Königsblauer Föhn

Von Max-Jacob Ost
Montag, 19.09.2011 | 17:12 Uhr
Auf Schalke hat man seine Bibel gelesen und steht zu seinem Glauben
© Getty
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Was hat die Schalker Nordtribüne mit Bayern gemeinsam? Gar nicht so wenig. Doch die Alternative Liste befasst sich nicht nur mit Manuel Neuers Rückkehr nach Gelsenkirchen. Mindestens genauso heiße Themen: Stanislawskis Bewerbung bei Bayern München, Heiko Westermanns DVD-Regal und die griechische Salma Hayek. Aus Wolfsburg.

1. O'zapft is: Die Wiesn steht seit Samstag für Besucher jeder Couleur offen und das wird vor allem Holger Stanislawski freuen. Endlich hat er eine Alternative zu dem Rasen, der ihn schon oft genug rasend machte in dieser Saison. Grasfetzen "so groß wie Australien" hätten seiner Hoffenheimer Traditionsmannschaft den Spielaufbau im heimischen Lärmschutzgebiet in der Vergangenheit erschwert.

So schlimm kann es um den Hoffenheimer Untergrund (nicht zu verwechseln mit der christlichen Jugend Sinsheim, dem subkulturellen Aufschrei einer Generation von drei Zwölfjährigen) jedoch nicht mehr stehen. Immerhin konstatierte der SKY-Reporter am Wochenende mit devoter Bewunderung in der Stimme, die umherwirbelnden Rasenstücke seien "so groß wie der Kraichgau". Und gegen so mikroskopisch kleine Atomhäufchen dürfte auch Stanislawski nichts einzuwenden haben. Vielleicht war seine Tirade aber auch nur der Versuch, Lothar Matthäus eins auszuwischen. Man wird die Bewerbung als Greenkeeper an der Säbener Straße wohlwollend zur Kenntnis genommen haben.

2. Zu Ehren von Gerhard D.: Zugegeben, dieser Einstieg war ungefähr so aufregend wie ein Scherenschnitt von Stale Solbakken. Ein Wortspiel mit "Rasen" und "Wiesn"? Es wurden Menschen schon für weniger schlimme Fehlgriffe Trainer beim HSV. Kommen wir deshalb zu etwas komplett anderem: Was ist der Unterschied zwischen Philipp Rösler und Tim Wiese? Wenn Werders Torhüter eine falsche Entscheidung trifft, dann muss er dafür gehen. Was am Samstag unter Spielleitung des deutschen Rob McKenna gleich doppelt bitter für Werder war. Nicht nur spielerisch, sondern auch frisurenwitztechnisch war der Club gefühlte Stunden in Überzahl. Es wäre nur fair von Dieter Hecking gewesen, als Reaktion Javier Pinola auch vom Platz zu nehmen.

3. Serienjunkies: Der findig-kritische AL-Leser hat es gemerkt: Vom Niveau her befinden wir uns inzwischen in direkter Nachbarschaft zum HSV und damit in so tiefen Regionen, dass sich hier höchstens noch die FDP oder Arminia Bielefeld auskennen. Kein Wunder, dass auch Heiko Westermann immer mehr den Durchblick verliert. Mit dem Gesichtsausdruck eines Meerschweinchens vor einer Gurkenattrappe aus Pappmasche, hauchte er nach der Niederlage gegen Gladbach ins Mikrofon: "Jetzt ist es natürlich zappenduster. Ein Punkt nach sechs Spielen sind für den HSV viel zu wenig. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, jetzt helfen nur noch Serien!" Stellt sich nur die Frage: Welche Serien meint er damit? Hier mal ein paar Vorschläge:

  • Drei Punkte für ein Hallelujah
  • Bad Men
  • Six leagues under
  • Das B-Team
  • Gute Zeiten, Oenning-Zeiten
  • Little Chelsea

4. Der Kaiser spricht: Reden wir nicht lange darum herum - auch dieses HSV-Bashing war wie ein in Silben gegossener Hanno Balitsch: äußerst durchschnittlich. Und wer sind wir auch, dass wir versuchen wollten, den Abgrund HSV in Worte zu fassen. Lassen wir doch lieber den Mann zu Wort kommen, der mit nur einem Nebensatz sämtliche Finanzmärkte dieser Welt beruhigen könnte. Franz, was sagen Eure Durchlaucht zur Lage in Hamburg?

"Ich weiß nicht, ob ein Trainerwechsel etwas bewirken könnte. Ich kenne keinen Trainer auf der Welt, der dem HSV helfen könnte. Ein neuer Trainer müsste ein Zauberer sein - vielleicht kann ein Zauberer vom Circus Krone oder Circus Sarrasani helfen. Ein normaler Mensch hätte kurzfristig keine Chance." Wir halten also fest: Ein normaler Mensch hat beim HSV keine Chance. Was macht Peter Neururer eigentlich gerade?

5. Per Silbereisen: Wo wir gerade bei markigen Zitaten sind, die für sich sprechen: Jens Lehmann plauderte unter der Woche aus dem Nähkästchen zu Per Mertesackers Einstand beim FC Arsenal. Und ganz ehrlich: An der Stelle von Thomas Schaaf hätten wir uns schon viel früher von dieser tickenden Hebt-die-Hände-zum-Himmel-Zeitbombe getrennt: "Normalerweise ist es bei Arsenal Tradition, als Neuzugang eine Rede zu halten oder ein Lied zu singen. Und Per Mertesacker ist gestern aufgestanden und hat etwas von DJ Ötzi gesungen.... 'Hey, Baby' glaube ich. Seitdem ist er sehr beliebt."

