht einig, wie der Kader für die anstehende Saison verstärkt werden kann. Als sich alle Parteien dann einig waren, verständigte man sich auf ein Leihgeschäft.

Früher hätte Werder einen jungen Spieler mit ordentlich internationaler Erfahrung und ausgezeichneter Perspektive noch fest verpflichtet. Die Umstände des Sommers ließen kaum eine andere Möglichkeit zu. Immerhin besitzt Werder die Option, den 23-Jährigen fest unter Vertrag zu nehmen.

Nach Sokratis' Leistungen bisher wäre alles andere töricht. Rechts in der Viererkette musste er zu Beginn aushelfen und machte seinen Job dort sehr gut. Durch Naldos neuerliche Verletzungspause rückte er dann endlich in die Innenverteidigung. Dahin, wo er nach eigenem Bekunden am besten aufgehoben ist.

"Ich sehe mich klar als Spieler in der defensiven Zentrale. Dort kann ich meine Stärken am besten einbringen und der Mannschaft am meisten helfen", sagt er im Gespräch mit SPOX. Kraft, Wille und Entschlossenheit lassen Sokratis selbst in schlechten Spielen der Mannschaft wie zuletzt in Berlin aus dem Kollektiv herausragen.

Sokratis: "Müssen uns noch besser kennenlernen"

Er gibt in der Viererkette die Kommandos, den jungen Francois Affolter leitet er bedächtig an. "Er ist neu im Klub, wir müssen uns noch besser kennenlernen. Aber die Abstimmung funktioniert schon recht gut, aber sie kann immer noch besser werden", sagt Sokratis.

Auch wenn Naldo und Prödl demnächst wieder fit sind und in die Mannschaft zurückkehren, sieht er sich trotzdem weiter als erste Wahl. So selbstbewusst ist er dann doch, trotz der angenehmen Zurückhaltung, die er sonst an den Tag legt.

Für kapriziöse Nebenbeschäftigungen wie andere Profis in seinem Alter hat er keine Zeit. "Nur Telefonieren mit meiner Familie und meinen Freunden ist mir wichtig." Und das launische Wetter im Norden? "Ist mir egal, ich bin zum Arbeiten in Bremen."

Er wirkt ein wenig lethargisch wenn er redet, sein Schlafzimmerblick unterstützt den Eindruck zusätzlich. Kommuniziert wird bis jetzt in ordentlichem Englisch. Deutsch hat er noch nicht so drauf, er lernt aber jede Woche fleißig.

Über Genua und Milan nach Bremen

In Mailand hat er gelernt, sich irgendwie durchzuhangeln. Mit 18 war er bei AEK Athen einst der jüngste Kapitän der Vereinsgeschichte, in seiner Heimat war er schnell ein Star. Der Wechsel nach Genua ein gewagter Schritt - der zwei Jahre später nach Milanello die Herausforderung seines Lebens.

"Ich bewundere Paolo Maldini und Alessandro Nesta. Sie sind die besten Spieler, die ich je in Aktion gesehen habe", erklärte er bei seinem Amtsantritt in Mailand. "Ich treffe hier auf eine Gruppe von Champions. Ich werde mich hier integrieren, zuhören, an mir arbeiten und lernen müssen."

Der Durchbruch ist ihm dort nie gelungen. Trotzdem hat er eine Menge gelernt bei den Rossoneri. "Die Zeit in Mailand war wichtig für mich und meine Entwicklung. An Rückschlägen kann man wachsen und daraus lernen." Eine erstaunlich reife und souveräne Erkenntnis, wenn man in einer Saison lediglich zwei Spiele absolvieren darf.

In Bremen ist alles eine Nummer kleiner, auch die Ziele des Vereins. "Das empfinde ich nicht als Rückschritt. Mir gefällt es hier, Werder ist ein guter Verein."

"Sokratis gehört zu den absolut positiven Entwicklungen"

Und Sokratis ein guter Spieler. "Sokratis gehört zu den absolut positiven Entwicklungen in dieser Saison. Deshalb stellt sich sportlich gar nicht die Frage, ob wir es machen oder nicht", sagt Klaus Allofs und beantwortet damit die Frage, ob Werder seine Option ziehen wird oder nicht. Für kolportierte 3,5 Millionen Euro wäre Sokratis zu haben.

Allofs ist mit dem Griechen ein Transfer gelungen wie schon lange nicht mehr. Deshalb habe er mit dem Spieler bereits gesprochen "und ihm natürlich das Gefühl vermittelt [...], was wir mit ihm vorhaben und wohin die Reise geht."

Erst Erfolg, dann Verhandlungen

Derzeit ist Werder noch auf Rang sechs, der zumindest die Teilnahme an der Europa League sichert. Dem Klub und dem Spieler fehlt aber die Sicherheit, dass es mit dem internationalen Wettbewerb in der kommenden Saison auch klappt, weshalb weitere Verhandlungen derzeit nicht angebracht sind.

"Wenn wir durch Fristen die Möglichkeit haben, die Entscheidung später zu treffen, dann können wir das auch tun", sagt Allofs.

"Wir sollten uns zunächst auf das Erreichen der Europa League konzentrieren und dann verhandeln. Das ist wichtig für den Verein - nicht meine persönliche Zukunft", sagt Sokratis. Aber: "Wenn mich alle hier haben wollen, dann bleibe ich."

Sokratis Papastathopoulos im Steckbrief

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