Kommentar zum Rauswurf von Volker Finke

Finke-Abgang: Notwendig - oder Wahnsinn?

Von SPOX
Sonntag, 11.03.2012 | 21:42 Uhr
Volker Finke war von Dezember 2010 bis März 2012 Sportdirektor beim 1. FC Köln
© Getty
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Volker Finke ist nicht mehr Angestellter des 1. FC Köln. Mit etwas Abstand von der Meldung des Wochenendes formulieren zwei SPOX-Redakteure ihre Sicht der Dinge und kommen zu völlig konträren Ergebnissen. Wie die mySPOX-User, die offenbar auch hin und her gerissen sind. War die Trennung nun notwendig? Oder doch eine Wahnsinnsaktion?

Eine gute Entscheidung des 1. FC Köln

Zugegeben, die Situation beim 1. FC Köln nimmt eine Gestalt an, dass man wieder einmal heiter und fröhlich über den "typischen Effzeh" lästern könnte. Da erkämpft sich die Mannschaft den sehnlich vermissten Sieg gegen einen direkten Konkurrenten, so dass endlich wieder kollektives Durchschnaufen und etwas Ruhe in den Verein einkehren müssten.

Was macht der 1. FC Köln aus dieser Situation? Er schickt Sportdirektor Volker Finke vier Stunden nach dem 1:0 gegen Hertha BSC in die Wüste und sorgt für noch mehr Unruhe als zuvor.

Beim ersten Hinsehen sieht es wie pures Chaos aus. Seit November 2011 kein Präsident, seit Samstagabend kein Sportdirektor und ab Sommer keine Galionsfigur Lukas Podolski. Die Aussichten für einen Verein, der sich schon immer an großen Figuren hochgezogen hat, sehen trüb aus: Insbesondere, da der Klassenerhalt noch längst nicht gesichert ist.

Doch beim zweiten Hinsehen hat die Entscheidung des Klubs durchaus etwas Charmantes: Köln, das muss man festhalten, ist gegen den Strom geschwommen. Erinnert man sich an die nicht allzu entfernten Szenarien in Hoffenheim und Berlin, ist das kein Apfel-Birnen-Vergleich. Bei Letzteren lagen Sportchef Michael Preetz und Trainer Markus Babbel im Clinch. Das Ende ist bekannt. Nicht anders war es in Hoffenheim, wo Holger Stanislawski gehen musste, obwohl Ernst Tanner keine glückliche Figur abgab. In Köln hat es - zu diesem Zeitpunkt etwas überraschend - Volker Finke getroffen.

Natürlich ist die Situation nicht ganz ungefährlich, wenn nach Wolfgang Overath nun mit Volker Finke der nächste und letzte Entscheidungsträger mit Fußballkompetenz geht. Aber was der 1. FC Köln nach wie vor hat, ist ein Trainer mit einer Idee und einer - und leider muss ich dieses elende Unwort benutzen - Philosophie. Das hat den 1. FC Köln gestärkt und es zeigt, dass der Verein gewillt ist, diesen neuen Weg mit Stale Solbakken zu gehen.

Letztlich ist es bitter für Finke, dass er über sein eigenes Konzept gestolpert ist: Dem 1. FC Köln ein neues Gesicht zu verpassen. Weg vom Image eines Klubs, der primär von seiner Emotion und Leidenschaft getragen wird, hin zu einem Klub mit Konzept, einer Infrastruktur und einem Trainer, der kein typischer FC-Coach zu sein schien, aber eine klare Linie verfolgt.

Wenn es der 1. FC Köln auch bei zu erwartenden Rückschlägen schafft, an der Linie des Trainers und der neuen Ausrichtung festzuhalten, könnte die Entscheidung vom Samstag eine entscheidend positive Wirkung für den Verein haben. Köln mag nach den Abschieden von Overath, Finke und bald Podolski ohne starke Männer dastehen, aber genau das ist die Chance, sich neu und richtig aufzustellen.

Die Fans des 1. FC Köln mögen verzeihen, wenn wir den Konkurrenten Borussia Mönchengladbach als Paradebeispiel nehmen, aber da hat es funktioniert: Dass Lucien Favre eine klare Vorstellung davon hat, wie die Borussia Fußball spielt, hat sich auf dem Platz positiv ausgewirkt und dem Verein insgesamt gut getan.

Ähnliches ist auch Köln zuzutrauen, wenn Solbakken in Ruhe seine Ideen verwirklichen darf - mit der Unterstützung eines fähigen, wie es Finke war, aber auch eines umgänglichen Sportdirektors, wie es Finke nicht war. Aber auch nur dann.

Eine schlechte Entscheidung des 1. FC Köln

Stale Solbakken ist ein herausragender Trainer. Der Norweger verfügt über ein ungemein hohes Fachwissen, enormes taktisches Geschick, die Fähigkeit, einer Mannschaft eine Strategie an die Hand zu geben sowie diese zu vermitteln und hat zudem ein gutes Gespür für den Umgang mit Fußball-Profis. Kurzum: Mit Solbakken hat Köln einen Glücksgriff getan.

Beim FC sieht man das inzwischen genauso. Deshalb entschied man sich, diesen Trainer gegen alle Widerstände zu schützen. Darum musste Volker Finke gehen. Zu oft war der mit Solbakken aneinander geraten - zuletzt auch immer häufiger öffentlich -, zu sehr rieb sich der Coach an seinem Sportdirektor auf.

Dem hat der Verein nun ein Ende gesetzt. Eine mutige, aber respektable Entscheidung. Allerdings eine, die Weitblick vermissen lässt. Die Unruhe im und um den Verein ist nun zwar fürs Erste beendet. Doch was passiert, wenn in den kommenden Wochen die Erfolge ausbleiben? Wenn Köln, was angesichts der angespannten Personalsituation und vielen mäßigen Leistungen in der Rückrunde nicht auszuschließen ist, noch tiefer unten rein rutscht?

