Fussball

Der lange Weg zurück

Von Stefan Rommel
Montag, 31.10.2011 | 23:00 Uhr
Eckpfeiler des Stuttgarter Erfolgs: Martin Harnik, William Kvist und Trainer Bruno Labbadia
© spox

Der VfB Stuttgart hat sich unter Trainer Bruno Labbadia konsolidiert und ist auf dem Weg zurück in Deutschlands Spitze. Der Prozess ist dabei aber noch lange nicht abgeschlossen - auch wenn die grundlegenden Voraussetzungen geschaffen sind. Labbadias signifikante Arbeit und die richtigen Personalentscheidungen geben aber Grund zur Hoffnung.

Die letzte Saison "war die Hölle". Bruno Labbadia wird nicht müde, das zu betonen. Einerseits, um auch dem letzten verwöhnten Nörgler auf der Haupttribüne zu verdeutlichen, woher diese Mannschaft eigentlich kommt. Aus dem tiefsten Abstiegsstrudel, Existenz gefährdend und brutal.

Andererseits aber auch, um selbst aus dieser bedrohlichen Lage noch etwas Positives zu ziehen. Denn: "Die Erfahrungen der letzten Saison haben uns hart gemacht und helfen uns jetzt ungemein."

Das spiegelt sich dann in der Tabelle wider. Mit 18 Punkten liegt der VfB auf Rang sechs. Die notorischen Vorrunden-Verweigerer scheinen ihr Phlegma angelegt zu haben. Zuletzt stand die Mannschaft nach einem Drittel der Saison nur im Meisterjahr 2006/07 besser.

Gepaart mit den 30 Punkten aus der Rückrunde der abgelaufenen Saison macht das bisher 48 Punkte im Kalenderjahr unter Bruno Labbadia. Lediglich Jupp Heynckes und Jürgen Klopp haben mit ihren Teams im selben Zeitraum mehr Punkte eingefahren. Bei Heynckes sind es 60 (35 mit Leverkusen, 25 mit den Bayern), Klopp kommt auf 52.

Labbadia hat die Mannschaft von Rang 17 erst zum Klassenerhalt geführt und jetzt zwischenzeitlich auf einen Platz im internationalen Geschäft. Labbadias Geheimnis ist dabei ein Mix aus vielen kleinen Mosaiksteinchen, die mehr und mehr ein solides Gesamtbild ergeben.

Das aber auch noch nicht so gefestigt ist, dass man beim VfB bereits wieder von einer Spitzenmannschaft sprechen könnte - auch wenn sich die Mentalität der Mannschaft deutlich verbessert hat. "Eine Niederlagen-Serie würde uns schwer zusetzen", gibt Martin Harnik zu.

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Systemumstellung und K&K

Labbadia hat sich mit Beginn der Rückrunde auf ein System mit nur einem Stürmer eingelassen, dafür aber einer offensiven Dreierreihe dahinter. Und er hat sich auf eine fixe Doppel-Sechs mit Träsch und Kuzmanovic festgelegt. Unter Labbadias Vorgängern Jens Keller und Christian Gross wurde da noch fleißig rotiert, kamen auch Christian Gentner und Mamadou Bah zentral vor der Abwehr zum Einsatz.

Die Spielidee ging schnell weg vom Gross'schen Plan mit schnellen, dribbelstarken Außenbahnspielern, zwei körperlich robusten Stürmern und dem Überbrücken des Mittelfelds mit hohen Bällen. Die Neuausrichtung der Defensivzentrale mit Kuzmanovic und vor allem mit dem allgegenwärtigen William Kvist bietet mehr spielerische und strategische Variabilität.

Die gefestigte Defensive

Quasi aus der Not wurde das Innenverteidigerpärchen Tasci und Maza geboren. Der Mexikaner kam nach Delpierres langwieriger Verletzung aus Eindhoven. Aber trotz der nicht vorhandenen Eingewöhnungsphase steht die Stuttgarter Innenverteidigung wieder sicher.

Beide haben alle 990 Minuten dieser Saison absolviert, ihre Werte sind überdurchschnittlich gut. Neben den Zweikampfwerten von 66,5 beziehungsweise 62,5 Prozent gewonnener Duelle stechen 600 (Tasci) und 666 (Maza) Ballkontakte hervor. Damit liegen die beiden in der Preisklasse der beiden defensiven Mittelfeldspieler Kvist (623) und Kuzmanovic (600).