6. Sind das Tränen, Michael? Jetzt mal unter uns: Könnt Ihr Euch den kulturellen Grandseigneur der Premier League, Arsene Wenger, vorstellen wie er fröhlich mit seinen feinen Lederschuhen im Takt zu DJ Ötzi mitwippt? Das wäre ja, als würde Lukas Podolski im Alleingang ein Derby gegen Leverkusen entscheiden und Michael Ballack auf dem Platz vier ordentliche Watschn geben ohne dafür belangt zu werden. Ihr habt Recht: Langsam wird diese AL wirklich albern!

7. Raging Rudi: Ohne nostalgisch werden zu wollen, aber seit Frank Rosts Abflug in die USA fehlt der Alternativen Liste jene gesunde Portion Hass, die auf dem Schulhof zwischen "Kopf in der Mädchentoilette" und "freier Auswahl aus allen Pausenbroten des Jahrgangs" entscheidet. Wie unendlich dankbar muss man da sein, wenn sich ein Rudi Völler erbarmt und den Puls mal eben schnell in Regionen eines Kolibris im Fast-Forward-Modus hochschraubt. So hochgefahren faltete der Oberlippenbart des Zorns Schiedsrichter Günter Perl nach dem Spiel gegen Köln genüsslich zusammen wie ein Blatt Seidenpapier. Formte aus dem Blatt einen Waldemar Hartmann, setzte ihn sich gegenüber und begann von Neuem. Hände hoch: Wer von Euch hat sich da aus Reflex auch direkt drei Weizen bestellt?

8. Im Auge des Magath: Dass die Mensch gewordene Schläfenvene Rudi Völler für die konstruktive Diskussion mit dem Referee nun bestraft werden soll, ist selbstredend ein Skandal. Dabei hat er nur das Prinzip beherzigt, auf dem der moderne Fußball nun eben beruht: Verantwortung muss abgegeben werden. Kein Verein präsentierte das am Wochenende vorbildlicher als der VfL Wolfsburg nach dem Platzverweis von Torhüter Marvin Hitz(ig).

Es musste ein Feldspieler als Ersatz her und das gesamte Team verhielt sich herausragend: Marco Russ imitierte eine Steinflechte, Sortirios Kyrgiakos tarnte sich mit offenen Haaren als griechische Salma Hayek und der Rest der Truppe hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon längst in den Gruben versteckt, die der Platzwart noch für seinen Chef Stanislawski in den Platz gegraben hatte. Nur der gefühlt 1,07 Meter große Hasebe verstand die Spielregeln mal wieder nicht und erstarrte im Angesicht Magaths. So muss sich ein Reh fühlen, wenn ein Vierzig-Tonner mit 200 km/h auf es zurast...

9. Aschenfelix: Es spricht für eine unterirdische - man möchte fast sagen HSVeske - Leistung Hasebes, dass er zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch auf dem Platz stand. Denn sonst hätte ihn Felix Magath längst aussortiert. So wie zuvor: Polak hat in der 33. Minute die erste Chance für WOB - und wird sofort ausgewechselt. Mandzukic leitet mit einem Kopfball seinen eigenen Anschlusstreffer ein - und wird sofort vom Platz genommen. Langsam bekommt damit wenigstens die Einkaufspolitik Magaths Konturen: Einfach zwei Mannschaftsbusse voll Spieler kaufen, aufs Spielfeld werfen und dann die herauspicken, die wenigstens halbwegs einen Ball von einer Melone unterscheiden können. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten in die Wolfsburger Fußgängerzone...

10. Judas Priests: Tolle Geste! Anlässlich des Papst-Besuches in Deutschland, wenden sich immer mehr Fußballfans dem Glauben zu. Sie erinnern in zahlreichen Plakaten und Zeichen daran, dass ohne einen bestimmten Apostel mit dicker Brieftasche keine Auferstehung und Verkündigung der göttlichen Botschaft möglich gewesen wäre. Wir freuen uns über diese Entwicklung und erwarten in Zukunft Transparente wie "Dietmar Hopp, du Sohn einer Mutter mit unbefleckter Empfängnis!", "Euer Hass ist unsere Nächstenliebe!", "Euer Spielmacher braucht 40 Jahre von Ägypten nach Kanaan!" und Sprechchören wie "Es gibt nur einen Auserwählten!", die durch wie von Geisterhand geteilte Menschenmeere in den Kurven hallen.

Es ist sehr zu begrüßen, dass sich die Fußballanhänger so kreativ mit ihrem tiefen Glauben auseinander setzen. Auch wenn die Grenze am vergangenen Wochenende hie und da überschritten wurde, als man in einigen Stadien erst den Heiligen Geist "Udo" beschwor und anschließen ausfällig wurde mit Gesängen wie "Walter Frosch, du Plage!" und "Rudi Völler, du Ei!".

11. Gelsenkirchener Föhn: Das Lungenvolumen eines (physisch) erwachsenen Menschen beträgt fünf bis sechs Liter. Der mit den Fingern erzeugte Pfeifton eines Menschen erreicht problemlos mehr als hundert Dezibel. Menschliche Pfeiftöne liegen grob im Frequenzbereich von 1500 bis 4000 Hertz. Wenn alleine 20.000 Menschen pfeifen, bewegen sie damit 100.000 Liter Luft im selben Moment. Doch was bleibt am Ende davon übrig? Richtig: Nicht mehr als eine omnipräsente Bierfahne, ein schaler Geschmack im Mund und jede Menge heiße Luft. Und manchmal sogar ein 0:2 im eigenen Stadion.

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