Nach Veröffentlichung seiner Krankheit

Miller ist und bleibt kein Einzelfall

SID
Mittwoch, 07.09.2011 | 11:36 Uhr
Miller erhält breite Zustimmung nach der Entscheidung, seine Krankheit öffentlich zu machen
© Getty
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Das Bekenntnis von Markus Miller zu seiner mentalen Erschöpfung zeigt, dass die neue "Volkskrankheit" Burnout auch vor der Bundesliga nicht haltmacht. Der Torwart von Hannover 96 ist kein Einzelfall.

Sie verstecken ihre Augen hinter dunklen Sonnenbrillen und erkundigen sich nach dem Hintereingang durch die Tiefgarage. Viele Patienten von Professor Frank Schneider, dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), wollen nicht erkannt werden bei ihrem Versuch, sich auf der Suche nach einem Weg zurück ins normale Leben professionell helfen zu lassen. Und natürlich kommen auch Fußballer in Schneiders Praxis.

"Wir haben viele Leistungssportler in Behandlung", sagte Schneider dem "Sport-Informations-Dienst" und ergänzte: "Markus Miller ist in der Bundesliga kein Einzelfall."

Der Torwart von Hannover 96 hatte am Dienstag gegen den Trend gehandelt und öffentlich gemacht, dass er sich wegen "mentaler Erschöpfung" in stationäre Behandlung begeben hat. Die wenigsten von Schneiders Patienten gehen diesen Weg. "Bei ihnen ist es dann halt die Achillessehne", sagte Schneider.

Tabuthema: Verletzung der Seele

Während über körperliche Verletzungen offenherzig Auskunft gegeben wird, bleiben Verletzungen an der Seele meist tabu. Miller und Hannover 96 haben sich für den Weg in die Öffentlichkeit entschieden. "Eine sehr gute Entwicklung", sagte der Sportpsychiater und -psychotherapeut Valentin Markser, der Robert Enke behandelt hatte, dem "SID". Knapp zwei Jahre nach dem Selbstmord des ehemaligen deutschen Nationaltorhüters, der an starken Depressionen litt, rückt nach Millers Bekenntnis die Thematik wieder in die Öffentlichkeit.

Nicht nur gute Erfahrungen mit einem "Outing" hat Fußball-Profi Andreas Biermann gemacht. Der ehemalige Spieler von Union Berlin und dem FC St. Pauli hatte am 20. November 2009, bewegt vom Selbstmord Robert Enkes kurz zuvor, von seinen Depressionen berichtet. "Menschlich gesehen war es der einzig richtige Schritt", sagte Biermann dem "SID".

Andererseits bereue er sein Bekenntnis auch: "Ich habe dadurch meinen Beruf verloren. Für meine Familie war das dramatisch. Die Verantwortlichen in den Vereinen haben mir zunächst viele Versprechungen gemacht, die sie später dann nicht eingehalten haben."

Miller ein tolles Vorbild

Umso bemerkenswerter finden Biermann und Schneider den Schritt des Ersatztorwartes von Hannover 96. "Ein gutes Vorbild für andere Erkrankte. Millers Bekenntnis kann Leben retten", sagte Schneider. Besonders hob der Leiter der Aachener Uni-Psychiatrie die Rolle des Vereins hervor.

"Die Krankheit gemeinsam anzugehen - das ist ein toller Erfolg", sagte Schneider. Noch vor zwei Jahren sei so etwas undenkbar gewesen. Hannover habe mit dem vollzogenen Schritt vorbildlich gehandelt. "Wichtig ist, dass das gesamte Umfeld hinter dem Sportler steht", sagte Schneider: "So hat der Patient die besten Chancen, wieder vollständig gesund zu werden."

Schneider geht ähnlich wie sein Kölner Kollege Markser von einer positiven Behandlungsprognose aus. "Es gibt keinen Grund, warum er nicht zurückkommen sollte", sagte Schneider. Er könnte sich eine Rückkehr sogar noch in dieser Bundesliga-Saison vorstellen. Markser ergänzte: "Wenn eine mentale Erschöpfung rechtzeitig erkannt und behandelt wird, dann halte ich eine Fortsetzung einer Profi-Karriere für sehr gut möglich."

Bereits nach den tragischen Ereignissen im Herbst 2009 war ein Ruck durch Deutschland gegangen. Jetzt hoffen die Experten, dass die längst wieder ins Stocken geratene Sensibilisierung des öffentlichen Bewusstseins neuen Schwung erhält.

Sportverbände in der Pflicht

"Wir haben noch immer Patienten, die unter einem anderen Namen geführt werden", sagte Schneider. Aufklärungsarbeit, wie sie zum Beispiel die Robert-Enke-Stiftung initiiert, hält Schneider für unabdingbar. "Die Leute müssen verstehen, dass eine Depression sehr gut behandelbar ist, wie eine Grippe", sagte Schneider.

Markser sieht vor allem die Sportvereine und Verbände in der Pflicht. "Bei den massiven Belastungen im Leistungssport müssen schon Jugendliche viel mehr sportpsychiatrisch und -psychotherapeutisch betreut werden", meinte Markser: "Zahlreiche seelische Belastungen und Störungen machen sich durch körperliche Beschwerden bemerkbar."

Sensibilisierung einleiten

Der Blick auf die Gesamtbelastung für einen Sportler müsse geschärft werden. Es gehe nicht um die Psychiatrisierung des Sports, sondern um die Anerkennung der seelischen Belastungen als festen Bestandteil des Leistungssports.

Auch Biermann sagte: "Der Fall Markus Miller ist mit Sicherheit kein Einzelfall. Ich gehe davon aus, dass es im Fußball denselben prozentualen Anteil an Menschen mit mentalen Problemen gibt wie in der Gesellschaft. Aufgrund des besonderen Leistungsdrucks sind es wahrscheinlich sogar mehr."

Markus Miller im Steckbrief

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