Der Raul vom Bökelberg

Von Haruka Gruber
Donnerstag, 19.01.2012 | 13:52 Uhr
Mike Hanke trifft zum Rückrundenauftakt mit Borussia Mönchengladbach auf den FC Bayern
© Imago
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Mike Hanke bekam "auf die Fresse" und hatte keine Perspektive. Nur aus der Verzweiflung heraus wechselte er vor einem Jahr zu Borussia Mönchengladbach - und machte alles richtig. Der Aufschwung der Borussia ist ohne ihn kaum denkbar. Der Egoist von einst soll auch beim Rückrunden-Auftakt gegen den FC Bayern (20.15 Uhr im LIVE-TICKER) seine neuen Qualitäten zeigen.

Im Rausch der Sinne vergaß Mike Hanke für eine Nacht seine Prinzipien. Die Jahre zuvor war er sorgsam darauf bedacht, seinen ohnehin ramponierten Ruf nicht weiter zu beschädigen und das Bild in der Öffentlichkeit zu korrigieren.

Für eine Nacht aber gab er sich der Freude hin. Anlässlich der Feier zum Gladbacher Nichtabstieg im Sommer 2011, an dem Hanke einen wesentlichen Anteil hatte, trat er vor die Borussia-Fans auf das Podium, nahm sich das Mikrofon und sang in Ballermann-Manier - inklusive passender Choreografie - den Karnevalshit "Vader Abraham hat sieben Söhne".

Er erinnerte wieder an jenen Mike Hanke aus der Vergangenheit, der sich gerne vergnügte und selbst von der zur Neutralität verpflichteten offiziellen Bundesliga-Homepage als "Partykönig" bezeichnet wurde.

Doch es war kein Rückfall sondern lediglich eine Ausnahme, die nur eines über Hanke verriet: Seine Erleichterung darüber, endlich wieder eine richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Nichts ist mehr, wie es einmal war

Mit Hanke werden von jeher Attribute assoziiert, die niemanden schmeicheln: überbezahlt, überschätzt, über die Maßen selbstfixiert. Seit dem sensationellen Klassenerhalt mit Gladbach und spätestens mit der abgelaufenen Hinrunde, die die Borussia auf Platz vier beendete, ist jedoch nichts mehr, wie es einmal war.

Der 28-Jährige wird so wertgeschätzt wie noch nie, obwohl er gemessen an seinen Einsatzzeiten so schlecht trifft wie noch nie. "Vor vier, fünf Jahren hätte ich nicht einmal daran gedacht, dass so etwas möglich ist", sagt Hanke. "Aber ich habe meine neue Rolle angenommen."

Eine neue Rolle, die selbst er nur schwer beschreiben kann. Er sei nicht mehr der eindimensionale Mittelstürmer von einst, vielmehr spiele er wie eine Mischung aus "einem Sechser, einem halben Zehner und einem Neun-Einhalber."

Hanke schuftet für Marco Reus

Statt wie früher an vorderster Front halbherzig gegen den Ball zu arbeiten und sich ansonsten über eigene Tore zu definieren, suchte sich Hanke bewusst eine Nische. In Gladbach schuftet er als hängende Spitze für Marco Reus und zeichnet für die unterschiedlichsten Aufgaben verantwortlich.

Er beteiligt sich mit Inbrunst am Pressing und läuft den ballführenden Gegner an, bei gegnerischen Standards kommt ihm dank der Kopfballstärke eine ähnlich große Bedeutung zu. Dass er 28,1 Zweikämpfe auf 90 Minuten hochgerechnet bestreitet und von diesen 39 Prozent gewinnt, sind für einen Stürmer jeweils überdurchschnittliche Werte.

Offensiv wiederum versucht er sich je nach Situation als klassischer Wandspieler, der den hohen Ball verarbeitet und ablegt, oder eben als Relaisstation beim Kurzpassspiel. Einige der besten Konter der Borussia in der Hinrunde wären ohne ihn nicht denkbar gewesen.

"Trainer Lucien Favre hatte eine Vorgabe an mich: Wenn ich den Ball bekomme, soll ich nur ein oder zwei Kontakte haben und dann sofort weiterpassen, weil wir das Spiel so schnell wie möglich machen müssen. Das ist uns gut gelungen", sagt Hanke, der Parallelen zu Schalkes Raul ausmacht. "Raul spielt ähnlich wie ich."

"Ich bin nicht mehr egoistisch"

Der große Unterschied zwischen ihnen sei jedoch, dass Raul viel mehr Tore machen würde als er. Dies sei jedoch kein Grund zum Verdruss: "Früher war mir wichtig, dass ich die Tore schieße, weil ich an Toren gemessen wurde. Jetzt bin ich nicht mehr egoistisch."

