Fussball

Schockstarre nach Rafatis Selbstmordversuch

SID
Babak Rafati unternahm am Samstag aus unbekannten Gründen einen Suizidversuch
© Getty

Der deutsche Fußball steht nach dem Selbstmordversuch von Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati unter Schock. Nach der Rettung des 41-Jährigen bewegen alle Beteiligten besonders die Frage nach den Gründen für die unfassbar erscheinende Verzweiflungstat und die Suche nach effektiveren Vorbeugungsmechanismen.

Der Selbstmordversuch von Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati hat den deutschen Fußball in eine Schockstarre versetzt. Besonders die Frage nach den noch unbekannten Gründen für die Verzweiflungstat und die Einsicht in die Notwendigkeit von effektiveren Vorbeugungsmaßnahmen beherrschten die Diskussionen.

Rafati aus Kölner Krankenhaus entlassen

Auch Djalal Rafati, der Vater des 41-Jährigen, sucht nach Erklärungen. "Von Depressionen oder Burn-out hat mein Sohn nie etwas erzählt", sagte Djalal Rafati dem "Berliner Kurier". "Mit seiner Freundin ist er seit vielen Jahren zusammen und glücklich. Sie macht alles für ihn und ist eine tolle Frau. Mit ihr kann das nichts zu tun haben." Mit seinem Job als Schiedsrichter sei Babak Rafati "sehr zufrieden" gewesen.

Gespräch zwischen Vater und Sohn nach dem Vorfall

Vater Rafati hatte nach dem Vorfall bereits Kontakt mit seinem Sohn. "Er sagte nur: 'Papa, verzeih mir, was ich getan habe.' Ich habe ihm gesagt: 'Natürlich, du musst dich jetzt erst einmal erholen.'"

FIFA-Referee Rafati war am Samstag kurz vor seinem geplanten Einsatz beim Punktspiel zwischen dem 1. FC Köln und dem FSV Mainz 05 mit aufgeschnittenen Pulsadern in einer Hotel-Badewanne aufgefundenen und gerettet worden. Der Unparteiische befindet sich außer Lebensgefahr.

Rafati außer Lebensgefahr - Notizen gefunden

Zwanziger: "Druck ungeheuer hoch"

DFB-Präsident Theo Zwanziger wagte sich bei der Suche nach den Motiven Rafatis, der nach Angaben des Verbandschefs vor seinem Suizidversuch "nicht in jedem Punkt lesbare Notizen" womöglich als Abschiedsbrief hinterlassen hatte, am weitesten nach vorne.

"Es ist immer ganz schwierig, daran zu denken, dass ein junger Mensch so eine Ausweglosigkeit sieht. Ich kann sie mir auch nur so erklären, dass der Druck auf unsere Schiedsrichter ungeheuer hoch ist und wir es nicht schaffen, das Ganze in eine richtige Balance zu bringen", sagte Zwanziger auf einer Pressekonferenz spürbar bewegt.

Der DFB-Präsident war am Samstagmittag kurz nach dem entschlossenen Eingreifen von Rafatis Assistenten ("Es war viel Blut zu sehen. Die Assistenten haben ihm das Leben gerettet") über die tragischen Vorkommnisse informiert worden.

Bundesligaspiel abgesagt

Während im Kölner RheinEnergie-Stadion die Zuschauer die Spielabsage "aus wichtigen Gründen" erfuhren (neuer Termin noch unbekannt), verzichtete der DFB-Chef auf seinen avisierten Besuch des Frauen-EM-Qualifikationsspiels in Wiesbaden gegen Kasachstan und eilte stattdessen in die Domstadt.

Zwanziger nahm im "ZDF"-Interview den Fußball in die Pflicht: "Die Drucksituationen, die erzeugt werden, werden auf Dauer kein guter Weg sein. Wir müssen da Schritt für Schritt langsam aber sicher wieder zurückkommen."

Liga-Chef Reinhard Rauball plädierte für eine Mischung aus noch intensiverer Betreuung aller am Spitzenfußball Beteiligten und Einzelfall-Betrachtungen. "Wir müssen noch mehr Fachleute mit ins Boot nehmen, die uns sagen, wie breit wir uns aufstellen müssen. Aber man kann nicht sagen, dass der Fußball in eine falsche Richtung läuft. Dagegen wehre ich mich. Wir haben viele andere, die in der Bundesliga mit dem Druck klarkommen", sagte der Präsident von Meister Borussia Dortmund in München.

Karriereknick im September

Rafati hatte 2005 beim Spiel des 1. FC Köln gegen den FSV Mainz 05 sein Bundesliga-Debüt gegeben. Acht Jahre zuvor war Rafati zum DFB-Schiedsrichter aufgestiegen und hatte 2000 erstmals ein Zweitliga-Spiel geleitet. Im Oberhaus kam der Bankkaufmann und Filialleiter insgesamt 84-mal zum Einsatz, zuletzt am 15. Oktober bei der Begegnung VfB Stuttgart gegen 1899 Hoffenheim.

Allerdings war durch den Verzicht des DFB auf Rafatis erneute Nominierung für die ab 2012 gültige FIFA-Liste, auf der Rafati seit 2008 steht, ein Karriereknick erfolgt. Seine Degradierung erschien beinahe zwangsläufig, war Rafati in der Vergangenheit von den Bundesliga-Profis in "Kicker"-Umfragen doch gleich mehrfach zum schwächsten Schiedsrichter der Eliteklasse gewählt worden.

Zwanziger sieht indes die Auswirkungen des allgemeinen Drucks im Spitzensport als eine mögliche Ursache für Rafatis Suizidversuch: "Stärke, die nach außen getragen und dargestellt wird, zeigt nicht den Menschen selbst, der im Innern schwach sein kann. Wir müssen uns in der ganzen Gesellschaft nicht nur nach dem äußeren Schein richten, sondern versuchen, uns dem Innenleben der Menschen zu nähern."

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