Aufsichtsräte: Die wahren Strippenzieher der Liga

An der Schaltstelle der Macht

Von Haruka Gruber
Freitag, 16.09.2011 | 08:05 Uhr
Dieter Hundt (r.) in der Mercedes-Benz-Arena des VfB Stuttgart
© Getty
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Beim VfB Stuttgart überstand "Sonnenkönig" Dieter Hundt die Revolte. Der Aufstand zeigt: Die Macht sitzt in den Aufsichtsräten der Bundesligisten. Das "Check-and-Balance"-System ist gefährdet. Eine Bestandsaufnahme vor dem Freitagsspiel zwischen Freiburg und Stuttgart (20.15 Uhr im LIVE-TICKER und bei Sky).

Wer Dieter Hundt verstehen will, muss wissen, in welcher Zeit er groß geworden ist. Oder wie es die "Stuttgarter Zeitung" formuliert: "Er entstammt noch einer der Generationen, die im Streben nach Macht kein unsittliches Verlangen sieht."

Mit seinem erhabenen Auftreten, so heißt es weiter, "macht man sich Feinde. Seine potenziellen Gegner können gar nicht anders, als ihn der Arroganz zu bezichtigen".

Hundt kennt sich aus mit Feinden und Gegnern. Mit jenen Kontrahenten, die ihm wegen des Postens als Arbeitgeberpräsidenten beneideten oder verachteten, weil er eines der Gesichter des raffgierigen Kapitalismus sei.

Dieter Hundt ist der mächtigste Mann in Stuttgart

Doch solch einen Widerstand wie im Juli dieses Jahres hat auch er noch nicht erlebt. Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende des VfB Stuttgart wollte bei der Mitgliederversammlung lediglich der Wahl seines Favoriten Gerd Mäuser zum Präsidenten beiwohnen - und stand selbst unverhofft zur Disposition. Auf der Agenda stand plötzlich seine Abwahl.

Ein Ansinnen, wofür 50,7 Prozent der anwesenden Mitglieder stimmten. Zu wenig, es hätten laut Satzung mindestens 75 Prozent sein müssen. Dennoch war dieser für Hundt unverschämte und anmaßende Vorgang ein Zeichen der Verdrossenheit.

Pro forma kommt Hundt im Verein lediglich die Aufgabe zu, zusammen mit seinen Aufsichtsratskollegen die sportliche Führung zu beraten und deren Arbeit zu überwachen.

In Stuttgart ist aber die Rede von einer grauen Eminenz, die sich hinter dem Titel des Aufsichtsratsvorsitzenden versteckt und doch eine Vielzahl an Entscheidungen maßgeblich beeinflusst - weswegen er für die Berg-und-Tal-Fahrt des VfB abgestraft werden sollte.

"Check and Balance" noch vorhanden?

Das Beispiel Hundt verdeutlicht eine Entwicklung: In der Bundesliga wird durch die 50+1-Regelung zwar der Einstieg ausländischer Großinvestoren verhindert, deutsche Unternehmer jedoch fanden eine legale und gleichsam effektive Möglichkeit, auch ohne Mehrheitsbeteiligung die Geschicke eines Vereins zu lenken: über den Aufsichtsrat.

Das Konstrukt des Aufsichtsrats wurde in der Wirtschaft eingeführt, um als Kontrollgremium das Wirken des Vorstands oder der Geschäftsführung kritisch zu beleuchten. Dies aber im Hintergrund und mit aller unternehmerischen Weitsicht.

Der Grundgedanke dahinter ist das "Check and Balance": Der Vorstand oder die Geschäftsführung zeichnet für das operative Tagesgeschäft verantwortlich, der Aufsichtsrat wiederum prüft dies in regelmäßigen Abständen, sollte selbst jedoch nicht in die Leitung eingreifen.

Tönnies regiert Schalke

Von diesem Ideal haben sich einige Bundesligisten weit entfernt - und Stuttgart ist eines der plakativen Beispiele dafür. "Ich halte mich in der Öffentlichkeit in Sachen Fußball sehr zurück und äußere mich nur zu Themen, welche die Zuständigkeit des Aufsichtsrats berührt", sagte Hundt zuletzt.

