Sebastian Kehl: Der Arschtrittabwehrer

Von Jochen Tittmar
Freitag, 24.02.2012 | 09:20 Uhr
Sebastian Kehl wäre vor seinem Transfer zum BVB beinahe zum FC Bayern München gewechselt
© Imago
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Venlo

In den vergangenen sechs Jahren spielte das Schicksal Dortmunds Sebastian Kehl übel mit. Der von dutzenden Verletzungen geplagte Kapitän der Borussia riss sich jedoch jedes Mal zusammen und kam zurück - um dann den nächsten Rückschlag zu erleiden. Seit dieser Saison ist der 32-Jährige gesund und dankt es mit starken Leistungen, die der BVB nun mit einer Vertragsverlängerung honorierte.

Wenn die Jungspunde im Kader von Borussia Dortmund die "Playstation" anschmeißen, gefällt sich Kapitän Sebastian Kehl höchstens in der Rolle des Zuschauers. Mit den flinken Fingern der Jungs, die teilweise mehr als zehn Jahre nach ihm das Licht der Welt erblickten, kann der 32-Jährige nicht mithalten.

Kehls Stärken liegen im Bereich klassischer Sportarten, wie sich zuletzt beim Wintertrainingslager im spanischen La Manga zeigte. Beim Tischtennis mit Bundestrainer Jörg Roßkopf war Kehl der Beste im Team des Meisters und schaffte es sogar, einem der erfolgreichsten deutschen Spieler aller Zeiten ein paar Punkte abzunehmen.

Kehl: "Im Moment kann ich einfach glücklich sein"

Der Fußballer Kehl war zu dieser Zeit verletzt. Er kurierte einen Faserriss aus. Mittlerweile eine Lappalie für einen wie ihn. Um Kehl ernsthaft zu schocken, muss schon deutlich mehr passieren.

"Im Moment kann ich einfach glücklich sein und meinem Beruf nachgehen", sagte er kurz vor den Weihnachtsferien - trotz Verletzung.

Dass Aussprüche wie diese seit der Zeit nach der WM 2006 Seltenheit besaßen, ist eine oft erzählte Geschichte. Das unglaubliche Pech, das Kehl in den letzten sechs Jahren verfolgte, spottet jeder Beschreibung.

Arschtritte des Schicksals

Er werde sich zurückkämpfen, den Rückstand Stück für Stück aufzuholen versuchen, erzählte er jedes Mal fast wortgleich. Nur um körperlich halbwegs wiederhergestellt den nächsten Arschtritt des Schicksals über sich ergehen zu lassen. Eine Endlosschleife an Verletzungen, Reha-Maßnahmen, Arztbesuchen und Comebackversuchen.

Kehl gab nie auf. Er spulte jedes Programm zur Wiedergenesung ab, als ob er es zum ersten Mal absolvieren würde. Und musste immer wieder betonen, dass er an seine Rückkehr glaube, an eine Wendung zum Positiven.

"Es ist das Kreuz, das ich zu tragen habe. Es war immer eine Herausforderung, mich wieder heranzukämpfen. Mir macht es Spaß, den Leuten zu beweisen, dass ich noch nicht zum alten Eisen gehöre", erzählt der 31-malige Nationalspieler rückblickend.

Passt Kehl noch zum Fußball des BVB?

Und Kehl bewies es. Kehrte er nach einer Blessur zurück in die Mannschaft, fiel er nur selten ab und präsentierte sich erstaunlich zügig wieder auf der Höhe des Geschehens. Bis ihn eben die nächste Verletzung erneut zurückwarf.

Obwohl Kehl vor Beginn der aktuellen Spielzeit lediglich 60 von 170 möglichen Partien bestreiten konnte, hatte er teamintern den Status des Führungsspielers, des Wortführers und Kapitäns nie verloren.

