Frank Schaefers Rückzug löst Diskussion aus

"Gläubige Fußballer werden stigmatisiert"

Von Interview: Haruka Gruber
Donnerstag, 28.04.2011 | 14:31 Uhr
Seltenes Bild im Fußball: Noch in Belgien ließ sich Gladbachs de Camargo beim Beten fotografieren
© Imago
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Tabuthemen Depression, Homosexualität - und Glaube? Der deutsche Fußball hat Berührungsängste mit Glaube und Religion, das zeigt der Fall von Frank Schaefer, nachdem dieser erst seinen freiwilligen Rückzug im Sommer und nun den sofortigen Rücktritt als Trainer des 1. FC Köln bekanntgab.

Insider Torsten Berger kennt ähnliche Probleme vieler Bundesliga-Stars, die aus Angst, von Mitspielern und Medien stigmatisiert oder verspottet zu werden, ihren Glauben im Verborgenen ausleben.

Der Manager des Cristlichen Sportvereins Sportfreunde Bochum-Linden schlägt mit seinem Klub deswegen einen anderen Weg ein. Ein Interview über Hauskreise, Mentoren und einen Ex-Brasilien-Star in der Kreisliga.

SPOX: Der freiwillige Rückzug von Kölns Cheftrainer Frank Schaefer hat die Aufmerksamkeit auf ein wenig beachtetes Thema gezogen: Glaube und Fußball. Gibt es einen Bedarf, dass mehr über Glaube im Fußball gesprochen wird?

Torsten Berger: Ich sehe auf allen gesellschaftlichen Ebenen Bedarf, egal ob am Arbeitsplatz, in der Schule, im Kindergarten, in der Familie, überall. Es werden wichtige Fragen des Lebens nicht zufriedenstellend beantwortet und der Einzelne wird in der heutigen Zeit häufig alleine gelassen - entsprechend sehe ich eine Notwendigkeit, dass der Profifußball mit seinem herausgehobenen Stellenwert den Glauben mehr thematisiert. Wenn ein Fußball-Star zu seinem Glauben stehen und den Kindern und Jugendlichen deutlich machen würde, dass der Glaube nicht nur etwas für die ältere Generation ist, hätte es eine wichtige Außenwirkung.

SPOX: Haben Sie dennoch Verständnis, dass im Fußball kaum jemand über den Glauben reden möchte, aus Angst, in einer Schublade zu landen?

Berger: Natürlich. Ich kenne Frank Schaefer nicht persönlich, aber es ist bekannt, dass er ein gläubiger, bekennender Christ ist. Im Falle des Erfolgs sehe ich keine allzu großen Probleme mit dem Bekenntnis zum eigenen Glauben. Schaefers Umgang mit der Mannschaft und den Medien wurde ja allseits gelobt. Aber im Falle des Misserfolgs kann sich vieles sehr schnell in die andere Richtung drehen. Der Glaube wird dann als Schwäche ausgelegt und derjenige wird plötzlich weniger ernst genommen, von einigen vielleicht sogar in die Lächerlichkeit gezogen. Womöglich hat Schaefer genau diese Tendenzen in Köln ausgemacht.

Zurück zur Sicherheit: Warum hört Frank Schaefer auf?

SPOX: Werden Gläubige im Fußball stigmatisiert? Nicht nur vom Boulevard, sondern auch innerhalb eines Vereins?

Berger: Ich glaube schon, ja. Fußballern geht es nicht anders als der Rest-Bevölkerung: Viele gelangen an die Grenze des Verstehens, wenn sie aktiv über ihren Glauben reden und verdeutlichen, dass der Glaube auch etwas mit der persönlichen Lebensführung zu tun hat. Viele Menschen sind heutzutage von Glaubensfragen regelrecht entfremdet und für sie ist das Thema wenig greifbar. Sie verstehen es nicht, wenn ein Mitspieler zum Beispiel sagt, dass er regelmäßig betet. Dann kann es ganz schnell gehen, dass der Glaube plötzlich als Erklärung für schlechte Leistungen oder als Beweis der Führungsschwäche herhalten muss. Ich glaube, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Als Christ erhält man besonders viel Kraft - gerade in schwierigen Zeiten. Es gehört eine wahnsinnige Stärke dazu, sich zu seinem Glauben zu bekennen und zu seiner Andersartigkeit zu stehen. Es ist eine Gratwanderung, wie offen man mit dem Glauben umgeht.

SPOX: Der Begriff Stigmatisierung fiel im Fußball zuletzt bei den Themen Depression und Homosexualität. Zufall?

