Burnout bei Schalke-Coach Ralf Rangnick

Der Preis der extremen Momente

Von Haruka Gruber
Donnerstag, 22.09.2011 | 17:37 Uhr
Ralf Rangnick ist am 22.9.2011 als Trainer des FC Schalke 04 zurückgetreten
© Getty
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Die Krankheit seines Vaters, die Eskalation in Hoffenheim, Momente für die Ewigkeit auf Schalke: Ralf Rangnick erlebte ein ständiges Auf und Ab. Nun muss er die Notbremse ziehen.

Ein Jahr ist es her, als sich SPOX zuletzt mit Ralf Rangnick zu einem großen Interview traf. Es ist schwierig, sich auf ein Gespräch mit einem Mann vorzubereiten, der vom Fußball-Verständnis der Mehrheit der Journalisten überlegen ist - und er es selbst weiß.

"Herr Gruber, Herr Börlein, wie geht es Ihnen?", grüßte Rangnick und reichte flüchtig die Hand. "Es wird nicht so lange dauern, oder?", fügte er an. Rangnick kam direkt vom Training und wollte in der Mittagspause vermutlich die Nachmittagseinheit vorbereiten oder andere Aufgaben erledigen, die ihm als Cheftrainer von 1899 Hoffenheim oblagen.

Um den Termin so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, hatte er sich in der Nacht zuvor an seinen PC gesetzt und den ihm zugemailten kurzen Stichwort-Katalog, der eigentlich nur als grober Leitfaden dienen sollte, schriftlich kommentiert und zurückgeschickt - zwei DIN-A4-Seiten lang.

"Damit wir eine gemeinsame Grundlage für unser Gespräch haben", erklärte er und signalisierte, dass es ihm darum ging, beim Interview Zeit zu sparen. Nachdem ihm aber die ersten Fragen offenbar zufrieden stellten, veränderte sich sein Wesen. Statt den "Wer ist verletzt, wer wird verpflichtet"-Routinen ging es darum, mit ihm die Bedeutung des defensiven Mittelfeldspielers im Weltfußball zu diskutieren.

Rangnick: Arbeit als Berufung

Rangnick lehnte sich in seinem Stuhl zurück und begann zu reden und zu reden. 60 Minuten lang - bis dann doch die Pflicht rief. Vor der Verabschiedung rannte er aber noch die Stufen hoch zu seinem Büro und kopierte eilig einen Zeitungsartikel.

"Wir hatten doch über Arrigo Sacchi gesprochen. Diesen Text müssen sie unbedingt lesen", sagte er mit kindlicher Freude. Dann gab er uns die Hand - etwas länger, als es geschäftsmäßig üblich ist: "Herr Gruber, Herr Börlein, ich wünsche Ihnen eine schöne Heimreise."

Rangnick kennt von jeher das Grundübel eines Menschen, der sein liebstes Hobby zum Beruf macht. Die Grenzen zwischen Job und Freizeit verschwimmen und das gesamte Leben wird von einer Leidenschaft bestimmt: dem Fußball. Und Rangnick lebte sie aus: Ein Workaholic, der die Arbeit nicht als Arbeit, sondern als Berufung versteht. Getrieben vom Hunger nach Wissensvermehrung, aber eben auch nach Erfolg und Anerkennung.

Rangnick-Mentor Groß: "Ich habe das nicht geahnt"

Niemand aus seinem sportlichen Umfeld hatte erkannt, welch selbstzerstörerische Kraft diese Obsession anscheinend mit sich brachte. Rangnick konnte durchaus charmant sein, aber vor allem in Hoffenheim blieb er als ein Mann in Erinnerung, der rastlos war in seinem Bemühen und ungeduldig und unfair im Umgang gegenüber Mitarbeitern. Doch gemeinhin galt er als stabil, körperlich wie mental.

Entsprechend überrascht fallen die Reaktionen aller Wegbegleiter aus, die am Donnerstagmorgen von Rangnicks sofortigem Rücktritt als Cheftrainer des FC Schalke 04 erfuhren. "Ich habe das nicht geahnt. Aber das ist die richtige Entscheidung", sagte sein langjähriger Mentor Helmut Groß.

Rangnick-Mentor Helmut Groß im Interview

Wegen eines vegetativen Erschöpfungssyndroms ließ sich Rangnick von seinen Verantwortlichkeiten entbinden und legt eine Pause ein. Wann und ob er in die Bundesliga zurückkehrt, ist nicht abzusehen. "Ein Bayern-Trainer hat mal gesagt: Flasche leer! Das ist wirklich so", sagte Schalkes Mannschaftsarzt Thorsten Rarreck.

Rangnick: "Früher wollte ich fast alles selber machen"

Am Mittwoch hatten Rangnick und sein Berater Oliver Mintzlaff zunächst mit Sport-Vorstand Horst Heldt gesprochen, am Abend wurde Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies informiert, der daraufhin noch einmal mit Rangnick telefonierte.

Darin sagte er, was er der Öffentlichkeit am Donnerstag ebenfalls mitteilte: "Mein derzeitiger Energielevel reicht nicht aus, um erfolgreich zu sein."

