Rückkehr eines Freundes

Von Stefan Rommel
Samstag, 16.04.2011 | 23:36 Uhr
Befreundet seit fast 40 Jahren: Bayer-Trainer Jupp Heynckes (l.) und Bayern-Präsident Uli Hoeneß
© Getty
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Das Spitzenspiel zwischen Bayern München und Bayer Leverkusen (15.15 Uhr im LIVE-TICKER) ist nicht nur der zugespitzte Kampf um die Champions League und vielleicht sogar den Titel. Für Trainer Jupp Heynckes ist es auch die Rückkehr vor der Rückkehr.

Seit fast fünf Jahrzehnten ist Josef "Jupp" Heynckes jetzt schon im Profifußball unterwegs. Wenn er am 1. Juli seinen Dienst beim FC Bayern München antreten wird, geht er in seine 47. Saison.

Eine wahnsinnige Zahl ist das und es gibt wenige in Europa, die auf einen ähnlich profunden Erfahrungsschatz zurückgreifen können wie Heynckes. Die Zunft der Fußballlehrer ist in den letzten Jahren tendenziell immer jünger, frischer, fortschrittlicher geworden.

Es sind nicht unbedingt die Attribute, die man einem bald 66-Jährigen auf Anhieb attestieren würde. Und trotzdem hat ihn der wichtigste Verein des Landes nach Hause geholt. Sein vergleichsweise biblisches Alter greift als Argument bei Uli Hoeneß dabei nicht.

Den FC Bayern anvertraut

"Alex Ferguson gewinnt gerade einen Titel nach dem anderen. Und außerdem wirkt Heynckes heute 20 Jahre jünger als noch vor zehn Jahren", verteidigt Hoeneß seinen bald neuen, alten Cheftrainer - und damit auch seine eigene Entscheidung, Heynckes zurück an die Säbener Straße zu holen.

Hoeneß und Heynckes sind alte Freunde, und echte Freunde gibt es in diesem Geschäft nur sehr selten. Also vertraut man sich: Hoeneß vertraut seinem langjährigen Weggefährten dabei das wichtigste an, was er neben seiner Familie hat: den FC Bayern München.

Dieses Mal so richtig. Zwei Jahre wurden im Vertrag als Laufzeit fixiert. Vor 24 Monaten war Heynckes zuletzt auf beruflicher Stippvisite in München, damals allerdings "nur" für fünf Spiele. Die Mission erfüllte er damals wie gewünscht.

Hoeneß: "Schönste Zeit beim FC Bayern"

Aber da waren vornehmlich zwischenmenschliche Streicheleinheiten erforderlich, die Köpfe der Spieler galt es freizubekommen und ein paar Scherben zusammen zu kehren. Zwischen der Mannschaft und dem Übergangstrainer stimmte die Chemie.

Zwischen Trainer und Vereinsführung war sofort wieder diese wohlige Wärme da, die Hoeneß jetzt im Rückblick fast überschwänglich werden lässt: "Für mich war das meine wohl schönste Zeit beim FC Bayern."

Keine Experimente mehr

Also holen die Bayern einen Trainer zurück, der bereits vor über 20 Jahren schon in selbiger Funktion in München tätig war. In den letzten Jahren hat Hoeneß seine Bayern zu oft als Versuchslabor empfunden für neue Trends oder als Schlachtfeld unnötiger Machtkämpfe.

Da hat es geraucht und gebrodelt, an vielen Ecken wurde gezündelt und nicht selten haben sich mehrere Beteiligte dabei die Finger verbrannt.

"Klinsmann und van Gaal haben versucht, einen Verein im Verein aufzumachen", sagt Hoeneß. Es darf nicht verwundern, dass Hoeneß das nicht gefallen konnte. Er ist schließlich der FC Bayern München.

Jetzt muss wieder Ruhe in einen rastlosen Verein. Nichts wünschen sie sich in München mehr als ein bisschen Verlässlichkeit. Auch wenn sie auf den ersten Blick langweilig erscheinen mag.

Früher: Farblos, dünnhäutig, reizbar

Früher war Jupp Heynckes auch das: langweilig. Oder besser farblos. Zumindest wurde ihm das oft nachgesagt. Und stur sei er gewesen, schroff und unnachgiebig zu seinen Spielern und im Zusammenwirken mit seinem damaligen Co-Trainer bei den Bayern, Egon Coordes, das härteste Gespann der Bundesliga. Aber gegenüber Kritikern auch extrem dünnhäutig und reizbar.

"Er hat sich früher eingebuddelt, in der Außendarstellung war er nicht immer geschickt", muss selbst Hoeneß eingestehen.

Heute: Charmante Souveränität

Aber das ist lange her. Seitdem hat Heynckes einen langen Reifeprozess durchlaufen. Seine bärbeißige Art ist einer charmanten Souveränität gewichen. Und er hat sich trotz seiner Verträge für sich selbst auch immer eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt.

Unaufgeregt kommentiert Heynckes die Aufgeregtheiten des Geschäfts, wie zuletzt die irrwitzigen Wochen der Trainerdemissionen. "So locker und souverän ist er wohl dank der Weisheit des Älteren", vermutet Hoeneß.

Für die Bayern ist es nach den zuletzt risikoreichen Trainerverpflichtungen Louis van Gaal, Jürgen Klinsmann und sogar Felix Magath die sicherste aller Varianten. "Ich fange ja nicht bei Null an, ich kenne da ja alle", sagt Heynckes und nennt damit einen der großen Vorteile der Vereinbarung.

Bald ein neues WirGefühl

Seine Einstellung und seine Herangehensweise an die Dinge gefallen den Bossen sehr, ganz speziell nach den krachenden Alleingängen des entlassenen van Gaal in den letzten 20 Monaten.

Heynckes schlägt sehr moderate Töne an, wenn es um die künftige Zusammenarbeit geht. "Man muss überzeugen, die Mannschaft mitnehmen. Deshalb freue ich mich darauf, mit den Leuten zu diskutieren und Entscheidungen im Team zu erarbeiten."

Im Team also, in der Gemeinschaft, werden bald wieder die Entscheidungsprozesse ablaufen. Davor haben die Spielplangestalter der DFL aber noch ein pikantes Spiel geschraubt, das dieses Wir-Gefühl auf eine harte Probe stellen wird.

Pikantes Spiel als Vorlauf

Wenn Heynckes am Sonntag mit Bayer Leverkusen vorstellig wird (15.15 Uhr im LIVE-TICKER), geht es indirekt auch um nicht weniger als die Zukunft seines neuen Arbeitgebers.

Ein Sieg der Gäste würde Bayerns Champions-League-Ambitionen auf ein kleines Maß schrumpfen lassen.

Die "Konsolidierung des Vereins auf hohem Niveau", die Hoeneß von Heynckes erwartet, würde dann auf kleiner Flamme vorangetrieben werden, in der Europa League. Und das ist nun mal keine Option für einen Verein wie den FC Bayern.

Erste Gefälligkeiten sind für den Rekordmeister selbstredend nicht zu erwarten. Denn auch diese eine Eigenschaft haben sie sich mit Jupp Heynckes eingekauft: hundertprozentige Loyalität.

"Ich werde selbstverständlich alles daran setzen, um beim FC Bayern zu gewinnen", verspricht Heynckes. "Dazu bin ich als Angestellter von Bayer Leverkusen verpflichtet."

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