Berger: Ich sehe grundsätzliche Parallelen. Ob ich über meinen Glauben, eine Depression oder das Sexualleben rede: Das alles sind persönliche Themen, mit denen unsere Gesellschaft teilweise immer noch Berührungsängste hat. Man kann in der Regel nicht einfach so darüber sprechen, weil es eben immer wieder als Zeichen der persönlichen Schwäche interpretiert wird. Wer nicht dem Standard entspricht, unterliegt der Gefahr der Stigmatisierung, da geht es dem homosexuellen Fußballer nicht unbedingt anders als dem gläubigen Fußballer.

SPOX: Ist es nicht dennoch absurd: Es ist bekannt, dass zahlreiche deutsche Profis gläubig sind, aber von Ausnahmen wie Christoph Metzelder abgesehen trauen sich nicht einmal die größten Stars, über ihren Glauben zu sprechen?

Berger: Es ist weniger absurd denn schade. Es gibt so viele Fußballer, die aus dem Glauben ihre Kraft gezogen haben, um eine persönliche Krise zu meistern. Aber die Realität ist: Je mehr man sich in seiner Denke und dem Fühlen öffnet, desto angreifbarer macht man sich. Dieser Gefahr können sich offenbar nicht einmal gestandene Profis aussetzen. Viele brasilianische Fußballer, die in ihrer Heimat gewohnt sind, mit dem Glauben wesentlich entspannter umzugehen, sind nach dem Wechsel in die Bundesliga entsprechend irritiert, wie verschlossen wir mit dem Thema umgehen.

SPOX: Hierzulande geht kaum ein Profi in die Kirche, sondern bevorzugt sogenannte Hauskreise, um seinen Glauben auszuleben. Warum?

Berger: Zunächst muss man festhalten, dass es der Beruf des Fußballspielers kaum zulässt, am Sonntagmorgen in die Kirche zu gehen. Als Christ ist aber die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen nicht unwichtig. Man versucht, füreinander einzustehen - ähnlich wie in einer Fußballmannschaft, wo einer für den anderen kämpfen sollte. Die Hauskreise sind somit häufig der einzige Ort, wo man sich in geeigneter Form austauschen kann.

SPOX: Wie kann man sich die Hauskreise vorstellen?

Berger: Es sind eher spontane Treffen im familiären Umfeld. In der Regel gibt es in jeder größeren Stadt einen Profi, nicht selten aus Südamerika, der als Christ besonders aktiv ist und bei dem man sich einfindet. Über das Handy spricht man sich ab, dann wird kurzfristig geklärt, wer wann trainieren muss oder Zeit hat. Man trifft sich in lockerer Atmosphäre, isst etwas, musiziert gemeinsam und spricht über den Tag. Je nachdem, wie gut man sich kennt, tauscht man sich über verschiedene Lebens- und Glaubensfragen aus.

SPOX: Die Hauskreise werden teilweise von sogenannten Mentoren begleitet, die quasi durch das Programm leiten und auch als persönlicher Ansprechpartner den Fußballern zur Seite stehen. Für den Außenstehenden klingt das etwas dubios, weil auch bei einigen Sekten sogenannte Mentoren arbeiten.

Berger: Ich kenne den Begriff des Mentors und deren Arbeit auch aus dem beruflichen Umfeld. Es hat überhaupt keine Ähnlichkeit zu einer Sekte - die Fußballer werden bei Bedarf freundschaftlich unterstützt. Der Mentor - man könnte auch einen ganz anderen Begriff verwenden, der weniger modern ist - "beutet" nicht aus. Im Gegenteil: Die Mentoren sind Vertreter einer gemeinnützigen, karitativen Einrichtung wie zum Beispiel von der Organisation SRS (ehemals "Sportler ruft Sportler", Anm. d. Red.) und wollen den Fußballern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das ist ein Angebot, um mit den Profis in einen Dialog zu treten. Sie erleben zugenüge, dass Außenstehende sich in ihrem Erfolg sonnen wollen oder finanziell fragwürdige Geschäfte vorschlagen. Bei den Hauskreisen ist es etwas ganz anderes: Der Mentor investiert seine Zeit und seine Bereitschaft und erwartet keine Gegenleistung. Das wissen viele Profis zu schätzen und so entsteht eine freundschaftliche, vertrauensvolle Umgebung.

SPOX: Mittlerweile arbeitet der ehemalige brasilianische Nationalspieler Mineiro, der zuletzt beim FC Schalke 04 unter Vertrag stand, ebenfalls als hauptamtlicher "Sportmentor" bei SRS. Dabei hatte er einige Offerten, seine Karriere fortzusetzen. Warum lehnte er diese ab?

