Donnerstag, 05.01.2012

Borussia Mönchengladbach nach dem Beben

Risse in der heilen Welt

Marco Reus und Roman Neustädter sind im Sommer weg - stört das jetzt den Frieden bei Borussia Mönchengladbach? Lucien Favre ist enttäuscht und fühlt sich vielleicht auch an seine Zeit bei Hertha BSC erinnert. Sportdirektor Max Eberl geht auf Kuschelkurs zum Trainer und will kräftig investieren. Es bleiben aber noch mehr Risiken.

Was nun? Borussia Mönchengladbachs Macher Max Eberl und Lucien Favre
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Was nun? Borussia Mönchengladbachs Macher Max Eberl und Lucien Favre

Lucien Favre wollte sich gar nicht lange verstellen, nach einigen salbungsvollen Sätzen wich die Diplomatie und der Schweizer ließ seinem Ärger freien Lauf. In der für ihn ruhigen Art zwar, aber doch betont.

"Ich kann kein Geheimnis aus meiner Enttäuschung machen. Es wird schwer, vielleicht sogar unmöglich, die beiden Spieler zu ersetzen." Die beiden Spieler sind Marco Reus und Roman Neustädter, die dem Trainer binnen weniger Stunden ihre Abkehr von Borussia Mönchengladbach zur kommenden Saison gestanden hatten.

"Marco Reus und Roman Neustädter haben mir am Dienstag vor dem Training mitgeteilt, dass sie den Verein im Sommer verlassen - ich finde das sehr ärgerlich!", sagte Favre.

Die ersten Rückschläge für Favre

Für den 54-Jährigen lief es bis jetzt in seiner Zeit in Mönchengladbach geradezu sensationell, ohne jegliche Rückschläge formte Favre aus einem sicheren Absteiger einen ambitionierten Klub, dessen Mannschaft sogar mit der Qualifikation zur Champions League liebäugelt.

Die heile Welt hat zwei tiefe Risse erlitten, die nicht nur Borussias weiteren Saisonverlauf in Frage stellen, sondern für Favre zu einem düsteren Deja-vu werden könnten. Im Sommer gab es kleine Reibereien zwischen dem Trainer und seinem Sportdirektor Max Eberl, weil sich Favre nicht so üppig auf dem Transfermarkt bedienen durfte, wie er sich das vorgestellt hatte.

Cigerci als Neustädter-Ersatz

Unter anderem mündete die eingeschränkte Handlungsfähigkeit in der Verpflichtung des Japaners Yuki Otsu. Der hatte im Probetraining eigentlich nicht so überzeugt wie sich Favre das vorgestellt hatte, wurde aber mangels preisgünstiger Alternativen dennoch verpflichtet. In der Vorrunde kam Otsu dann lediglich zu zwei Kurzeinsätzen.

Der ebenfalls für den vergangenen Sommer eingeplanten Tolga Cigerci kommt jetzt auf Leihbasis plus Kaufoption vom VfL Wolfsburg. "Er hat das gewisse Etwas", sagt Favre über den 19-Jährigen, "wir werden sehen, ob er in der Bundesliga Fuß fassen kann."

Der Deal wurde wenige Tage vor Neustädters Ankündigung perfekt gemacht, im Nachhinein wohl, um für den Fall vorbereitet zu sein, dass Neustädter tatsächlich seinen Abschied ankündigt - und um Favre endlich seinen Wunschspieler zu präsentieren.

Neustädter so wichtig wie Reus

Denn so allgegenwärtig Reus auch in der Vorrunde war und sich in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gespielt hat - so wichtig ist ein sachlich-nüchterner Spieler wie Neustädter für Favres Idee vom Spiel.

"Er ist eine sehr wichtige Größe in unserem System", sagte Eberl noch vor wenigen Wochen im Gespräch mit SPOX. Insofern dürfte dem Schweizer dessen Weggang im Sommer mindestens genauso weh tun wie der von Reus.

Ballsicher, pass- und spielstark organisiert Neustädter das Gladbacher Spiel. Von den beiden Sechsern ist er derjenige, der sich für die Spieleröffnung verantwortlich zeichnet, während Kollege Harvard Nordtveit eher den defensiveren Part einnimmt.

Parallelen zur Hertha-Zeit

Favres Mannschaft ist seit dessen Amtsübernahme auf einer wundersamen Mission, ähnlich wie es Hertha BSC mit dem Schweizer eine Saison lang war. Erst am letzten Spieltag vor zweieinhalb Jahren verschenkte Berlin damals die Teilnahme an der Champions League, danach ging es rapide bergab.

Vor allen Dingen auch deshalb, weil die Millionen aus der Königsklasse fehlten, um Leistungsträger wie Marko Pantelic, Andrej Woronin und Joe Simunic zu halten und Manager Dieter Hoeneß einen strikten Sparkurs verordnete.

Die Spieler, die sich Favre doch zukaufen durfte, entpuppten sich fast ausnahmslos als nicht geeignet. Das Kapitel Favre in der Hauptstadt war dann nach sechs Niederlagen aus den ersten sieben Spielen auch schnell beendet.