Ob diese Eigenschaften aber ausreichen, um in der so jugendlichen Dortmunder Mannschaft dauerhaft einen Platz zu finden? Die Öffentlichkeit hatte Zweifel. Angebrachte Zweifel. Der unter Jürgen Klopp gepflegte Stil des mit physischer Extrembelastung gepaarten Hochgeschwindigkeitsfußballs ließ für einen instabilen Spieler wie Kehl keine günstige Prognose zu.

Kehl: "Wenn ich fit bin..."

Wenn man die Bewegungsabläufe eines Benders oder eines Sahins sieht, wie soll da der "alte" Kehl noch mithalten können, fragten sich viele nicht nur hinter vorgehaltener Hand.

Den Leidgeplagten schien das Gerede nicht wesentlich zu stören. Er war es ja auch gewohnt, aufhalten konnte er es sowieso nicht.

"Wenn ich fit bin, stand ich in der Vergangenheit immer auf dem Platz." Auch einer jener Sätze, die man häufig von ihm vernahm. Und sich wunderte, ob Kehl denn die Zeichen der Zeit nicht erkennen will.

Kehl gesund und Stammspieler

Nun, im Februar 2012, fast sechs Jahre nach dem fatalen Zweikampf mit Hasan Salihamidzicam ersten Bundesligaspieltag nach der WM 2006, hat Sebastian Kehl seinen Vertrag beim BVB abermals verlängert.

Kehl gehört noch nicht zum alten Eisen. Er hat seine fußballerischen Qualitäten ein weiteres Mal in die Gegenwart retten können. Er ist fit. Über einen längeren Zeitraum. In dieser Saison stand er schon öfter auf dem Platz als in den vergangenen beiden Spielzeiten zusammen.

Nicht erst aufgrund seiner irren Krankenakte spielt Kehl derzeit einen bemerkenswert guten Park. Er darf sich Stammspieler nennen. Der 19-jährige Moritz Leitner sowie Ilkay Gündogan (21), zum Start der Spielzeit im Ranking der defensiven Mittelfeldspieler noch deutlich vor Kehl positioniert, müssen sich hinter dem ehemaligen Dauerpatienten anstellen.

Kehl kann man "sehr gut gebrauchen"

Der interpretiert seine Rolle mit all seiner Erfahrung und Ruhe. Kehl koordiniert das Defensivspiel und die Rollenverteilung im Mittelfeld. Er findet die ideale Balance zwischen aggressiver Zweikampfführung im Spiel gegen den Ball und offensiven Vorstößen - und erstaunt durch sein Laufpensum, das sich von dem seiner Mitspieler nicht unterscheidet.

"Ich genieße es, den Rhythmus der Mannschaft mitmachen zu können. Ich fühle mich gerade sehr stabil und voller Kraft. Ich muss mich nicht übermäßig behandeln lassen, habe keine Extratermine mit Reha-Trainern oder irgendwelchen Ärzten. Endlich konnte ich mal wieder kontinuierlich zeigen, dass man mich auch weiterhin sehr gut gebrauchen kann", sagt Kehl in derselben Tonlage, die er auch als Verletzter anschlug.

Die aktuellen Darbietungen im Maschinenraum des BVB-Spiels unterstreichen sein im Krankenstand gezeigtes Selbstbewusstsein: Er ist fit, also spielt er auch.

Neuer Vertrag, zwölfte Saison beim BVB

Kehl hat es geschafft. Der "absolute Leader", wie ihn Klopp nennt, hat ausgezeichnete Chancen, dass der Dortmunder Höhenflug nun auch endlich einmal seine Unterschrift trägt.

Kehl ist jedoch nicht erst aufgrund seiner Vergangenheit geläutert genug um zu wissen, dass es jederzeit zu einem weiteren Rückschlag kommen kann - die Bandbreite an Verletzungen ist für Fußballprofis kolossal. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Moment zu genießen. Und genau das tut er auch.

"Alles, was um ihn herum passiert, tut ihm gut. Und er tut uns gut", sagt der Trainer. Ab dem Sommer auch in seiner zwölften Saison bei den Westfalen.

Sebastian Kehl im Steckbrief

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