9 Millionen minus Magath = Ilicevic

Von Stefan Moser
Donnerstag, 01.09.2011 | 11:00 Uhr
Eljero Elia wechselt vom Hamburger SV zu Juventus Turin
© Getty
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Mit dem Geld für Eljero Elia wollte der Hamburger SV eigentlich zwei neue Spieler holen. Dank Felix Magaths "schlechtem Verhalten" wurde mit Ivo Ilicevic nur einer daraus. HSV-Sportchef Frank Arnesen ist sauer. Dennoch passt der Transfer ins Muster des psychologischen Umbruchs.

"Im Vergleich zu 2009 ist der Entwicklungsschritt bei null!" Diesen bemerkenswert deutlichen Satz sagte Kaiserslauterns Sportchef Stefan Kuntz über Ivo Ilicevic - drei Tage bevor er ihn für vier Millionen Euro an den Hamburger SV verkaufte: Der 24-Jährige unterschrieb dort am Dienstag einen Vierjahresvertrag.

Jener Ilicevic ersetzt nun also Eljero Elia, den der HSV im Gegenzug für rund neun Millionen Euro zu Juventus Turin gehen ließ. Und über den viele Hamburger ironischer Weise ganz ähnlich denken wie Kuntz über Ilicevic. Der Niederländer startete 2009 zunächst überragend, fiel nach einem Foul des Mainzers Nikolce Noveski aber früh in ein tiefes Loch und stagnierte dort seither.

Allerdings kritisierte Kuntz weniger den sportlichen Stillstand seines Angestellten. Auf die Palme brachte ihn vielmehr das Frustfoul von Ilicevic an Bayerns Anatolij Tymoschtschuk, für das er am Samstag die Rote Karte sah. Für eine in Kuntz' Augen "deckungsgleiche" Szene nämlich war er schon 2009 im Pokalspiel gegen Braunschweig vom Platz geflogen.

Ilicevic? Ein unerwarteter Transfer

Nun muss der Kroate, der privat übrigens als umgänglich und bodenständig gilt, also erneut eine reichlich überflüssige Sperre absitzen. Nur dass er diesmal eben dem HSV vier Spiele lang fehlen wird. Auch deshalb ein zumindest etwas unerwarteter Transfer.

Nachdem klar wurde, dass die Hamburger Elia abgeben würden, um finanziellen Spielraum für Verstärkungen zu schaffen, dachten viele beim Tabellenletzten eher an prominente Soforthilfe. Es kursierten unter anderem die Namen von Tomas Rosicky und Diego.

Und selbst bei den Realos unter den HSV-Fans galt als abgemacht, dass die Erlöse für Elia zumindest in zwei neue Spieler reinvestiert werden. Immerhin hatte Trainer Michael Oenning selbst bestätigt, dass er neben einem Ersatz für den Niederländer noch einen kreativen Mann im Zentrum suche.

Magaths "schlechtes Verhalten"

Dass daraus nichts wurde, liegt in erster Linie daran, dass Felix Magath seine Hamburger Kollegen überraschend auflaufen ließ: Der Wechsel des Südkoreaners Ja-Cheol Koo war vom VfL Wolfsburg bereits mündlich zugesagt. Am Sonntag allerdings zog Magath die Freigabe plötzlich zurück.

Was selbst den eher diskreten HSV-Sportchef Frank Arnesen mächtig ärgerte: "So schlecht ist mein Deutsch nicht und meine Ohren auch nicht, dass ich das falsch verstanden habe. So geht man nicht mit Kollegen um. Wir hätten ihn sehr gerne gehabt, aber das scheiterte an schlechtem Verhalten."

Dass er sich nicht mit Gewalt um eine Alternative bemühte - diskutiert wurde angeblich Marco Parolo vom AC Cesena -, liegt womöglich auch an Robert Tesche. Auf der fraglichen Position als offensiver Part der Doppelsechs machte der nämlich beim jüngsten 3:4 gegen Köln eine beachtlich starke Partie. Arnesen sagt: "Sein bestes im HSV-Trikot." Wie bereits in der Vorbereitung angedeutet, könnte Tesche also tatsächlich eine Lösung im Mittelfeld sein.

