Fussball

Good Cop in doppelter Mission

Von Für SPOX an der Säbener Straße: Thomas Gaber
Andries Jonker ist für den Rest der Saison Cheftrainer des FC Bayern München
© Getty

Andries Jonker war jahrelang treuer Begleiter von Louis van Gaal. Jetzt soll er den FC Bayern retten und anschließend dem schwächelnden Nachwuchs Beine machen. Eine Mammutaufgabe für den Mann, der so anders ist als sein Vorgänger.

AJ steht auf seiner Trainingsjacke, direkt neben dem Bayern-Emblem. AJ - das klingt nach einem Basketballer aus der NBA, einem Boygroupmitglied oder einem Hollywoodstar.

Alexander James McLean, Sänger der Backstreet Boys wird nur AJ genannt, ebenso der junge Mann, der im Blockbuster "Armageddon" erst die Tochter von Bruce Willis scharf macht und anschließend die Welt retten soll.

Insofern hat Andries Jonker durchaus etwas gemeinsam mit den berühmten Namensträgern. Jonker soll den FC Bayern retten vor dem Desaster, den Europa-League-Reisen nach Borisow, Limassol oder Lwiw.

Emotionales Geständnis

Als Typ taugt der verheiratete dreifache Familienvater wenig zum Superstar. Mit dem Narzissmus seines Vorgängers und guten Freundes Louis van Gaal hat Jonker nichts gemeinsam. Van Gaal ist aufbrausend, herrisch, mitunter garstig, Jonker zurückhaltend, freundlich, fast unterwürfig.

Auf seiner ersten Pressekonferenz als neuer Cheftrainer des FC Bayern München bat er die Journalisten mehrfach um Verständnis, dass er zu personellen Fragen wie dem (wahrscheinlichen) Torwartwechsel Jörg Butt für Thomas Kraft noch keine Stellung nehmen könne.

"Ich muss die letzten zwei, drei Tage erst einmal ordnen. Es ist viel passiert. Ab Dienstag mache ich mir Gedanken darüber, wie die Mannschaft aussehen kann, die am Sonntag gegen Bayer Leverkusen spielt", sagte Jonker.

Der Auftritt des Niederländers war aber auch ohne Detailverkündung seiner Planspiele bemerkenswert. Jonker erzählte von der Zeit nach dem 1:3 in Hannover bis zu van Gaals Rauswurf am Samstagabend und legte ein emotionales Geständnis ab.

"Eigentlich müsste ich mich freuen, Trainer von Bayern München zu sein. Aber ich bin nicht froh. Wir Trainer waren im ersten Jahr unglaublich erfolgreich. Und dann fällt diese Gruppe auseinander. Mit Gruppe meine ich nicht die Mannschaft, sondern den Trainerstab. Das ist sehr enttäuschend", sagte Jonker.

Jonker bat van Gaal um sein Ok

Jonker wäre lieber bis Saisonende van Gaals stiller, akribischer Helfer geblieben. Er braucht das Rampenlicht nicht, um glücklich zu sein und erst recht nicht, wenn er anstelle von van Gaal dort auftaucht.

Ohne van Gaals Einverständnis hätte Jonker den Job nicht angenommen. "Ich habe Louis mehrmals angerufen. Er hat gesagt: 'Wenn ich in deinen Schuhen stehen würde, würde ich das machen.' Diese Aussage war mir sehr wichtig. Wir haben lange erfolgreich zusammengearbeitet und eine sehr enge Beziehung. Van Gaal hat immer gewusst, wie ich denke. Wir haben jeden Tag über Fußball gesprochen."

Jonker will die "vielen guten Dinge" von van Gaal übernehmen und mit seinen eigenen Methoden anreichern. Im Kern will er den Spagat schaffen, van Gaals anerkanntes fachliches Know-how fort- und mit einer deutlich umgänglicheren Form der Kommunikation aufleben zu lassen.

"Es ist klar, dass ich in fünf Wochen keine Spieler ausbilden und eine neue Philosophie bringen kann. Nach so einer langen Zusammenarbeit ist auch klar, dass ich viel von Gaal übernehmen werde. Ich habe den Spielern gesagt, wie wichtig ich es finde, direkt zu kommunizieren. Meine Tür steht immer offen. Wer etwas zu sagen hat, soll zu mir kommen. Geradeaus! So bin ich: geradeaus."