Einher ging die Einsicht mit einem neuen Anspruch an sich selbst: Statt wie bei den vorherigen Vereinen nur mitzulaufen, möchte er in Mönchengladbach vorangehen. "Ich sehe mich als Führungsspieler", sagt Hanke. Und dafür sei es entscheidend, sich nicht nur als Fußballer, sondern auch als Charakter einzubringen: "Es geht um die Haltung auf und außerhalb des Fußball-Platzes. Man kann entweder Nervosität in die Mannschaft reintragen oder Selbstvertrauen ausstrahlen. Ich merke, dass die jungen Spieler zu mir hochschauen."

Hanke bereut Wolfsburg-Wechsel

Der Weg zum Leithammel war jedoch lang und beschwerlich. Bereits mit 16 Jahren wurde der damalige Bochumer vom FC Schalke 04 für die eigene U 19 verpflichtet. Mit 18 kam er zum Profi-Debüt, mit 19 gehörte er fest zum Bundesliga-Team, mit 20 war er einer der besten Joker des Landes.

Der Status als wichtiger Einwechselspieler erschien dem damals übertrieben selbstbewussten Hanke aber als nichtig, weswegen er getrieben von Ehrgeiz und Geltungsbedürfnis einen Wechsel weg von Schalke anstrebte.

Der VfL Wolfsburg und dessen neuer Manager Thomas Strunz, der pikanterweise zuvor noch Hankes persönlicher Berater war, zeigte das größte Interesse und zahlte vier Millionen Euro. Wohlgemerkt für einen 21-Jährigen mit der Ausbeute von sieben Bundesliga-Toren in den ersten drei Spielzeiten. "Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich auf Schalke geblieben wäre", sagt Hanke.

Hanke polarisiert

Die übertrieben hohe Ablösesumme führte zu ebenso großem Unverständnis wie die Entscheidung des damaligen Bundestrainers Jürgen Klinsmann, Hanke trotz der mittelmäßigen Debüt-Saison in Wolfsburg (acht Tore, drei Assists) für die Heim-WM 2006 zu nominieren.

Konkurrent Kevin Kuranyi hatte in vier Spielzeiten in Folge zweistellig getroffen und dennoch das Nachsehen, obwohl Hanke wegen einer Roten Karte im Confederations Cup für die ersten beiden WM-Spiele gesperrt war - und dieser sich in einem Tief befand: Er erzielte in den letzten neun Spielen vor der WM keinen einzigen Treffer.

Ein Jahr darauf übernahm Felix Magath in Wolfsburg, sortierte Hanke nach einer weiteren belanglosen Saison (acht Tore, zwei Assists) aus machte damit sogar einen Gewinn: Hannover entschloss sich, Hanke für eine noch immer gültige Klub-Rekordsumme von 4,5 Millionen Euro zu kaufen.

Im Rückblick sagt er: "Ich habe in Hannover auf die Fresse bekommen und daraus gelernt."

In Hannover wurde es hässlich

Nachdem die erste Saison zur Zufriedenheit aller verlief - Hanke traf das erste und bisher einzige Mal in der Karriere zweistellig (zehn Tore, zwei Assists) - wurde es hässlich. Er verkam zum Bankspieler und zur Hassfigur der Zuschauer, was ihn in eine Lebenskrise stürzte.

"In Hannover haben mich die Fans ausgepfiffen, und ich habe mir zu Hause teilweise den Kopf darüber zermartert und war am Boden zerstört", sagt Hanke. Der Selbstmord von Robert Enke erschütterte seine Grundfesten und brachte ihn zum Nachdenken: "Sein Tod hat mich sehr geprägt. Man wird dadurch automatisch erwachsener."

Zweieinhalb Jahre ohne Perspektive vergingen, in denen Hanke einen Wechsel anstrebte, sich aber schlichtweg keiner um ihn bemühte. Nimmt man den damaligen Zweitliga-Letzten Bielefeld und Rapid Wien aus. "Geschenkt noch zu teuer", titelte die "Bild".

Hanke und Gladbach in auswegloser Situation

Erst Anfang 2011 bot sich die Möglichkeit mit Mönchengladbach, damals abgeschlagenes Schlusslicht der Bundesliga. "Es war schwierig für mich, einen Verein zu finden. Auch Gladbach war in einer nahezu ausweglosen Situation." Es fanden sich zwei verlorene Seelen.

Zur Aufholjagd mit dem erfolgreichen Klassenerhalt trug Hanke sechs Assists und einen Treffer bei. In dieser Saison stand er bei allen 16 Einsätzen in der Startelf und machte sich als uneigennütziger Arbeiter wertvoll.

Selbst als ihm in den ersten sieben Spielen kein einziger Scorer-Punkt gelang, zweifelte Favre nie an Hankes Wertigkeit: In den folgenden neun Partien lieferte er drei Tore und drei Assists - die beste Phase seiner Karriere.

"So kann es weitergehen", sagt Hanke.

Mike Hanke im Steckbrief

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