Andreas Beck im Interview

Beck: "Mich kann nichts mehr schocken"

Von Interview: Haruka Gruber
Freitag, 17.02.2012 | 11:55 Uhr
Andreas Beck spricht in seiner Funktion als Kapitän mit Daniel Williams
© Imago
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Als Kapitän erlebte Andreas Beck das Hoffenheimer Chaos hautnah mit und fordert nach dem Trainerwechsel zu Markus Babbel ein grundsätzliches Umdenken - auch von Mäzen Dietmar Hopp. Der 24-Jährige über fehlende Identität, ein Nationalmannschafts-Comeback und den Sprung in "Dani-Alves-Sphären".

SPOX: Herr Beck, was denken Sie sich, wenn Sie die italienische Tabelle sehen und Juventus in der Spitzengruppe erblicken?

Andreas Beck: Ich nehme das einfach mal so hin.

SPOX: Keine Reue, dass Sie im Sommer in Hoffenheim verlängert und nicht den Kontakt zu Juventus intensiviert haben, das an Ihnen interessiert war?

Beck: An solche Gedanken kann ich keine Zeit verschwenden. Natürlich habe ich mir es anderes vorgestellt, wie das erste Jahr nach meiner Verlängerung läuft, aber die letzten Wochen waren so turbulent, dass mich nur eine Frage beschäftigt: Wie finden wir zurück in die Spur?

SPOX: Das Kapitel Holger Stanislawski haben Sie für sich bereits abgeschlossen?

Beck: Es bleibt einem nichts anderes übrig. Stanislawski ist ein ganz besonderer Mensch. Ein Trainer, der einen emotional so erreicht, wie ich es noch nie erlebt habe. Andererseits muss man der Wahrheit ins Auge schauen: Wir haben es zusammen nicht geschafft, den Ansprüchen gerecht zu werden.

SPOX: Ihre Leistungen in dieser Saison sind ein Abziehbild für die Mannschaft: Nach anfangs guten Leistungen im 4-2-4-System wurden Sie zusehends schwächer. Woher kommt der Umschwung?

Beck: Es ist seltsam: Die ersten Spieltage fühlten sich richtig gut an. Ich hatte die Unruhe wegen der Wechselgerüchte hinter mir gelassen und genoss es, dass meine Zukunft geklärt war und uns so ein extrem guter Saisonstart gelang. Wir gewannen vier der ersten sechs Spiele! Und dann passierte plötzlich etwas Merkwürdiges: Es ging auf einmal bergab - nicht nur für ein paar Wochen, sondern durchgängig. Das hat uns alle etwas in Unruhe versetzt. Als es selbst nach der Winterpause nicht besser wurde, machte sich auch die Mannschaft große Sorgen. Wir verstehen es immer noch nicht, warum wir den Hebel nicht umlegen konnten.

SPOX: Die Mannschaft ist talentiert - doch fehlt ihr der Charakter?

Beck: Der große Teil hat den absoluten Willen, sportlich erfolgreich zu sein. Aber es ist bei uns wie bei vielen anderen Vereinen so, dass es negative Strömungen in der Kabine gibt, wenn es nicht läuft. Man findet dann immer Spieler, die nicht so behandelt werden, wie sie es sich wünschen. Unzufriedenheit, Frust, dazu noch das Aus im Pokal-Viertelfinale gegen einen Zweitligisten zuhause - es summierte sich einiges.

SPOX: Haben Sie sich in den letzten Wochen selbst hinterfragt, ob Sie als Kapitän richtig handeln? Ob Sie vielleicht Tacheles hätten reden sollen, um ein Zeichen zu setzen?

Beck: Natürlich bin ich kritisch mit mir selbst umgegangen. Ich bin in den letzten Jahren in die Führungsrolle hineingewachsen und nehme sie immer besser an. Trotzdem bringt es bei aller Reflexion nichts, sich plötzlich zu verstellen. Ich wäre nicht mehr authentisch, wenn ich mich übertrieben aufgespielt hätte und jedem über den Mund gefahren wäre. Nein, so bin ich einfach nicht. Ich kann auch ohne so ein Gehabe meiner Verantwortung als Kapitän sehr gut nachkommen: Ich beziehe in der Kabine klar und konsequent Stellung und versuche, das Bindeglied zum Trainer zu sein.

SPOX: Was nicht verhindern konnte, dass Stanislawski entlassen wurde.

Beck: Deswegen fühle ich mich mitschuldig.

SPOX: Sie sind in Hoffenheim Leistungsträger, der Kapitän, das Aushängeschild, der Aspirant auf die deutsche Nationalmannschaft. Zu viel für einen 24-Jährigen?

Beck: Zunächst sehe ich es als Zeichen der Wertschätzung, daher komme ich der Verantwortung gerne nach. Ich habe in Hoffenheim schon einiges erlebt und mich kann jetzt so schnell nichts mehr schocken. Ich bin abgehärtet. Allerdings muss jedem klar sein, dass es keine One-Man-Show sein kann. Tom Starke, Marvin Compper, Sejad Salihovic, Ryan Babel und natürlich auch noch andere: Sie verfolgen alle Ambitionen und sind genauso gefragt wie ich.