Emanzipation im Schatten van Gaals

Geradeaus ist auch van Gaal. Die Spieler schätzten seine Ehrlichkeit, litten aber zunehmend unter dem patriarchalischen Befehlston des Trainers. Van Gaal war der Bad Cop, Jonker ist der Good Cop.

Jahrelang war Jonker van Gaals treuer Vasall. Beide arbeiteten bei Ajax Amsterdam, beim FC Barcelona und beim niederländischen Fußballverband zusammen. Bei van Gaals 2010 erschienener Biographie war Jonker Co-Autor.

Er leitete in van Gaals Abwesenheit das Training, vermittelte den Spielern van Gaals anspruchsvollen Lehrplan und erklärte, wie das von van Gaal geliebte Passspiel in Dreiecken funktioniert.

Jonker war stets nah dran an den Spielern. Jetzt ist er der Boss, der mitunter auch harte Entscheidungen zu treffen und zu verantworten hat. Eine Rolle, die ihm nicht unbedingt behagt. Am Montag appellierte Jonker immer wieder an das Gemeinschaftsgefühl: "Ich bin davon überzeugt, dass wir unser Ziel, Platz 3, erreichen werden. Das können wir aber nur zusammen machen: Fans, Spieler, Trainerstab, Vorstand."

Der Vorstand vertraut Jonker in den letzten Wochen der Saison das Wohl und Weh des Vereins an.

Jonker hat sich bei Bayern im Schatten des ungeliebten van Gaal, mit dem sich die Klubchefs ständig stritten, unfreiwillig emanzipiert. Der Vorstand und Sportdirektor Christian Nerlinger baten ihn schon unmittelbar nach dem Hannover-Spiel, bei Bayern zu bleiben. Nicht als van-Gaal-Nachfolger, sondern als Trainer der zweiten Mannschaft.

Zukunft im Bayern-Nachwuchs?

Jonker hat das Angebot angenommen. Zunächst für ein Jahr, im Erfolgsfall auch langfristig. Er soll dafür sorgen, dass der schwächelnde Nachwuchs wieder in die Spur findet und seine Philosophie der Trainingslehre einbringen, die in den gesamten Jugendbereich einfließen soll. Jonker muss erst retten, dann soll er aufbauen. Eine Herkulesaufgabe.

Druck von außen spürt Jonker jedoch nicht. "Den Druck machen wir uns doch selbst. Die Spieler wollen unbedingt Champions League spielen. Wir alle wollen das. Wenn das nicht gelingt, ist das ärgerlich. Für mich zählt der 14. Mai (letzter Spieltag, d. Red.). Ich möchte am 14. Mai abends auf der Couch sitzen und zufrieden sein. Dafür müssen wir Dritter werden."

Zum Auftakt befolgte er den Auftrag von Präsident Uli Hoeneß, die Spieler aus der Zwangsjacke zu befreien und ihnen den Spaß am Fußball wieder zu geben. "Ich wollte, dass die Spieler vor allem Fußballspielen und habe deshalb den besten Rasen rausgesucht, den wir hier haben", so Jonker.

Held Heynckes

Ab sofort wird um 10 Uhr trainiert, unter van Gaal mussten die Spieler erst um 11.30 Uhr antreten. Ein Mammutprogramm wird es bis zum Spiel gegen Leverkusen aber nicht geben. "Am Dienstag haben die Spieler frei, damit sie die letzten Tage verarbeiten können. Ich erwarte, dass sie ab Mittwoch voll da sind", sagte Jonker.

Dass mit Jupp Heynckes sein Nachfolger beim FC Bayern auf der Leverkusener Bank sitzen wird, stört Jonker nicht - im Gegenteil: "Ich hatte als kleiner Junge ein Foto von Heynckes im schönen weißen Trikot von Mönchengladbach. Er war ein toller Stürmer. Ich freue mich, ihn am Sonntag etwas näher kennenzulernen."

Der Kader des FC Bayern München

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