Berger: Meines Wissens nach sieht Luciano seine Hauptaufgabe derzeit darin, seine Erfahrungen als Profi und als Christ hier in Europa und speziell in Deutschland zur Verfügung zu stellen. Er wünscht sich, dass in Deutschland der Glaube eine wesentlich wichtigere Rolle spielt und er möchte seinen Teil dazu beitragen. Deswegen lehnte er wohl auch diverse Angebote aus der ersten brasilianischen Liga oder von Profi-Klubs aus Süddeutschland ab. Er möchte hier im Ruhrgebiet seine Aufgaben fortführen.

SPOX: Parallel stieg Mineiro im Sommer ins Training der ersten Mannschaft Ihres Vereins Christlicher Sportverein Sportfreunde Bochum-Linden ein, die in der Kreisliga spielt. Wie kam das zustande?

Berger: Aus meiner Gemeinde kenne ich ein Ehepaar, das den gleichen Hauskreis besuchte wie die früheren Schalker Marcelo Bordon, Rafinha und Kevin Kuranyi. Darüber habe ich Mineiro kennengelernt, und als dieser gehört hat, dass es einen Verein gibt, der christlich-soziale Werte vertritt, fragte er, ob er mittrainieren könnte. Ihm war es wichtig zu zeigen, dass das Leben eines Christen auch bedeutet, nicht abgehoben zu sein, egal wie bekannt man als Fußballer ist. Er verhielt sich eher unauffällig und sehr kameradschaftlich. Er duschte in der normalen Mannschaftskabine und trainierte im Winter sogar auf unserem Aschenplatz mit.

SPOX: Sie formulieren als Manager ambitionierte Ziele für den CSV, was sich unter anderem darin zeigt, dass die Mannschaft von Ex-Bundesliga-Profi Frank Benatelli trainiert wird und der damals vertragslose Delron Buckley im Gespräch war. Welche Ziele verfolgen Sie genau?

Berger: Wir haben zwei Kernziele. Erstens: Wir wollen als Gesamtverein dabei helfen, Randgruppen zu integrieren und Jugendlichen eine Heimat zu bieten, unabhängig von Konfession und Glaubensrichtung. Zweitens: Für den Seniorenbereich haben wir in der Tat ambitionierte Vorgaben formuliert. Mittelfristig planen wir mindestens mit der Landesliga. Kurz zu Delron Buckley: Hier war es lediglich so, dass wir über einen gemeinsamen Freund einmal vorsichtig angefragt hatten, ob er sich nicht bei uns fithalten möchte. Im Bochumer Umfeld wird aber immer wieder über andere "sensationelle Transfers" gemutmaßt. Dies liegt wohl auch daran, dass unser Trainer nach wie vor im Profifußball aktiv ist und viele Kontakte zu aktuellen wie ehemaligen Bundesliga-Spielern unterhält. Für uns ist Frank Benatelli ein hervorragendes Aushängeschild und in der Gesamtentwicklung des Vereins spielt er eine wesentliche Rolle. Ich schätze ihn als Freund und Fußballlehrer!

SPOX: Sie sprachen christlich-soziale Werte an. Wie lässt sich das mit dem Erfolgsdenken vereinbaren?

Berger: Das ist in der Tat eine schwierige Frage, die immer wieder neu beantwortet werden muss. Ist es beispielsweise nötig, einem Gegner zwei weitere Tore einzuschenken, wenn man schon 6:0 führt? Wie erfolgsfixiert sollen unsere Spieler auftreten? Was passiert, wenn einer unserer Spieler ein schweres Foul begeht? Es gab zuletzt Diskussionen, als ein Gegenspieler nach einem Zweikampf schwer verletzt ausgewechselt werden musste.

SPOX: Gibt es einen christlichen Verhaltenskatalog für Ihre Spieler?

Berger: Nein, bisher nur den üblichen Strafenkatalog. Meine persönliche Bitte an die Spieler der ersten Mannschaft lautet allerdings, dass sie sich bewusst sein sollen, dass ihr Verhalten von Außenstehenden alleine schon wegen des Vereinsnamens anders bewertet wird und ihnen eine Vorbildfunktion zukommt. Jeder Spieler ist aber hier für sich verantwortlich. Wir sind in vielen Punkten ein ganz normaler Fußballverein und so wollen wir auch sein. Es soll gerade kein Verein nur für "fromme Menschen" sein. Wenn wir nur nach christlichen Prinzipien handeln würden, müssten wir aus Nächstenliebe und Rücksichtnahme lieber verlieren als gewinnen. Nein - in diesem Punkt zählt der Wettkampfgedanke und ich denke, dies ist legitim. Aber unabhängig davon wünsche ich mir, dass wir in anderen Punkten durch einige christliche Spieler auf und gerade neben dem Platz zeigen können, was es heißt, als Christ zu leben.

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