SPOX: Der neue Trainer Markus Babbel bat Sie nach Amtsantritt sofort zum Gespräch. Ging es vor allem um Sie und Ihre Rolle?

Beck: Nein, vielmehr kam es Markus Babbel darauf an, ein Gefühl für den Verein zu finden und abzugleichen, ob seine Außenwahrnehmung von der Mannschaft zu meiner Einschätzung passt. Es war ein gutes Gespräch. Wir haben in Stuttgart noch zusammengespielt und konnten uns das Kennenlernen sparen. Ich verspreche mir einiges von Markus Babbel.

SPOX: Ist Babbel der Richtige, um Sie zurück in die Nationalmannschaft zu führen?

Beck: Ich hoffe es. Aber es gibt vor der EM-Nominierung nur noch das Testspiel gegen Frankreich, entsprechend realistisch sehe ich die Chancen. Das ändert nichts daran, dass die Nationalmannschaft mein Nahziel bleibt. Ich möchte wieder dahin, dass die Leute sagen: "Andi Beck gehört ins DFB-Team!" Um sich eine Berufung zu verdienen, muss sich die Leistung von mir und Hoffenheim jedoch stabilisieren.

SPOX: Vom Talent her kann man Sie als den komplettesten Rechtsverteidiger Deutschlands bezeichnen.

Beck: Danke für das Kompliment. Und ohne überheblich klingen zu wollen: Ich weiß um meine Qualitäten.

SPOX: Wer ist für Sie die Referenz auf der Rechtsverteidiger-Position?

Beck: Da gibt es nur einen: Barcelonas Dani Alves. Er überragt alle anderen. Jeder Topklub verfügt über einen starken Rechtsverteidiger, trotzdem ist Alves der Inbegriff des modernen Außenverteidigers. Er rennt über 90 Minuten hoch und runter, leitet Offensivaktionen ein und steht defensiv sicher.

SPOX: Ist es möglich, sich irgendwann in diesen Sphären zu bewegen?

Beck: Das klingt jetzt vielleicht schwer vorstellbar, aber ich wünsche es mir. Ich bin noch entwicklungsfähig. Irgendwann möchte ich in Alves' Sphären vorstoßen. Man muss sich hohe Ziele stecken. Ob es reicht, wird man sehen.

SPOX: Würden Sie die These unterschreiben, dass Ihre Karriere in den letzten zwei Jahren stagniert?

Beck: Sportlich ist was dran: Mein Anspruch lautete vor zwei Jahren, am internationalen Wettbewerb teilzunehmen, um mich zu verbessern und zu reifen. Dieser Schritt kam nicht. Dennoch war es keine verlorene Zeit. Ich habe durch die ständigen Auf und Abs menschlich unheimlich viel dazugelernt und meinen Mann gestanden - und das immer als Stammspieler, was nicht selbstverständlich ist.

SPOX: Sie sprachen vom internationalen Wettbewerb. Nach den Verkäufen erst von Carlos Eduardo, Demba Ba sowie Luiz Gustavo und nun von Vedad Ibisevic und Chinedu Obasi scheint der Europapokal so weit entfernt wie nie.

Beck: In den vergangenen eineinhalb Jahren verloren wir viel Qualität. Als Spieler, der hoch hinaus will, findet man das natürlich sehr schade. Vermutlich sollte das aber jeder akzeptieren, weil der Verein erst eine Identität finden muss, bevor größere Ziele angegangen werden können.

SPOX: Wie zeigt sich Hoffenheims fehlende Identität?

Beck: Wir haben kein Maß gefunden zwischen den Extremen. An einem Tag hieß es, dass wir ein junger Verein sind und es okay ist, wenn wir im Mittelfeld stehen. Am anderen Tag klang es so durch, als ob wir plötzlich eine absolute Topmannschaft wären und kurz davor stehen, oben reinzurutschen. Und dann lautete die Devise plötzlich, dass wir froh wären, wenn wir nicht absteigen. Diese Stimmungsschwankungen im Verein färben auf das Team ab und verunsichern es. Wir brauchen eine gesündere Mischung aus Selbsteinschätzung und Selbstbewusstsein.

SPOX: Sprechen Sie damit Mäzen Dietmar Hopp an?

Hopp: Ohne Dietmar Hopp gäbe es den Verein in der Form nicht, dafür müssen wir ihm zutiefst dankbar sein. Deswegen hat er selbstverständlich das Recht, seine Meinung kundzutun und seine Sorgen um Hoffenheim in der Öffentlichkeit zu thematisieren, auch wenn jede seiner Äußerungen hohe Wellen schlägt. Wir Spieler verstehen seine Ängste, weil wir die Situation als ähnlich gefährlich wahrnehmen. Wir hatten nach dem gelungenen Saisonstart ebenfalls daran gedacht, nach den Sternen zu greifen. Nur: Wir alle sollten uns zukünftig nicht mehr so von Emotionen leiten lassen, sondern vernünftig und nüchtern unsere Lage einordnen. Wenn uns das gelingt, sind wir einen deutlichen Schritt weiter.

Der Kraichgau-Capitano: Andreas Beck im Steckbrief

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