Shinji Okazaki und Gotoku Sakai im Interview

"Uns fehlt die deutsche Mentalität"

Von Interview: Haruka Gruber
Donnerstag, 23.02.2012 | 06:21 Uhr
Japanisches Treffen: SPOX-Reporter Gruber (r.) mit Sakai, Okazaki und Betreuer Kawagishi (v.l.)
© spox
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Alkohol und massig Rentner zur Mittagszeit: Die beiden Japaner Shinji Okazaki (24) und Gotoku Sakai (20) erlebten in Stuttgart einen Kulturschock. Aber sie haben eine Mission: Sie wollen sich deutsch sozialisieren - und die linke Seite des VfB gemeinsam beleben. Ein Doppel-Interview über Wald, Natur und Fitnessfreak Labbadia.

SPOX: In Japan ist es in der Arbeitswelt üblich, dass der Jüngere dem Älteren dient. Ist es bei Ihnen auch so?

Gotoku Sakai: Natürlich, das ist in der japanischen Kultur verwurzelt. Deswegen muss ich leider immer das machen, was Shinji von mir fordert. Dann heißt es nur: "Go, hol mal was zu trinken! Go, hol mal was zu essen!" Und ich muss mich sputen. Ich bin so etwas wie sein Auszubildender und er ist mein Lehrer. Dabei ist Shinji viel kindischer und frecher als ich. Das ist nicht fair. (lacht)

Shinji Okazaki: Ich genieße es einfach und lasse mich bedienen. (lacht)

SPOX: Wie viel Zeit verbringen Sie beide zusammen?

Okazaki: Im Januar nach dem Wechsel von Go nach Stuttgart waren wir oft gemeinsam japanisch essen. Weil meine Frau mit den Kindern den Januar über zuhause in Japan verbrachte, blieb mir nichts anderes übrig. Ich mag die deutsche Küche gerne, aber japanisch ist einfach das Beste. So fühle ich mich auch nicht so weit weg von der Heimat.

Sakai: Mir ist es sehr wichtig, dass ich nicht alleine in Stuttgart bin. Meine Frau bleibt wegen der Geburt unseres zweiten Kindes bis April in Japan und kommt erst dann nach Deutschland, solange kümmert sich vornehmlich Shinji sowie unsere Betreuer und Scout Taka Kawagishi um mich.

SPOX: Herr Sakai, Ihre Mutter ist Deutsche. Haben Sie gar keine Verbindungen?

Sakai: Meine Oma lebt in der Nähe von Nürnberg. Vor meinem Wechsel habe ich sie seit der Grundschule jedoch nicht mehr gesehen, als sie uns in Japan besuchen kam. Ansonsten war ich mit 15 Jahren noch einmal in Deutschland, bei einem Jugendturnier in Düsseldorf. Das war es schon. Ich kann leider nicht einmal richtig deutsch sprechen. Verstehen geht wenigstens ein bisschen.

SPOX: Herr Okazaki, was haben Sie Ihrem Landsmann von Deutschland erzählt?

Okazaki: Dass es vor allem für die Kinder sehr schön ist. In Japan herrscht eine große Hektik und überall ist Verkehr. In Deutschland hingegen gibt es viel Natur. Meine Frau und die Kinder lieben es, spazieren zu gehen.

SPOX: Herr Sakai, was sind Ihre ersten Eindrücke von Deutschland?

Sakai: Was mir sofort aufgefallen ist: Schon ab Mittag trinken einige Leute Alkohol zum Essen, manchmal Wein, manchmal Bier. Das war mir komplett neu und wäre in Japan undenkbar.

Okazaki: Das hat etwas mit der deutschen Art zu tun. Irgendwie können die Deutschen viel besser relaxen als die Japaner. Hier geht es nicht nur um Arbeit, sondern auch um das Genießen der Freizeit. Am Anfang fand ich das ungewöhnlich. Wenn ich unter der Woche nachmittags in die Stadt gegangen bin, waren überall Menschen. Opas und Omas, die sich gemütlich in ein Kaffee setzen. Junge Menschen, die einfach shoppen gehen. Das kenne ich so nicht aus Japan.

