Der FC Bayern nach der Pleite in Gladbach

Die Suche nach Plan B

Von Fatih Demireli
Sonntag, 22.01.2012 | 23:34 Uhr
Der FC Bayern hat in dieser Saison bereits fünf Niederlagen einstecken müssen
© Getty
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Der FC Bayern München demonstrierte Harmonie und Stärke vor dem Rückrunden-Start. Doch die Pleite bei Borussia Mönchengladbach wirft Fragen auf. Erinnerungen an die Vergangenheit kommen auf. Trainer Jupp Heynckes muss sich Kritik gefallen lassen.

Der FC Barcelona ist im Trend, der FC Barcelona ist Vorbild. Betrachtet man die seit Jahren andauernde Vorherrschaft der Katalanen im europäischen Vergleich, ist das Dasein Barcelonas als Leitbild für die eigene Bewegungstherapie berechtigt.

"Was Barcelona spielt, ist einfach überragend", sagt Bayern Münchens Arjen Robben. Den Niederländer packt die Ehrlichkeit: "Es heißt ja manchmal, wir könnten das auch, oder Bayern sei nah dran - wenn ich ehrlich bin, rede ich da ungern drüber, weil du nicht wirklich die Wahrheit sagen kannst. Denn zu Barcelona ist es noch ein großer Schritt für uns."

Den Beweis lieferten die Münchener unfreiwillig am Freitag. Den Beweis, dass sie noch nicht in der Gewichtsklasse Barcelonas sind. Den Beweis, nicht die Lösungen zu finden, die Barca in schwierigen - und sogar gleichen - Situationen kreiert.

Bayern bleibt sich treu - und verliert

Die Parallelen von FCB zu FCB klingen verblüffend: Gastspiel beim Titelkonkurrenten, früher Rückstand aufgrund eines Torwartfehlers und dennoch mit dem eigenen Stil weitergespielt.

Doch während der FC Barcelona in zwei Duellen in Liga und Pokal gegen Real Madrid am Ende doch noch gewinnen konnte, hat der FC Bayern mit der Treue zum eigenen Spielstil dem Gegner, Borussia Mönchengladbach, in die Karten gespielt und wie schon im Hinspiel verloren. Auch damals war es ein Torwartfehler und auch damals fand der FC Bayern keine Mittel, zurückzukommen.

Es wäre der falsche Ansatz, nach einer Niederlage zum Rückrundenauftakt gegen einen Gegner, der in dieser Saison über sich hinauswächst, eine Grundsatzdiskussion über die Leistungsfähigkeit des FC Bayern zu starten. Dafür haben die Münchner in dieser Saison sehr lange überzeugt und die Herbstmeisterschaft geholt. Das verdiente 1:3 in Mönchengladbach wirft dennoch Fragen auf.

Zu viel CL-Finale, zu wenig Bundesliga

Vom besten Trainingslager seit Ewigkeiten war die Rede, als der Bayern-Tross in Doha Quartier machte. Die Harmonie, die Trainer Jupp Heynckes seit seiner Ankunft quasi trainiert und predigt, gelangte im Nahen Osten an den Höhepunkt. Wohl infolgedessen waren sehr forsche Töne zu hören.

War man bei diesem Thema lange Zeit doch eher zurückhaltend, sprachen die Münchener um die Weihnachtszeit herum sehr offensiv vom Champions-League-Finale im eigenen Stadion. Präsident Uli Hoeneß äußerte dies sogar als "größten Traum".

Auch Spielmacher Franck Ribery sagte im Trainingslager: "Ich will unbedingt ins Champions-League-Finale. 2010 war ich ja leider gesperrt, das war so enttäuschend. Mein Traum ist es, Uli Hoeneß am 19. Mai den Champions-League-Pokal zu schenken."

Dass noch Bundesliga-Alltag ist und der Kampf dort noch sehr offen ist, kam in der Winterpause etwas zu kurz. "Wir sind der FC Bayern", gab Philipp Lahm einen Tag vor dem Rückrundenstart Journalisten und Öffentlichkeit mit auf den Weg.

Robben: "Sind noch nicht so weit"

Die eigentliche Wahrheit sprach Toni Kroos nach der Niederlage im Borussia-Park aus: "Wie weit man ist, sieht man beim ersten Pflichtspiel." Robben kennt die Antwort: "Wir sind noch nicht da, wo wir sein müssen." Die Münchner sind nicht so weit, wie sie es erwartet und verkündet haben.