Noch vor zwei Wochen sprach der 53-Jährige im "westline"-Interview darüber, dass ein "gewisser Reifeprozess" bei ihm eingesetzt habe. "Was ich heute besser kann als damals, ist das Delegieren. Früher wollte ich fast alles selber machen - auch Dinge, die außerhalb meiner eigentlichen Trainer-Tätigkeit lagen", sagte er.

Rangnick weiter: "Geduldiger bin ich sicher in der Hinsicht geworden, dass ich keine Energien mehr verschwende für Dinge, die sich ohnehin nicht ändern lassen."

Nun folgte jedoch das Bekenntnis, das Rangnick sich selbst einzugestehen wohl am schwersten fiel.

Euphorie und Enttäuschung in Hoffenheim

Ihm ging es immer darum, im ständigen Kampf gegen das Establishment Haltung zu bewahren und keine Schwäche zu zeigen. Er setzte sich durch gegen das Bundesliga-System, das lange Zeit nur ehemaligen Profis die Möglichkeit gab, als Trainer zu arbeiten. Rangnick hingegen blieb beharrlich und bereitete den Weg für die neue Trainer-Generation, die sich durch Kompetenz und nicht durch vergangene Erfolge als Spieler für eine Bundesliga-Stelle qualifizierte.

Aber die Jahre der Arbeitswut und des Profilierungsdrangs bedeuteten einen Raubbau an Körper und Seele. Kein Trainer hat in den letzten Jahren eine derartige Aneinanderreihung von Euphorie und Enttäuschung erlebt wie Rangnick.

Nach drei Aufstiegen in Folge gewann er mit Hoffenheim die Herbstmeisterschaft 2008/09, daraufhin folgten jedoch der Absturz ins Mittelfeld und die ersten Zerwürfnisse mit der Mannschaft und Manager Jan Schindelmeiser.

Zerwürfnis mit Dietmar Hopp

Einen Einschnitt bedeutete der Winter 2009/10, als sein Vater schwer erkrankte, Rangnick deswegen einen Teil der Rückrunden-Vorbereitung ausließ und seinen Assistenten das Training übertrug. "Ich sehe mich momentan nicht in der Lage, meiner Tätigkeit als Chefcoach zu 100 Prozent nachgehen zu können", sagte er damals.

Sein Vater erholte sich zusehends, doch bei Rangnick selbst gingen die Auf und Abs immer weiter. Die Auseinandersetzung mit Schindelmeiser endete im Rücktritt des Managers im Frühsommer 2010, parallel stritt sich Rangnick aber auch mit Mäzen Dietmar Hopp, weil dieser nicht die gewünschten Transfer-Millionen zur Verfügung stellte.

Nach einem Friedensabkommen verlief die Hinrunde 2010/11 recht harmonisch - bis in der Winterpause die Situation eskalierte. Hopp trieb ohne Rangnicks Wissen den Verkauf von Luiz Gustavo voran, wovon Rangnick erst durch einen Anruf eines Journalisten und eines Spielerberaters erfuhr.

Auch auf Schalke emotionales Auf und Ab

Seine Reaktion: der Rücktritt als Hoffenheims Chefcoach. Sein Plan: eine mindestens halbjährige Pause, um sich von den Strapazen zu erholen. Doch daraus wurde nichts, weil er von Tönnies und Heldt nicht gedrängt, aber darum gebeten wurde, das Schalker Traineramt schon Mitte März statt erst im Sommer zu übernehmen.

Rangnick stimmte trotz Zweifel zu und erlebte in den folgenden sechs Monaten jeden denkbaren emotionalen Ausschlag. In der Champions League war er Zeuge von zwei Spielen für die Ewigkeit, als Schalke Titelverteidiger Inter Mailand ausschaltete. Den Kontrast bot die Bundesliga, in der der Klub sogar noch in latente Abstiegsgefahr geriet - der Abschluss der Saison war aber erneut ein Fest: 5:0 im Pokalfinale gegen Duisburg.

In der Sommerpause trat jedoch ein Hoffenheimer Reflex auf: eine Meinungsverschiedenheit mit Tönnies und Heldt über die Möglichkeiten, Neuzugänge zu verpflichten. Nur widerwillig ordnete sich Rangnick der Anweisung unter, wonach man wirtschaftlich haushalten müsse.

Unstimmigkeiten mit Superstar Raul

Hinzu kamen Unstimmigkeiten mit Raul, was beinahe zu einem Weggang des Superstars geführt hätte. Früher undenkbar, aber in all den Wochen übte sich Rangnick in der Öffentlichkeit in Zurückhaltung. Weil er aus Fehlern der Vergangenheit gelernt hat? Oder weil er zermürbt war von all den Zwistigkeiten?

Rangnick sagte Anfang September: "Ein Freund hat mir mal zum Geburtstag den Spruch ans Herz gelegt: 'Das Gras wächst nicht schneller, indem man daran zieht.' Aber ich bin schon der Meinung, dass es manchmal Mittel gibt, das Gras schneller wachsen zu lassen."

Zwei Wochen später ist er zur Einsicht gelangt, dass sein Freund recht hatte.

Ralf Rangnick: Der Trainer-Steckbrief

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