SPOX: Sind Japaner und Deutsche gar nicht so ähnlich, wie es häufig heißt?

Sakai: Ähnlich? Ich finde, dass das nach meinen ersten Eindrücken kaum zutrifft. Die Mentalität ist schon anders. Bei Deutschen sind die Emotionen viel stärker ausgeprägt und sie lassen es viel eher raus. Egal, ob es darum geht, sich in der Freizeit zu entspannen oder auf dem Fußball-Platz aggressiv aufzutreten.

Okazaki: Genau diese Aggressivität sollten wir japanischen Spieler übernehmen. Es geht nicht darum, den europäischen oder deutschen Fußball kopieren zu wollen. Doch diese aggressive Mentalität fehlt uns Japanern. Spieler wie Hidetoshi Nakata oder Keisuke Honda, die mehr wie Europäer ticken, sind noch die Ausnahmen. Auch deswegen bin ich nach Deutschland gewechselt.

SPOX: Ist Bruno Labbadia der richtige Trainer für Sie?

Okazaki: Ja. In Japan gibt es auch ziemlich strenge Trainer, aber er ist schon sehr anspruchsvoll (lacht). Was ich an ihm besonders interessant finde, ist seine Intensität. Das ist bei ihm jeden Tag zu spüren. Manchmal geht er vor oder nach einem Training im höchsten Tempo joggen, manchmal macht er unsere Übungen im Kraftraum mit. Das habe ich bei einem Trainer noch nie erlebt. Er ist so fit, als ob er immer noch spielen würde. Er lebt vor, was er von uns verlangt.

SPOX: Labbadia setzte sie beide erstmals beim 5:0 gegen Berlin mit großem Erfolg auf der linken Seite ein. Dabei sind das nicht ihre Lieblingspositionen. Ein Problem?

Sakai: Ich fühle mich als Rechtsverteidiger eigentlich wohler, weil rechts mein starker Fuß ist. Trotzdem wurde ich schon im Trainingslager auf der linken Seite ausprobiert und es hat mir gefallen. Philipp Lahm ist ja ein ähnlicher Typ wie ich und es funktioniert bei den Bayern mit ihm als Linksverteidiger. Daran orientiere ich mich.

SPOX: Und wie ist das bei Ihnen, Herr Okazaki? In Ihrer Heimat wurden Sie als Angreifer zu einem der größten Stars.

Okazaki: In Japan war ich ein Vollblutstürmer. Einer, der vorne drinstand und immer Tore schießen wollte. Doch schon vor meiner Unterschrift beim VfB wusste ich, dass ich mich in Stuttgart umstellen muss. Dass ich genau dort eingesetzt werde, wo ich für die Mannschaft am wertvollsten bin. Und das ist eben die linke Außenposition. Ich würde gerne irgendwann im Sturm aufgestellt werden, dennoch ist die derzeitige Rolle gar kein Problem. Ich sehe es als Möglichkeit, um mich weiterzuentwickeln.

SPOX: Ihre Kopfballstärke haben Sie als Linksaußen nicht verloren. Dabei sind Sie nur 1,74 Meter groß.

Okazaki: Da muss ich mich bei meinem Trainer in der Mittelstufe bedanken. Bei ihm gab es nichts Wichtigeres als Kopfbälle. Egal wie und wann, wir übten Kopfbälle. Selbst bei zu flachen Flanken, die nur zehn Zentimeter über dem Boden geflogen kamen, durfte ich nicht mit dem Fuß abschließen, sondern nur mit dem Kopf. Damals fand ich es seltsam, aber jetzt profitiere ich davon. (lacht)

Der VfB Stuttgart im Überblick

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