Steht der FC dann weiter zu Solbakken oder greifen die üblichen Mechanismen des Geschäfts und man entlässt - schließlich gilt es, den Abstieg mit allen Mitteln zu verhindern - dann auch den Trainer? Köln stünde dann vor einem Scherbenhaufen: Ohne Coach, ohne Sportdirektor, ohne Präsident.

Und selbst wenn der FC in den kommenden Wochen die Kurve bekommt und sich von den Abstiegsplätzen fernhalten kann, bleiben viele Fragezeichen. Denn: Der neue mächtige Mann bei den Rheinländern ist nun der Trainer. Mit der Entscheidung, Finke zu opfern, hat der Verein bewiesen, dass Solbakken wichtiger und mächtiger ist, als der Sportdirektor.

Finkes Nachfolger muss also jemand sein, der auch dem Gusto des Trainers entspricht. Und bis der neue Mann gefunden ist, ist Solbakken die alleinige Kompetenz im sportlichen Bereich.

Das heißt: Nur er legt fest, welche Spieler kommen und gehen sollen. Nur er plant die Herangehensweise an die nächste Spielzeit. Der neue FC wird so aussehen, wie nur Solbakken es will und für richtig hält.

Der FC begibt sich dadurch in eine gefährliche Abhängigkeit. Vor allem, wenn man bedenkt, dass in Köln in den letzten 20 Jahren kein Trainer länger als zweieinhalb Jahre im Amt war.

 

Das sagen die mySPOX-User

Zyrock: Ich glaube nicht daran, dass Volker Finke Frank Schäfer abgesägt hat und auch nicht, dass er einen Masterplan zur Zerstörung des 1. FC Köln verfolgt hat. Aber es war wohl tatsächlich so, dass man sich über gewisse Dinge nicht einig wurde, vermutlich vor allem über die Neuausrichtung, wahrscheinlich auch über die Kompetenzverteilung.

Sollte dem so sein, ist eine Trennung der richtige Schritt, unabhängig vom schlussendlichen Auslöser. Der Zeitpunkt ist für mich aber ziemlich unverständlich, denn jetzt steht man in der kritischen Phase der Saison (und vermutlich in der Schlussphase der Podolski-Ablöseverhandlungen) ohne Sportdirektor da. Ganz davon abgesehen sehe ich keinen kompetenten Ersatz: Rettig ist für mich eine persona non grata, der war für viele schlechte Jahre beim Effzeh verantwortlich, Allofs ist nicht bezahlbar, Calmund wird es nicht machen wollen. Alles in allem eine - zum jetzigen Zeitpunkt - unnötige Baustelle mehr!

themarsvoltaire: Das ist Effzeh pur. Einem emotionalen, positiven Erlebnis, wie dem 1:0 Sieg unter schlimmsten Schiedsrichter-Bedingungen, folgt postwendend die nächste negative Entwicklung. Volker Finke wird gegangen, wirft hin, trennt sich einvernehmlich. Wie auch immer man es lesen will.

Wer das Statement von Dr. Werner Wolf mit für diplomatische Floskeln geschärften Augen liest, der wird entdecken: Das war eine Entweder-Oder Entscheidung. Und Stale Solbakken hat gewonnen. Die Details dieser Auseinandersetzung werden wir alle wohl nie erfahren. Gab es eine Eskalation nach dem Spiel? Für Lukas Podolski kam die Entlassung nach eigener Aussage nicht überraschend.

Also scheint mehr dran gewesen zu sein an den Gerüchten, dass Finke sich ungefähr mit jedem im Verein verkracht hat. Dennoch hat Finke alles in allem einen guten Job abgeliefert. Er hat vernünftige Spieler verpflichtet, er hat probiert, Sachlichkeit vor Gefühle zu stellen. Und er hat uns einen so starken Trainer geholt, dass für ihn selbst am Ende kein Platz mehr blieb.

PapaLöwe: Der einzige, der die auf Eskalation zulaufende Situation rechtzeitig erkannt, weil mitverantwortet hat, ist Herr Overath. Ihm war klar, dass Lukas Podolski nicht zu halten sein würde, lag es doch an seinen falschen Versprechungen. Und ihm war klar, dass Stale Solbakken und Volker Finke keine gemeinsame Zukunft haben würden, da er beide offensichtlich mit zu großen Kompetenzversprechen geködert hat.

Unter Betrachtung der Entwicklungen und mit Kenntnisstand heute ist sein Rücktritt die einzig clevere Alternative im November gewesen. Leider hat Herr Overath es vermasselt. Schade. Trotzdem und ganz ehrlich danke ich ihm aber für die Amtszeit. Bei allem, was gegen ihn steht, glaube ich ihm, dass ihm der Effzeh eine Herzensangelegenheit war.

Tuppeskopp: Ich vermute mal, dass es eher um die Verwendung der "Poldi-Millionen" geht. Habe so den leisen Verdacht, dass Volker Finke von Herrn Horstmann ausgebremst wurde, weil er mehr Geld in den Kader stecken wollte, Horstmann aber Schulden abbauen möchte. Bin gespannt, ob man demnächst mehr erfährt. Trotzdem finde ich das - bei allem Störfeuer, das von Finke kam - schlimm. Jetzt muss man sich auch da neu aufstellen. Und Leute, die aus wenig Geld eine gute Mannschaft aufbauen können, fallen nicht vom Himmel - nicht mal in Kölle...

Der 1. FC Köln im Steckbrief

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