Es war nicht so, dass Gladbach den FC Bayern an die Wand spielte. Die Borussen hatten den Rekordmeister aber jederzeit im Griff, wurden mit einfachen Mitteln gefährlich in der Offensive, mit noch einfacheren Mitteln schlossen die beiden Viererketten vor der Abwehr alle Wege zum Tor zu.

"Wir haben versucht etwas zu machen, aber es war nicht so einfach gegen die defensiven Gladbachern durchzukommen", sagte Bastian Schweinsteiger über die Situation insbesondere nach dem 0:2-Rückstand. Arjen Robben rannte sich rechts immer wieder fest, verlor Bälle, die beispielsweise das 0:2 einleiteten. Auf der anderen Seite fehlten Franck Riberys Ideen. Dass sich Toni Kroos im Zentrum wohler fühlt und dort eher zu gebrauchen ist, bewies der Freitagabend.

Offensichtlich ist, dass der Truppe von Jupp Heynckes ein Plan B fehlt, wenn es gegen Gegner wie Mönchengladbach geht, die taktisch gut geschult sind und gegen Bayern clever und befreit aufspielen.

Erinnerungen an van Gaal

Bayerns Verlegenheit im Offensivspiel erinnerte an die Spiele bei Hannover 96 oder auch gegen Borussia Dortmund. Auch dort hatte man gegen taktisch hervorragend eingestellte Gegner keinen Stich gemacht und keine Alternativen gefunden, auf die Taktik des Gegners zu reagieren.

Ein Vorwurf, den sich schon Heynckes-Vorgänger Louis van Gaal in seiner zweiten Saison anhören musste. "Wir haben gesehen, dass wir noch etwas tun müssen. Wir müssen den Schalter schnell umlegen. Uns sind einfach zu viele Fehler im Aufbauspiel unterlaufen", sagte Schweinsteiger nach dem Gladbach-Spiel. Die Aussage fiel sicherlich fast Wort für Wort zu Zeiten van Gaals genauso.

Weil Gladbach die Flügel durch Doppelung und guter Staffelung zumachte, versuchten die Bayern, das Spiel ins Zentrum zu verlagern, doch auch da war kein Platz und schon gar kein Plan, um die Kombinationen schneller zu gestalten.

Heynckes' Versuche, aufs Spiel einzuwirken, brachten wenig ein, weil David Alaba und Rafinha an der Ordnung und Ausrichtung nur Nuancen veränderten. Die Option Ivica Olic, um mit einer zweiten Spitze nach dem 0:2 offensiv eventuell Überzahl zu schaffen, wurde nicht gezogen.

Heynckes macht's wie Hitzfeld

Heynckes muss sich die Kritik gefallen lassen, das taktische Element nicht immer an die Spitze seiner Agenda zu schreiben. Zumindest die öffentlichen Aussagen des Trainer-Gurus lassen darauf schließen. Möglicherweise ist es auch so gewollt, um nach dem Detailfanatiker Louis van Gaal, der die Spieler mit seinen spieltaktischen Vorgaben irgendwann nervte, eine andere Art an den Tag zu legen.

Heynckes musste die Mischung finden, als er in München angetreten war: etwas van Gaal, etwas Ottmar Hitzfeld. Ob der Situation zu Saisonbeginn geschuldet, ist daraus inzwischen zu viel Hitzfeld geworden. Der "General" verstand es, eine Mannschaft bestehend aus schwierigen Charakteren durch Ansprache und Feingefühl bei Laune zu halten.

Heynckes sagt selbst: "Ich habe mit allen viel geredet und die Kommunikation wieder gefördert. Ich glaube, dass ich durch meine Art, die Mannschaft zu führen und immer offen zu wirken, wieder sehr viel Ruhe in den Klub gebracht habe." Ein nicht zu unterschätzender Verdienst des Trainers, doch, um bei den großen Spielen zu bestehen, braucht der FC Bayern auch den Taktiker Heynckes.

In vermeintlich einfachen Partien, insbesondere Zuhause, reichen spielerische Stärke und individuelle Klasse, um die taktischen Makel, aber auch die mitunter auffällig fehlende Galligkeit einzelner Spieler zu übertünchen. In den schwierigen Partien fällt es dagegen ins Gewicht und führt wie in Gladbach zu Negativerlebnissen.

Gerade auswärts sieht die Bilanz inzwischen nicht berauschend aus: drei Niederlagen holte man schon in der Ferne. Den FC Barcelona, das auswärts nur vier Spiele gewann, muss man sich nicht in jeder Disziplin zum Vorbild nehmen.

Mönchengladbach - Bayern München: Fakten zum Spiel

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