Kritik an ehemaligen Trainern

Philipp Lahms Buch: Taktik oder Naivität?

Von dapd
Freitag, 26.08.2011 | 15:08 Uhr
Verfolgt Philipp Lahm mit seiner Buchveröffentlichung etwa eine spezielle Taktik?
© Getty
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Mit seiner Buchveröffentlichung stößt Bayerns Philipp Lahm zahlreiche Personen vor den Kopf - und erntet knallharte Kritik von Rudi Völler und Co. Lahm widerspricht selbst eigenen Maßstäben. Bleibt die Frage: Weshalb? Kalkulierte Provokation oder blanke Naivität?

Verstehen kann man das momentan umstrittenste Buch Deutschland wahrscheinlich am besten, wenn man die Schlussgedanken von Philipp Lahm liest. Er fühlt sich "persönlich dafür verantwortlich", seinen FC Bayern zum Champions-League-Sieg zu führen, schreibt der ehrgeizige Fußballer. Und die deutsche Nationalmannschaft bei einem der beiden nächsten Turniere zum Titel.

Der Erfolg dieses Plans würde sich daran entscheiden, ob "wir die nötige Reife mitbringen: Ich persönlich arbeite jeden Tag an dieser Reife." Offenbar erfolglos, werden die sagen, die in dem in weiten Teilen harmlosen, ja langweiligen 265-Seiten-Werks "Der feine Unterschied" angezählt wurden.

Ob Felix Magath, Rudi Völler, Jürgen Klinsmann oder Louis van Gaal - fast alle ehemaligen Trainer in der Profikarriere von Lahm werden einer Generalkritik unterzogen.

Kritik an Trainern ein Tabubruch

Bis auf Völler zwar differenziert mit Stärken und Schwächen, aber ein Tabubruch ist das in der Fußballszene trotzdem.

Ein intelligenter Mann wie Lahm muss das gewusst haben, zumal er in seinem Buch selbst den Maßstab formuliert: "Kritik darf immer nur pauschal, nie persönlich geäußert werden." Daher bleibt die Frage nach dem Warum.

Vielleicht ist es ein Zeichen von Naivität im Lahm-Lager und beim sonst nicht in der Sportszene aktiven Kunstmann-Verlag, die öffentliche Reaktion auf herausgelöste Sätze unterschätzt zu haben.

Vielleicht ist es aber auch ein Zeichen des napoleonischen Selbstverständnisses des 1,70 Meter kleinen Münchners, der es nicht in erster Linie mit körperlicher Präsenz sondern mit technischer und sprachlicher Finesse zum vielleicht mächtigsten Fußballer Deutschlands gebracht hat.

"Die Autorität des Trainers kann nur im Dialog entstehen"

Lahm will sich als Vordenker des deutschen Fußballs profilieren, der den Rahmen entwirft, in dem Erfolge entstehen. "Aber die Zeit der Trainer, die mit ihren Spielern nur reden, um Befehle zu erteilen, ist vorbei.

Die Autorität des Trainers kann nur im Dialog mit den Spielern entstehen, die seine Ideen auf dem Spielfeld ", schreibt Lahm.

Fast mantrahaft ist von flachen Hierarchien die Rede und davon, dass Leitwölfe der alten Schule ausgedient haben.

Zum Beispiel Michael Ballack: "Die Mechanismen im Spitzenfußball kennen keine Nachsicht. Sobald die Leistungen nicht mehr stimmen, verliert der verdienteste Spieler seine Aura - und danach seine Funktionen."

Lahm profitiert von Ballack

Lahm hat taktisch klug von Ballacks Problemen profitiert und er will mit diesem Buch auch zementieren, dass es seiner Meinung nach keinen Weg zurück gibt in die Zeit der dominanten Führungspersönlichkeiten im Fußball.

In Bundestrainer Joachim Löw sieht er einen Gefährten auf dem Pfad zum Erfolg: "Er ist ein präziser Denker mit einem guten Gespür für die taktischen Möglichkeiten einer Mannschaft. Er trifft keine einsamen Entscheidungen."

Sondern fragt Kapitän Lahm, dem man spätestens seit dem Buch zumindest eines nicht vorwerfen kann: feige zu sein.

Provokation als Taktik

Die Taktik der gezielten, öffentlichen Provokation hat der Abwehrspieler schon häufiger angewendet. Sei es bei Interviews zum Thema Michael Ballack, sei es bei seinem nicht autorisierten Interview mit einer Generalabrechnung der Vereinspolitik beim FC Bayern.

"Ich exponiere mich, weil mir der Verein am Herzen liegt", schreibt Lahm dazu: "Ich denke dabei einmal mehr an Uli Hoeneß... Würde Uli Hoeneß das Gleiche tun... Ich denke ja." Der Präsident des Fußball-Rekordmeisters soll das Werk übrigens gelesen und für gut befunden haben.

Ähnliches gilt sicher auch für Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im Nationalteam laut Lahm "einen Schicksalsgefährten" sieht. Genug Porzellan hat Lahm trotzdem zerbrochen, auch wenn er seine geliebten beiden Kapitänsbinden beim FC Bayern und dem Nationalteam wohl behalten darf.

Bleiben Buch-Sätze, die den (körperlich) kleinen Chef irgendwann einholen könnten: "Es gibt keine noch so überragenden Spieler mehr, die sich wegen ihrer Fähigkeiten alles erlauben dürfen. Heute muss ein Profifußballer ein Mindestmaß an sozialen Qualitäten haben, denn sonst wird er in der Mannschaft isoliert sein und am Ende scheitern."

Philipp Lahm im Steckbrief

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