Zur Erinnerung: Nicht einmal ein Jahr ist es her, als er in aller Öffentlichkeit den Kauf einzelner Spieler oder die taktische Ausrichtung des damaligen Trainers Christian Gross kritisiert hatte. Eines von vielen Beispielen, die erklären, warum Hundt von einigen Fans als "Sonnenkönig" beschimpft wird.

Ähnlich absolutistisch regiert der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies über den FC Schalke 04. In der Vergangenheit wie Hundt wüst beschimpft worden, versucht der Fleisch-Fabrikant den Eindruck zu erwecken, dass er sich durchaus mit der Rolle des gut meinenden Aufpassers anfreunden könnte. Nach der Überwerfung mit Felix Magath soll er jedoch die Konsequenz gezogen haben, nie wieder einen starken Mann im Verein neben sich zu dulden.

Wie sehr Schalkes sportliche Führung auch faktisch von Tönnies' Wohlwollen abhängig ist, zeigt ein Vereinstatut: Alle Ausgaben und Transfers ab 300.000 Euro müssen genehmigt werden. Woraus sich aber die aus der Popkultur abgeleitete Frage stellt: "Who watches the Watchman?" Wer überwacht den Überwacher?

"Der HSV eine Fehlkonstruktion"

Immerhin: In Stuttgart und auf Schalke stehen die beiden Aufsichtsräte für betriebswirtschaftliches Know-how. Davon ist etwa der Hamburger SV weit entfernt. Das Prozedere, dass acht der zwölf Aufsichtsräte von den HSV-Mitgliedern gewählt werden, mag volksnah sein und dem Urgedanken eines Sport-Vereins entsprechen.

Der Folklorismus führte aber dazu, dass die Mitgliederversammlung zu einem bizarren Wahlkampf verkam, bei der die Kompetenz nur eine von vielen Kriterien war. "Aus wirtschaftlicher Sicht ist der HSV ein Beispiel für eine Fehlkonstruktion. Viele Köche verderben den Brei, erst recht, wenn es keine ausgebildeten Köche sind", sagt Tobias Kuske vom Sport-Business-Magazin "SPONSORs".

Mehr zum Thema: In der November-Ausgabe der "SPONSORs"

Ebenso wenig hilfreich gestaltet sich, dass der Aufsichtsrat mit zwölf Mann extrem aufgebläht ist (in der Regel sind es drei bis sechs) und so die Entscheidungsfindung erschwert wird. Als der Aufsichtsrat im März bekanntgab, dass der Vertrag mit dem Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann nicht verlängert wird und das Gremium daraufhin keinen mehrheitsfähigen Nachfolger fand, war Hamburg führungslos. Eine Farce - geschuldet dem Geltungsbedürfnis einiger Aufsichtsräte.

"Dem ist sogar das Schalker Modell vorzuziehen. Bei Schalke wird nicht lange rumdiskutiert, stattdessen gibt einer die Richtung vor. Wirtschaftsunternehmen werden nicht demokratisch geführt", sagt Experte Kuske.

Lemke tritt auf Kostenbremse

Bemerkenswertes ging vor der Saison bei Werder Bremen vor sich. Die hanseatische Contenance wich einem hässlichen Streit zwischen Aufsichtsratsboss Willi Lemke und Sportdirektor Klaus Allofs.

Gemeinhin als Beweis dafür genommen, dass selbst das früher so harmonische Bremen sich nicht den Eitelkeiten des Geschäfts verwehren kann, könnte der sommerliche Ärger für andere Vereine durchaus Vorbildcharakter haben.

Allofs plädierte mit aller Vehemenz dafür, dass man trotz Erfolglosigkeit den Weg der finanziellen Konsolidierung verlassen und ins Risiko gehen müsse, indem ihm erlaubt wird, den vorher vereinbarten Etat für Neueinkäufe zu überschreiten: "Es ist doch keine außergewöhnliche Geschichte, wenn man sich mal außerhalb des Budgets bewegt."

