Der BVB-Rechtsverteidiger im Porträt

Lukasz Piszczek: Dortmunds Leisetreter

Von Jochen Tittmar
Dienstag, 15.11.2011 | 17:58 Uhr
Lukasz Piszczek (3.v.r.) wechselte im Sommer 2010 ablösefrei von Hertha BSC zum BVB
© Imago
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Lukasz Piszczek hat bei Borussia Dortmund unter Trainer Jürgen Klopp in seiner Entwicklung einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Mittlerweile ist der Pole der beste Rechtsverteidiger der Liga. Einen Makel gibt es jedoch.

Wenn die Spieler von Borussia Dortmund nach einer Partie in die Katakomben des Stadions eintauchen, bleiben in der Mixed Zone meist die gleichen Akteure stehen, um den Journalisten ihre Einschätzungen zum Spiel in die Notizblöcke zu diktieren. Es muss schon sehr viel zusammen gekommen sein, damit auch Lukasz Piszczek das Interesse der Medienvertreter weckt.

Dabei ist der Pole längst unumstrittener Stammspieler beim Meister und seit gut einem Jahr der beste Rechtsverteidiger der Liga. Öffentliche Beachtung findet er jedoch nur selten. Das kommt ihm aber keineswegs ungelegen. Piszczek gehört zu den Leisetretern im Team. Er nimmt sich gerne zurück und lässt andere reden. Von Starallüren keine Spur.

Piszczeks Verpflichtung löste keine Begeisterung aus

"Ich soll Druck auf Patrick Owomoyela ausüben, der BVB möchte eine echte Alternative auf der rechten Abwehrseite haben. Ich weiß, dass es schwer für mich wird, mich da durchzusetzen", war eines der wenigen Statements, die Piszczek kurz nach seinem Dienstantritt im Sommer vorigen Jahres zu entlocken war.

Seine früh eingefädelte und ablösefreie Verpflichtung löste im Umfeld der Borussia kaum Begeisterung aus. Wie soll der damals 25-Jährige, der gerade mit Hertha BSC nach einer grauenvollen Spielzeit aus der Bundesliga abgestiegen war, eine Verstärkung für den nun wieder in Europa agierenden BVB sein?

Für Dortmund machte der Transfer nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht Sinn. Die in den Jahren zuvor chronische Unterbesetzung der rechten Seite sollte mit dieser Personalie geschlossen, der Kader breiter gemacht werden.

Zuverlässig, laufstark, offensiv

Konkurrent Patrick Owomoyela hatte dort nach einer starken Saison klar die Nase vorn - bis er sich nach dem Heimspiel gegen den FC Sevilla eine Verletzung zuzog, die ihn den Rest der Saison kosten sollte.

Fortan war Piszczek gefragt. Er sollte seitdem bis heute keine Minute mehr fehlen und musste lediglich Mitte Oktober in Bremen (2:0) wegen muskulärer Beschwerden erstmals passen. In dieser gesamten Zeit sah er nur zwei Gelbe Karten, in der laufenden Saison unterliefen ihm bislang ganze drei Foulspiele.

Es ist enorm, welchen Sprung Piszczek gemacht hat, seit er Owomoyelas Platz einnahm. Der Rechtsverteidiger legt beim BVB mit die meisten Kilometer zurück und zieht einen Sprint nach dem anderen an. Die Abstimmung mit Vordermann Mario Götze passt. Gerade in der Offensivbewegung kommen Piszczek die Technik und das Spielverständnis zugute, die er in seiner Anfangszeit als Stürmer verfeinerte. Dies ist auch bei defensivtaktischen Abläufen zu sehen, grätschen sieht man Piszczek nur selten.

Piszczeks Makel: Verwicklung in Spielmanipulation

Seine guten Leistungen belohnte der Verein mit einer vorzeitigen Vertragsverlängerung bis 2016. Keine zwölf Monate nach seinem schüchternen Aufgalopp in Dortmund ist Piszczek die klare Nummer eins unter den Rechtsverteidigern. Wann auch immer Julian Koch und Owomoyela von ihren Verletzungen zurückkommen, sie werden sich weit hinten anstellen müssen.

