Fussball

Hoffenheim: Im Sumpf der Mittelmäßigkeit

Von Haruka Gruber
Holger Stanislawski steckt mit Hoffenheim im Mittelfeld der Tabelle fest
© Imago

Das Potenzial ist riesig, dennoch tritt 1899 Hoffenheim auf der Stelle. Es mangelt an Konsequenz und Killer-Mentalität. Pikant: Die neuen, alten Hoffnungsträger wie Tobias Weis und Sejad Salihovic könnten bald gehen. Trainer Holger Stanislawski steht vor schweren Wochen.

Die Veranstaltung hatte einen pädagogischen Zweck - und dürfte gleichzeitig eine Vorsichtsmaßnahme gewesen sein nach den kleinen und großen PR-Pannen der Vergangenheit.

Damit sich die Nachwuchsspieler von 1899 Hoffenheim altersgerecht und mit der gebotenen Vorsicht in sozialen Netzwerken verhalten, veranstaltete der Verein in dieser Woche ein Seminar, in dem auf die Gefahren des Internets hingewiesen wurde. Die Talente sollen sensibilisiert werden, bevor sie unbedacht sich selbst und dem Klub schaden. Ein verständlicher Schritt, wurde die Entwicklung der letzten Jahre doch wiederholt von der unglücklichen Außendarstellung getrübt.

Nur: Die Vorzeichen haben sich die letzten Monate verkehrt. Abgesehen von der Lautsprecher-Attacke stolpert Hoffenheim seit Holger Stanislawskis Kommen nicht mehr von einer selbstverschuldeten Verlegenheit in die nächste.

Dafür fällt nun umso mehr auf, dass der Verein nach dem allzu rasanten Aufstieg vom Drittligisten zum etablierten Bundesligisten sportlich auf einem mittelmäßigen Niveau verharrt.

Hopp erwartet nicht viel vom Team

Das 0:2 beim Hamburger SV am vergangenen Spieltag war nur die Fortsetzung einer Saison, deren Bewertung selbst den Entscheidungsträgern schwerfällt. Als Neunter mit vier Punkten Rückstand auf den zur Europa League berechtigenden sechsten Rang und fünf Punkten Vorsprung auf Relegationsplatz 16 steckt Hoffenheim in der nichtssagenden Anonymität fest.

"Wir sind Mittelmaß, da brauchen wir nichts zu beschönigen", sagt Dietmar Hopp. Dass der Gönner aus den restlichen vier Partien bis zur Winterpause lediglich "sechs bis sieben Punkte" erwartet, obwohl von Leverkusen abgesehen die Gegner schwächer einzustufen sind (Freiburg, Nürnberg, Berlin), ist ein Hinweis auf die gesunkenen Erwartungen an das Team.

Eine Ausnahme macht Manager Ernst Tanner, der sich darum bemüht, eine zu negative Bewertung zu relativieren. "Im Schnitt sind wir besser als die Klubs hinter uns. Das können wir jetzt gegen Freiburg zeigen. Da stehen wir unter Druck, aber das schadet nichts."

Chef-Trainer Stanislawski als Chef-Kritiker

Tanners Beharren auf der zweifelsfrei vorhandenen Klasse in der Mannschaft mag legitim sein - nur wird dies vom Trainer selbst konterkariert.

Stanislawski äußerte sich bereits nach dem viel versprechenden Saisonstart auffällig kritisch und mahnte wahlweise die Spielweise ("Hier ein Haken, dort ein Haken, statt selbst Verantwortung zu übernehmen"), die Abschlussfähigkeiten ("Es fehlen Klarheit und Konsequenz") und grundsätzliche Schwächen ("Wir brauchen ein besseres Abwehrverhalten und Passspiel") an.

17 Punkte nach 13 Spieltagen sind gleichbedeutend mit der schlechtesten Ausbeute seit dem Aufstieg vor dreieinhalb Jahren. Aus den letzten sieben Partien gab es lediglich einen Sieg. Und leidliche 15 erzielte Tore werden nur von drei anderen Teams unterboten - obwohl die Offensive in der Qualität wie auch in der Mannstärke zur besten Deutschlands gehört.

"Es ist mir ein Rätsel. Wir haben ja gute Stürmer", fragt sich Hopp. Torwart Tom Starke macht mentale Gründe aus: "Wir müssen torgeiler werden."

