Reus-Wechsel? "Würde ich ihm nicht raten"

Von Interview: Jochen Tittmar
Martin Dahlin erzielte für Borussia Mönchengladbach in 125 Spielen 60 Tore
© Imago

Martin Dahlin ist mit 60 Toren in 125 Spielen der siebterfolgreichste Torschütze in der Geschichte von Borussia Mönchengladbach. Im Interview spricht der 43-Jährige über seine heutige Tätigkeit als Spielerberater, Marco Reus und erklärt, warum er damals dem FC Bayern München eine Absage erteilte.

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SPOX: Herr Dahlin, Sie haben 1999 beim Hamburger SV Ihre Karriere beendet. Seitdem ist es in Deutschland ruhig um Sie geworden. Wie haben Sie unmittelbar danach Ihre Zeit verbracht?

Martin Dahlin: Ich bin die ersten zwei, drei Jahre nur in der Welt herumgereist und habe mein Leben genossen. Kurz nach dieser Zeit habe ich meine jetzige Frau getroffen. Mittlerweile haben wir zwei Kinder.

SPOX: Haben Sie eigentlich noch Ihre eigene Modelinie, die Sie schon als Spieler herausgebracht haben?

Dahlin: Ja. Ich habe 1994 eine Anfrage bekommen und seitdem meine eigene Kollektion in Schweden, Norwegen und Dänemark. Wir haben mit Hemden angefangen, nun gibt es auch Schuhe, T-Shirts und Pullover. Ich war eben schon immer ein modischer Mensch und bin sehr daran interessiert. Allein in Schweden gibt es mittlerweile 340 Geschäfte, in denen meine Klamotten zu haben sind. Der Umsatz ist auf 15 Millionen Euro gestiegen.

SPOX: Heute sind Sie als Spielerberater unterwegs. Seit wann arbeiten Sie in diesem Bereich?

Dahlin: Ungefähr seit 2002. Ich würde mich auch nicht als traditionellen Berater bezeichnen, sondern kann mich als ehemaliger Profifußballer auf meine Erfahrung berufen und habe daher auch ein gutes Verständnis für die Belange der Spieler.

SPOX: Wie sind Sie dazu gekommen?

Dahlin: Ich wollte einfach wieder zum Fußball zurückkehren, aber nicht Trainer werden. Das wäre mir zu viel Stress und zu wenig Unabhängigkeit gewesen. Ich will nicht irgendwo wohnen müssen, wo ich nicht wohnen will. Daher habe ich die Prüfung absolviert, die alle Berater bestehen müssen, um die offizielle Lizenz zu bekommen. Man muss ja die allgemeinen Regeln in diesem Geschäft beherrschen, bevor man loslegt.

SPOX: Der Ruf der Beraterzunft ist nicht besonders gut.

Dahlin: Ich weiß. Warum das so ist, ist ganz einfach: Der Großteil der Berater ist absolut seriös und auf das Wohl der Spieler bedacht. Da es aber um enorm viel Geld geht, zieht das natürlich auch irgendwelche Geier an. Das lässt sich leider nur schwer verhindern.

SPOX: Wie ist denn Ihr Kontakt in die Bundesliga?

Dahlin: Natürlich habe ich noch gute Kontakte, im Grunde zu allen Vereinen. Es ist aber schwer für mich, Spieler dorthin zu vermitteln. Die Bundesliga gehört zu den stärksten Ligen der Welt. Es gibt leider nicht so viele schwedische Spieler, die für die Bundesliga gut genug sind.

SPOX: Bei Markus Rosenberg haben Sie es geschafft. Sein Vertrag in Bremen läuft zum Saisonende aus. Werder will verlängern, Rosenberg abwarten. Wie geht's aus?

Dahlin: Es kann sein, dass er verlängert oder eben geht. Da ist aktuell alles offen. Markus fühlt sich in Bremen sehr wohl, will aber momentan keine Entscheidung treffen. Er möchte seine persönliche Entwicklung bei Werder noch abwarten und schauen, wie oft er zum Einsatz kommt.

SPOX: Die erfolgreichste Zeit Ihrer Karriere hatten Sie zweifelsohne bei Borussia Mönchengladbach. Verfolgen Sie die Geschehnisse rund um die Borussia noch?