Einen Makel hat Piszczeks Entwicklung allerdings. Dieser geht allerdings auf eine Episode zurück, die ihren Ursprung weit in der Vergangenheit hat. Sie holte ihn im Sommer dieses Jahres jedoch ein.

Am letzten Spieltag der Saison 2005/2006 hatte er sich als Jungprofi bei Zaglebie Lubin dazu überreden lassen, 2500 Euro aus der eigenen Tasche in die Mannschaftskasse zu geben. Um die Teilnahme am UEFA-Cup zu erzwingen, sollte der Sieg gegen Krakau mit illegalen Mitteln errungen werden. Piszczek fehlte in der Partie wegen einer Gelbsperre.

Piszczek legt Berufung ein

Eine nicht zu entschuldigende Dummheit, die er im Dezember 2009 einsah. Piszczek erstattete Selbstanzeige. Dieser Vorgang wurde erst im Januar 2011 publik, die Empörung in der Heimat schlug ihm jedoch volle Breitseite entgegen.

"Ich bin mir im Klaren, dass ich unter den beschuldigten Spielern der am meisten im Rampenlicht stehende bin. Doch ich wusste nicht, dass ich zum Staatsfeind Nummer eins im polnischen Fußball werde", reagierte Piszczek überrascht.

Eine Disziplinarkommission des polnischen Fußballverbandes PZPN verbannte den wohl besten Spieler des Landes letztlich für sechs Monate aus dem Nationalteam. Piszczek akzeptierte zunächst das Urteil, doch als einige juristische Fanatiker innerhalb des Verbands für eine weltweite Sperre plädierten, legte er auf Anraten von Nationaltrainer Franciszek Smuda Berufung ein.

Piszczek: "Vielleicht hatte ich nicht genug Mut"

Dieser wurde mit Abstrichen stattgegeben. Die Dauer der Sperre wurde auf ein Jahr erhöht, aber für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Hinzu kam eine Geldstrafe von rund 35.000 Euro, die an ein Kinderheim ging.

Piszczek kam glimpflich davon, allerdings hat dieses Vorkommnis einen unauslöschlichen Fleck auf seiner ansonsten weißen Weste hinterlassen. Bleibt die Frage, warum er sich zu einer solchen Aktion überhaupt hinreißen ließ.

"Vielleicht hatte ich nicht genug Mut - wegen der älteren Spieler. Die hatten einen ungeheuerlichen Einfluss im Team", sagt er und weiß, dass "dies keine Ausrede ist. Die erfahrenen Spieler wussten, wen sie ansprechen müssen. In der Mannschaft hatten wir viele ausländische Spieler, da war es klar, dass diese nicht angesprochen würden. So waren wir jungen Spieler natürlich im Visier. Wir hatten in der Mannschaft nicht viel zu sagen. Wenn ich mich geweigert hätte, dann wäre ich unten durch gewesen", sprudelt es aus Piszczek heraus.

Klopp: "Ein außergewöhnlich klarer Junge"

Was für ihn und seinen Charakter spricht: Während der langen Zeit, in der seine sportliche Zukunft in der Schwebe hing, schaffte er es, die psychische Belastung beiseite zu schieben und weiterhin konstant Leistung zu bringen.

"Lukasz hat das alles nicht beeindruckt, der ist ein außergewöhnlich klarer Junge", lobte Klopp seinen Dauer(b)renner. Und in der Tat ist es so, dass man sich bei ihm kaum an individuelle Schnitzer erinnern kann.

Im Vorjahr sah er beim Hinspiel gegen Hoffenheim (1:1) und dem Rückspiel in Sevilla (2:2) jeweils vor einem Gegentor schlecht aus, die Partien gingen aber zumindest nicht verloren.

Doch selbst da hatte Piszczek keine Probleme, sich seinen Weg aus der Kabine vorbei an der Presse zu bahnen. Sollte er am Samstag im Duell gegen den FC Bayern (18.15 Uhr im LIVE-TICKER) Gegenspieler Franck Ribery den Zahn ziehen, sähe dies sicherlich anders aus.

Lukasz Piszczek im Steckbrief

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