Elia verliert den Glauben

Bleibt die Frage: Warum tauscht der HSV mit Eljero Elia dennoch seinen zweifellos besten Fußballer gegen einen mutmaßlich weniger talentierten Spieler wie Ivo Ilicevic ein?

Zum einen hatte der Niederländer wohl selbst den Glauben verloren, dass er seine Blockaden in Hamburg noch überwinden würde. Nach zwei Bundesligaspielen in der Startelf schloss er einen Wechsel nach Turin noch aus, interessant sei für ihn allenfalls der FC Arsenal. Nach zwei weiteren Spielen auf der Ersatzbank wollte er nun angeblich nur noch weg. Egal wohin.

Zum anderen zeigt der Transfer, dass der "Umbruch" beim HSV zunächst eben eher die Psychologie des Kaders betrifft, als dessen reine sportliche Qualität.

Sinnbild der enttäuschten Erwartungen

Das (vermutlich sogar zu krampfhafte) Bemühen konnte man Elia in den letzten Wochen zwar kaum absprechen. Seine Körpersprache aber setzte ihn immer wieder dem Verdacht aus, er bemühe sich vor allem darum, seine eigenen hohen Ansprüche endlich zu erfüllen, anstatt mit der Mannschaft nur einfach Punkte zu holen.

Und noch wichtiger: Während der in Hamburg noch völlig unbelastete Ilicevic an einem schlechten Tag vielleicht zu einem Mitläufer wird, wurde der symbolbeladene Niederländer an schlechten Tagen zum Problem. Für sich selbst - aber auch für die Zuschauer und für die eigene Mannschaft.

"Über die Qualitäten von Eljero müssen wir nicht reden. Er bringt fußballerisch alles mit", sagte David Jarolim dem "Kicker". "Aber er ist noch jung und muss viel lernen. Ich denke, Elias Wechsel ist für alle Seiten das Beste."

Elias Scheitern warf irgendwie auch immer einen diffusen Schatten auf das gruppendynamische Gesamtgebilde. Als Sinnbild der enttäuschten Erwartungen der letzten Jahre schien sein ganz persönliches Drama abzustrahlen.

HSV wird psychologische Altlasten los

Ein Problem, das er etwa auch mit Piotr Trochowski teilt. Auch auf ihn reagierten vor allem die Fans am Ende extrem sensibel. Und auch er musste im Sommer gehen. Nicht zuletzt, um psychologische Altlasten loszuwerden. Ein Muster, das sich durch den kompletten Umbruch des HSV zieht.

Mit Frank Rost, Ze Roberto, Joris Mathijsen und Ruud van Nistelrooy gingen die entfremdeten und schlecht gelaunten Alpharüden, um Platz zu machen für neue Hierarchien. Mit Jonathan Pitroipa und Guy Demel wurden zwei weitere "ewige Talente" aussortiert.

Gut möglich, dass sie woanders einen Neuanfang schaffen. Trochowski scheint in Sevilla sein Glück gefunden zu haben, Pitroipa schießt in Rennes sogar Tore. Und womöglich schafft der von Kuntz so gescholtene Ilicevic ja auch seinen Neuanfang in Hamburg.

Risiko: Vier Spiele Sperre

Für seine grundsätzlichen Qualitäten auf der Außenbahn sprechen immerhin nicht nur die fünf Tore und sieben Vorlagen aus der letzten Saison, sondern auch das Interesse des FC Bayern im Winter.

Dass er für den Neuanfang allerdings zunächst vier Spiele warten muss, birgt sicher ein gewisses Risiko, vor allem für die öffentliche Wahrnehmung von Frank Arnesen als Krisenmanager. Weil der HSV nach einem Punkt aus vier Spielen eigentlich keine Zeit mehr zu verschenken hat, wird auch er in die Kritik geraten, sollte der bestehende Kader keine Wende schaffen.

Ilicevic selbst dagegen sieht seine Sperre nicht nur als Nachteil: "Als neuer Spieler brauchst du eigentlich immer ein bisschen Zeit, um ordentlich Fuß zu fassen, da können mir die ersten Wochen vielleicht auch zugutekommen."

Ivo Ilicevic im Steckbrief

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