Lemke lehnte ab. In seiner selbstbewussten - einige sagen: selbstherrlichen - Art zwar, aber in der Sache an sich nachvollziehbar. "Eine Veränderung der Haushaltslage muss erfolgen. Entweder durch den Verkauf von Spielern oder etwa einen neuen Sponsor", argumentierte Lemke, mit Hinweis darauf, dass durch das Verpassen der Champions League etliche Millionen fehlen.

Allofs muss sich beugen und sparen

Er hätte als abschreckende Beispiele auch Stuttgart, Schalke und Hamburg nennen können, die mit den Geldern aus der Königsklasse nicht haushielten und nach dem Verpassen des Wettbewerbs in finanzielle Schräglage gerieten. Lemke mahnte: "Wir befinden uns in einer schwierigen Situation, weil erheblich weniger Geld vorhanden ist als früher."

Entsprechend blieb Allofs nichts anderes übrig, als sich dem Beschluss des Aufsichtsrats zu beugen. Eine vorzeitige Verlängerung der Verträge von Tim Wiese und Per Mertesacker war nicht möglich, weswegen Letzterer an den FC Arsenal verkauft wurde. Aleksandar Ignjovski konnte angeblich nur mit externen Investoren verpflichtet werden. Und Sokratis Papastathopoulos' Ausleihe verzögerte sich um Wochen. Dennoch ist Werder aktuell Zweiter der Tabelle.

In Bremen scheint bei aller Polemik das System aus "Check and Balance" zu funktionieren - anders als bei einer Vielzahl an Bundesligsten.

Es fehlt die Transparenz

Der Trend geht dahin, dass die Männer mit dem echten Einfluss in der zweiten Reihe sitzen und aus dem Verborgenen heraus operieren. "Faktisch ist das schwer belegbar, aber gefühlt scheint es tatsächlich zu einer Machtverschiebung zu kommen", sagt Kuske. Unabhängig davon, ob der Verein als e.V., GmbH oder welche Wirtschaftsform auch immer organisiert ist. Und ungeachtet dessen, wie der Aufsichtsrat tituliert wird.

In Köln bestimmen Präsident Wolfgang Overath und Sportdirektor Volker Finke die Richtung des Vereins, außerdem gibt es ein Gremium namens Aufsichtsrat. Als wichtigstes Organ gilt jedoch der Verwaltungsrat, der wesentlich mehr Befugnis besitzt und deren Mitglieder zu den Großkopferten der Stadt zählen und diskret die Strippen ziehen.

Dem gesamten Geflecht mangelt es an Transparenz. Bei einigen Klubs ist selbst die Vereinssatzung nur schwer oder gar nicht auf der Homepage zu finden - so etwa beim VfB. Ob Absicht dahintersteckt, mag man nicht beurteilen.

Um einen Schritt auf die kritische Fan-Meute zuzugehen, regte Hundt nun an, eine neue Instanz einzuführen, die beratend zur Seite stehen soll. "Wir wollen zusätzlich einen Sport-Beirat einrichten, damit die Diskussion über sportliche Fragen, über Spieler, Transfers, Trainer noch intensiver wird", sagt Hundt.

Stuttgart plant wie Hoffenheim einen Beirat

Auf die Idee kam er womöglich durch einen Blick nach Hoffenheim. Als Reaktion auf das Mismanagement unter Ralf Rangnick und Jan Schindelmeiser und angesichts des Fehlens eines Aufsichtsrats führte 1899-Gönner Dietmar Hopp den sogenannten Beirat ein.

Dieser tagt ungefähr alle drei Monate und hat keine Entscheidungsgewalt, doch Sport-Geschäftsführer Ernst Tanner soll mit dem Beirat die langfristige Strategie und kostspielige Transfers abstimmen. Der Beirat setzt sich zusammen aus Vereinspräsident Peter Hofmann, Hopp selbst, dessen Sohn Daniel, Hopps Steuerberater Berthold Wipfler sowie Gerd Oswald, Vorstand der Hopp-Firma "SAP".

Dietmar Hopp kam nur zwei Jahre nach Dieter Hundt auf die Welt.

Kader, Termine, Star: Der VfB Stuttgart im Steckbrief

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