Dahlin: Ich bin noch voll am Ball, die Borussia ist mein Verein in Deutschland. Eigentlich dachte ich schon letzte Saison, dass sie mit diesem Kader eine gute Rolle spielen werden. Dass sie so tief unten rein gerutscht sind, hat mich schon überrascht.

SPOX: Hätten Sie den aktuellen Höhenflug nach der vergangenen Katastrophensaison für möglich gehalten?

Dahlin: Das hat mich genauso überrascht (lacht). Man merkt, dass sie jetzt einfach in einen positiven Lauf gekommen sind. So etwas kann unheimlich beflügeln. Es freut mich derzeit sehr und macht Spaß, der Borussia zuzuschauen.

SPOX: Marco Reus ist in aller Munde und wird ständig mit Wechselgerüchten konfrontiert. Welchen Tipp haben Sie für ihn?

Dahlin: Ich würde ihm noch nicht zu einem Wechsel raten. Es ist wichtig, dass er jede Woche zum Einsatz kommt. Das kann ihm beim FC Bayern oder Manchester City zumindest jetzt noch keiner garantieren. Wenn er sich so weiter entwickelt wie bisher, wird er schon noch früh genug bei einem Topverein spielen.

SPOX: Sie sind damals den Weg ins Ausland gegangen und von der Borussia zum AS Rom gewechselt. Dabei wollten Sie ursprünglich woanders hin.

Dahlin: Genau, als ich das erste Mal ins Ausland ging, habe ich gleich die falsche Entscheidung getroffen (lacht). Ich hatte im Januar 1996 einen Vorvertrag bei Juventus Turin unterschrieben.

SPOX: Der wurde durch das Bosman-Urteil hinfällig.

Dahlin: In meinem Gladbacher Vertrag stand, dass er sich automatisch um ein Jahr verlängert, wenn sich an der Transferregelung etwas ändert. Nachdem Bosman Realität wurde, pochte die Borussia auf das weitere Jahr und Juventus wollte nicht so viel zahlen, wie die Borussia gerne bekommen hätte.

SPOX: Haben Sie versucht, die Klausel juristisch anzufechten?

Dahlin: Nein, eine Überprüfung hätte Ewigkeiten gedauert. Keiner wusste, ob die Klausel gültig war.

SPOX: Juve wurde es dann zu bunt.

Dahlin: Genau, im März sind sie ausgestiegen. Zwischenzeitlich hatte ich Angebote von Bayern München, Newcastle, Tottenham und Florenz. Dort habe ich aber überall abgesagt, weil ich voll auf die Karte Juventus gesetzt habe.

SPOX: Wieso hat es mit der Roma dann gepasst?

Dahlin: Die haben letztlich das bezahlt, was Gladbach haben wollte. Das Problem war, dass es dort bereits vier Stürmer im Kader gab. Daniel Fonseca und Marco Delvecchio sollten aber verkauft werden, doch Fonseca verdiente zu viel Geld und Delvecchio war von Inter nur ausgeliehen. Am Ende haben sie ihn sogar gekauft. So waren wir dann zu fünft und nur zwei konnten spielen. Daher bin ich schnell wieder zurück nach Gladbach und hatte dort mit zehn Toren in 19 Spielen meine beste Phase.

SPOX: Hätten Sie also nie aus Gladbach weggehen sollen oder reizte Sie das Ausland zu sehr?

Dahlin: Ich war fünf Jahre in Gladbach. Das war für mich damals genug. Ich wollte unbedingt etwas anderes ausprobieren und hatte richtig Lust auf eine Auslandserfahrung.Als ich zu den Blackburn Rovers ging, die damals ja noch eine Spitzenmannschaft in England waren, verlief mein Start ganz gut. Bis ich mich dann am Rücken verletzte, was mich unterm Strich die Karriere kostete.

SPOX: Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu ehemaligen Gladbacher Teamkollegen?

Dahlin: Nur noch zu Holger Fach, Christian Hochstätter und natürlich Patrik Andersson.

SPOX: Am Samstag trifft Gladbach im Topspiel auf Bremen (15.15 Uhr im LIVE-TICKER). Wie fällt Ihr Tipp aus?

Dahlin: 1:1. Die Borussia verliert nicht und Markus Rosenberg soll ein Tor für Bremen schießen. Damit bin ich auf der sicheren Seite (lacht).

Martin Dahlin im Steckbrief

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