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Platz 17: Manuel Neuer: Der "Königstransfer" des FC Bayern im Sommer 2011 kostete stolze 22 Millionen Euro
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Ebenfalls Platz 12: Das Bayern-Schnäppchen 2007 - Franck Ribery kam für 25 Millionen Euro aus Marseille
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Platz 7: Andre Schürrle wechselte für 30 Millionen Euro vom FC Chelsea zum VfL Wolfsburg und für 30 Millionen zum BVB. Doppelt Platz 7!
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Ebenfalls Platz 7: 30 Millionen Euro überwies der FC Bayern 2009 nach Stuttgart für Mario Gomez
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Platz 5: Julian Draxler wechselt für 36 Millionen Euro von Schalke nach Wolfsburg. Mit Bonuszahlen könnte die Summe auf über 40 Millionen anwachsen
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Platz 4: Für Mario Götze überwiesen die Münchner 37 Millionen Euro im Sommer 2013 an Borussia Dortmund
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Platz 2: Arturo Vidal kommt als Weltstar zum FC Bayern, 37 Millionen plus maximal 3 Millionen Euro als Bonuszahlungen bekommt Juve als Entschädigung
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Geteilter Platz 2: 36? 37? 38? Irgendwo zwischen 35 und 40 Millionen Euro dürfte die Summe liegen, die die Bayern im Sommer 2016 nach Dortmund für Mats Hummels überweisen
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Platz 1: Javi Martinez wechselte 2012 für 40 Millionen Euro von Athletic Bilbao zum FC Bayern München
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Was macht die Borussia mit dem Geld?

Auch deshalb ist es jetzt so spannend zu sehen, wie die Borussia auf die anstehenden Verluste auf dem Transfermarkt reagieren wird: Ob weiterhin vorsichtig und zurückhaltend oder doch mit einem gewissen Risiko behaftet?

17,5 Millionen wird der Verkauf von Reus bringen, so viel wie noch kein Spieler in der Geschichte des Klubs. Mit jedem Länderspiel, das Reus als Spieler von Borussia Dortmund bestreiten wird, fließt offenbar noch zusätzliches Geld.

"Wir werden versuchen, Marco Reus mit viel Geld zu ersetzen und den Kader damit zu unterfüttern, um nachhaltig in den Regionen zu spielen, die wir uns vorstellen", sagte Eberl am Donnerstag.

Namen kursieren schon vage, Patrick Ebert etwa, Favres Schützling aus Hertha-Zeiten. Selbst eine Rückholaktion von Marko Marin können sich eine kühne Optimisten vorstellen.

"Jede Entscheidung, auch eine negative, bietet eine neue Chance. Wir müssen weiter unseren Weg gehen und vielleicht irgendwann dahin kommen, dass wir mit Vereinen wie Borussia Dortmund oder Bayern München konkurrieren können."

"Die Mannschaft bricht nicht auseinander!"

Das klingt ein wenig wie das Pfeifen im Walde, um den enttäuschten Trainer schnell wieder einigermaßen ins Gleichgewicht zu bringen. Immerhin, und damit dürfte Eberl auch Recht haben, sagte er: "Die Mannschaft bricht nicht auseinander, nur weil ein Spieler den Verein verlässt!"

Trotzdem wiegen die Ereignisse des vergangenen Mittwochs schwer. Die Euphorie am Borussia-Park schien zuletzt grenzenlos, der Mannschaft wurde ein Platz unter den ersten Vier durchaus zugetraut, so stabil und in sich gefestigt wie sie sich bisher präsentiert hatte.

Arango die nächste Baustelle

Das Binnenklima war bisher ein ganz entscheidender Pluspunkt, dass die Mitspieler professionell mit den neuen Gegebenheiten umgehen werden, ist anzunehmen - auch wenn ein Spieler wie Juan Arango, dessen Vertrag im Juni ausläuft, sich sicherlich Gedanken machen wird. Schließlich hängt dessen überraschende Leistungssteigerung unmittelbar mit Reus' Spiel zusammen.

Vielmehr dürfte vielen Fans der Abgang von Neustädter quer im Magen liegen. Anders als Reus ist der kein Publikumsliebling, er geht nicht zum amtierenden deutschen Meister, verbessert sich sportlich also auf dem Papier kaum. Der Verdacht liegt nahe, dass er die Borussia auch des Geldes wegen verlässt.

"Wir wollten mit ihm verlängern, weil er sich zu einem wichtigen Spieler entwickelt hat", erklärte Eberl, "mit dem Angebot, das wir ihm gemacht haben, hätte sich sein Gehalt vervielfacht. Aber er hat uns mitgeteilt, dass er es nicht annehmen wird."

Schnell sind dann diejenigen zur Stelle, die einen Spieler wie Neustädter, mit weniger Lobby versehen als andere, in einer schlechteren Phase zum Sündenbock machen.

Wie schon in der finsteren Phase des Abstiegskampfs sind Trainer und Sportdirektor jetzt wieder auch als Psychologen gefragt, bereits im Trainingslager in Belek wollen die beiden etwaigen Strömungen gegensteuern.

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Stefan Rommel

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