Wo landet Hoffenheim in dieser Saison? Hier geht's zum Tabellenrechner!

Chinedu Obasi das Gesicht der Krise

Chinedu Obasi gibt bisher als Einziger unumwunden zu, dass er blockiert ist: "Ich bin in meinem Kopf nicht frei. Die letzte Zeit war nicht einfach für mich. Es gibt Dinge, die mich belasten, über die ich aber nicht reden möchte. Vieles läuft derzeit einfach nicht so, wie ich mir das vorstelle."

In Hamburg wurde Obasi von Stanislawski nicht einmal in den Kader berufen, nachdem der Nigerianer in fast jedem Spiel enttäuschte und wegen Verfehlungen (Verspätung beim Mittagessen, kein Abklatschen nach Auswechslung) gemaßregelt wurde. Mit 1062 Minuten ohne Tor ist kein Bundesliga-Stürmer so lange erfolglos wie Obasi.

Die Krise eines einzelnen Leistungsträgers wäre angesichts des tiefen Kaders verschmerzbar. Das Manko der Hoffenheimer ist jedoch, dass nicht nur Obasi, sondern auch ein Großteil der Mannschaft einer Epidemie gleich in Apathie verfällt, wenn es nicht wie gewünscht läuft.

"Ryan Babel schön für jede Schwiegermutter"

Ryan Babel tritt bei allem Talent nicht als Anführer auf, genauso wenig Kapitän Andreas Beck, der sich zunächst selbst stabilisieren müsste, bevor er der Mannschaft eine Stütze sein kann. Sebastian Rudy, Roberto Firmino, Gylfi Sigurdsson, Boris Vukcevic, Peniel Mlapa, Knowledge Musona, sie alle bringen fußballerische Fertigkeiten mit, doch ihnen mangelt es an Beständigkeit, Erfahrung und/oder Standing, um vorweg zu schreiten.

In der Abwehr wiederum fanden von Beck abgesehen die Innenverteidigung um Isaac Vorsah und Marvin Compper sowie Linksverteidiger Edson Braafheid gut in die Saison, doch sie schwächeln ebenfalls und zeigten sich anfällig für individuelle Fehler. In Hamburg musste Vorsah für den erst 19-jährigen Jannik Vestergaard auf die Bank.

Es wirkt, als ob sich die Spieler gegenseitig nivellieren. Sie stecken im Stumpf der Mittelmäßigkeit und niemand vermag sie herauszuziehen. Starke ist einer der wenigen Konstanten und profilierte sich als Führungskraft, doch als Torwart hat er nur begrenzt Einfluß während eines Spiels.

"Wir brauchen jetzt Leute, die auch mal die Sau raus lassen", sagt Stanislawski und denkt dabei an Spielertypen, die in der Mannschaft zur Minderheit zählen und ein Gegensatz bilden zu jemandem wie den freundlichen Babel, der "schön für jede Schwiegermutter" sei, wie der Trainer bemerkt.

Weis überzeugt bei Comeback

Tobias Weis etwa kam in Hamburg erstmals seit über einem halben Jahr zu einem Bundesliga-Einsatz und ging mit Aggressivität voran. Ähnlich bissig und furchtlos sind Sejad Salihovic und Vedad Ibisevic. Ausgerechnet diese Spieler stehen aber vor einer ungewissen Zukunft.

Die Verträge von Weis und Salihovic laufen im Sommer aus, weswegen sie in diesem Winter verkauft werden müssten, um eine Ablöse zu erzielen. Ibisevic, der einzig zuverlässige Torjäger und bis 2013 gebunden, wird von Blackburn umgarnt. Eine Verlängerung bei allen dreien scheint unwahrscheinlich, da sie zu jenen hochdotierten Spielern gehören, deren Gehälter sich Hoffenheim im Zuge der finanziellen Konsolidierung sparen möchte.

"Wir haben natürlich unsere wirtschaftlichen Ziele. Damit muss es vereinbar sein", sagt Tanner mit Blick auf die im Winter anstehenden Verhandlungen. Hopp gibt zu bedenken, dass die früheren Abschlüsse den Klub "beinahe das Genick gebrochen" hätten. Verstärkungen im Winter seien daher kein Thema.

Der Kader, die Spiele, die Stats: 1899 Hoffenheim im Steckbrief

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