Bisher kassierte der VfB nur zwei Gegentore durch Stürmer - in der Vorsaison waren es nach elf Spieltagen bereits neun Gegentore durch Angreifer. Entlastet wird die Viererkette aber entscheidend vom Rest der Mannschaft (siehe spätere Punkte Laufleistung/Fitness und Umschaltspiel). Insgesamt neun Gegentore sind der viertbeste Wert aller Klubs - nur dreimal ist der VfB besser in eine Bundesliga-Saison gestartet.

1965/66 und in der Meister-Saison 1991/92 waren es sieben, vor acht Jahren beim Rekord von Timo Hildebrand sogar nur zwei. Aber: Alle neun Gegentore kassierte der VfB innerhalb des Strafraums.

Der Trend unter Labbadia ist klar: Lag die Gegentorquote in der Hinrunde der letzten Saison mit den Trainern Gross und Keller noch bei 1,875 Pro Spiel, hat Labbadia den Schnitt im Kalenderjahr 2011 auf 1,18 gedrückt. Aus der drittschlechtesten wurde die drittbeste Defensive der Liga.

Das Umkehrspiel

Wirklich neu sind die Erkenntnisse ja nicht mehr, dass der Gegner in der Offensive bei schnellem Umschalten in einer ungeordneten Defensive besonders zu verwunden ist. Und dass vereinfacht gesagt die eigene Defensive kompakter steht, wenn möglichst viele Spieler näher zum eigenen Tor stehen als der Ball. Stuttgart erfindet hierbei nichts neu, wendet aber die erfolgreichen Praktiken konsequent und konzentriert an.

Labbadia hat aber das kleine Kunststück fertiggebracht, den Fokus seiner Arbeit selbst in der bedrohlichen Lage des Abstiegskampfs auf einstudierte Elemente zu legen. Oder gerade deshalb? Klar ist, dass der VfB mittlerweile wieder nach einem definierten Plan verteidigt.

Die beiden zentralen Offensivspieler Cacau und Hajnal laufen den Gegner so an, dass der Ball so oft wie möglich auf einen der Außenspieler gepasst werden muss. Kommt von dem dann der Ball nach vorne gespielt zurück ins Zentrum, greifen Kuzmanovic oder Kvist zu. Wenn der Gegner nur mit einem nominellen Angreifer spielt, darf vor allen Dingen auch Tasci auf einen tiefer gespielten Ball spekulieren und sich gegebenenfalls auch riskant aus der Viererkette lösen.

Die enorme Laufbereitschaft seiner Mannschaft sowie die gute Abstimmung zwischen Kvist und Kuzmanovic, von denen einer immer abkippt und als Grundsicherung dient, unterbindet den Großteil gegnerischer Konterattacken schon früh - oder zögert zumindest den schnellen Torabschluss so weit hinaus, bis die meisten VfB-Spieler wieder ihre festen Defensivpositionen erreicht haben.

Dass das Konzept greift, belegt folgende Zahlenreihe: Alleine bei seiner Premiere als VfB-Coach gegen die Bayern am letzten Vorrunden-Spieltag kassierte der VfB noch mehr Kontergegentore (3) als in den letzten 22 Spielen zusammen. Seit dem 24. Spieltag der letzten Saison waren es nur noch zwei.

Umgekehrt lässt er seine Spieler blitzschnell von der Defensive auf die Offensive umschalten: Elf Kontertore in der letzten Rückrunde waren die zweitmeisten nach den Bayern.

Und auch im laufenden Spieljahr kam der VfB nach Hoffenheim am häufigsten nach schnellen Gegenangriffen zum Torschuss (24 mal). Allerdings: Hier haperte es bisher gewaltig an der Chancenverwertung, aus diesen 24 Konterchancen resultierte bisher nur ein Tor.

Deshalb spricht Labbadia auch weiterhin "nur" von guten Ansätzen und dass sich die Mannschaft inmitten einer Entwicklung befinde.

Teil 2: Standards, Fitness, Transfers, Probleme

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