Fussball

Der schlimmste aller Gegner

Von Stefan Rommel
Hannover 96 spielt die beste Saison seiner Vereinsgeschichte
© Getty

Hannover 96 empfängt den FC Bayern München zum Spiel um die Champions League. Für die Bayern und Trainer Louis van Gaal könnte der Trip in den Norden kaum unangenehmer sein, weil Hannover in dieser Saison auf jenen Gebieten besonders gut ist, die die Bayern schleifen lassen. Und weil sich 96 bisher als Königsmörder der Liga entpuppt hat.

Die Konstellation ist nicht wirklich neu. Die Bayern? Konsterniert und im Tal. Hannover? Obenauf und überraschend gut. Am 8. Spieltag gab es diese Ausgangslage schon einmal.

Das Ende ist bekannt: Hannover war in der Allianz Arena einmal mehr der Aufbaugegner, die Bayern starteten eine kleine Serie. 3:0 hieß es am Ende, dreimal Mario Gomez. Für ihn persönlich war es der Auftakt in eine außerordentlich gute Saison. Die seiner Mannschaft droht mittlerweile aber zu einer großen Enttäuschung zu werden.

Das wichtigste Spiel der Saison?

17 Spieltage später ist Hannover immer noch Dritter und damit vor den Bayern. Allerdings hat sich deren Lage zuletzt dramatisch zugespitzt.

Zwei Pflichttitel sind weg, jetzt muss bei den Münchenern der Notfallplan greifen. Wobei jetzt auch erstmals vom Minimalziel Platz drei die Rede ist.

Notwendig dafür ist allerdings ein Sieg in Hannover am Wochenende. Eine Niederlage will sich in München gar niemand auch nur ausmalen.

"Vielleicht ist das das wichtigste Spiel der Saison, weil es jetzt um alles geht", sagt Kapitän Philipp Lahm.

Früher waren die Bayern in diesen Spielen kaum zu bezwingen. Heute sind sie ziemlich viel mit sich selbst beschäftigt.

Und treffen am Samstag (ab 15 Uhr im LIVE-TICKER) auf einen Gegner, der zum momentanen Zeitpunkt nicht unangenehmer sein könnte.

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Defensiv bodenständig, offensiv effizient

Hannover 96 hat sich viele Attribute verdient in dieser Saison. Es schwingt bei so ziemlich jeder Beurteilung der niedersächsischen Errungenschaften aber unterschwellig auch immer mit, dass sich schon bald alles relativieren würde, die Mannschaft deutlich über ihrem Leistungsniveau spiele und am Ende da landen würde, wo sie für diese Saison auch zu verorten sei: Im gesicherten Mittelfeld der Tabelle.

Nur haben 44 Punkte nach 24 Spieltagen schon längst nichts mehr mit glücklichen Umständen zu tun. In Hannover hat sich nahezu unbemerkt von den brodelnden (München) oder glücksseligen (Dortmund) Schauplätzen der Republik eine Form des Fußballs entwickelt, die in sich stimmig und perfekt auf das Potenzial der Mannschaft zugeschnitten ist.

Mit bodenständiger, aber sehr detailversessener Defensivarbeit und zynisch kühler Effizienz hat sich die Mannschaft von Mirko Slomka von einem Abstiegskandidaten zum Anwärter auf einen der Champions-League-Plätze entwickelt. Innerhalb eines halben Jahres, mit nur sehr begrenzten finanziellen Mitteln. Aber mit Hilfe eines Plans, den eine mittlerweile eingeschworene Gemeinschaft in jedem Spiel leidenschaftlich auf den Platz bringt.

"Wir leben von unserer Fitness, einer guten Taktik und einem guten Mannschaftsgefüge", benennt Sportdirektor Jörg Schmadtke die Eckpfeiler des Erfolgs. Hannover ist eine der Mannschaften in der Bundesliga, die deutliche die Einflüsse ihres Übungsleiters aufweist. Dann ist schnell von der Handschrift des Trainers die Rede.

Kaum Verletzte, Sorgenkinder blühen auf

Vor der Saison wurde der eingeschlagene Weg des Kurswechsels weg von satten Alt-Stars und hin zu hungrigen jungen Spielern weiter beschritten, die Umstrukturierung des Kaders und Slomkas famoses Händchen für wichtige Charaktere im Team sind das Grundgerüst des aktuellen Erfolgs.

Längst abgeschriebene Spieler wie Jan Schlaudraff fühlen sich in der Atmosphäre innerhalb der Mannschaft auf einmal wieder wohl und blühen auf, es gibt bis kaum Verletzte.

Dazu passt die sehr eigene Spielauffassung der Niedersachsen. Nur Borussia Dortmund und mit Abstrichen noch der SC Freiburg und vielleicht Mainz 05 werden von sich behaupten können, in dieser Saison besser und aggressiver gegen den Ball zu spielen als Hannover.

Volles Risiko im Konterspiel

Die Seele des 96-Spiels ist die Defensive. Hier wird der Gegner zermürbt, mit Beharrlichkeit, hoher Laufarbeit und sehr geschicktem Verschieben. 96 schaffte es zuletzt nahezu perfekt, einen Ballungsraum tief in der eigenen Hälfte zu schaffen, auf dem sich fast alle Feldspieler tummeln müssen. Räume sind da quasi nicht mehr existent. Ein bisschen wie in der E-Jugend, aber extrem bissig und konsequent durchgeführt.

Acht Spieler verteidigen, einer denkt zumindest zusätzlich offensiv, zwei lauern auf den schnellen flachen Pass nach vorne. Das Spielkonzept ist in der Rückwärtsbewegung darauf austariert, jede noch so kleine Eventualität zu kalkulieren. Um dann im Offensivspiel fast schon unverhältnismäßig riskant zu kontern.

Die unvermeidlichen Fehlpässe im Spiel nach vorne nimmt die Mannschaft aber gerne in Kauf - in der Gewissheit, dass das Gros des Teams einem möglichen Konter des Gegners immer noch in Überzahl entgegensehen kann. Und dass die Stürmer nur sehr wenige Gelegenheiten brauchen, um zum Torerfolg zu kommen.

Wenige Chancen, viele Tore

Lediglich 112 Großchancen hat sich 96 in dieser Saison erarbeitet. Zusammen mit dem VfL Wolfsburg sind das die wenigsten der Liga. Borussia Dortmund hat mit 206 fast doppelt so viele erschaffen. Hannovers Chancenverwertung ist dann aber bemerkenswert: Fast jeder dritte Schuss sitzt, 30,6 Prozent bedeuten Platz zwei in der Rangliste hinter Bayer Leverkusen.

Mannschaften, die den Ball und damit anscheinend den Gegner dominieren, liegen Hannover besonders gut. Die beiden heftigen Klatschen in dieser Saison setzte es gegen Dortmund und Hoffenheim (je 0:4) - zwei Teams, die ihrem Naturell entsprechend lieber extrem pressen und dann schnell umschalten, als den Gegner peu a peu in die Mangel zu nehmen und ihm die Luft bis zum entscheidenden Fehler zu rauben.

Stärken passen zu Bayerns Schwachstellen

All die Hannoveraner Stärken passen derzeit besonders gut zu den Verfehlungen, die sich die Bayern erlauben. Wie bei einem Puzzle. Hannover wird nach Dortmund und Schalke der dritte Gegner in Folge für die Bayern sein, der ihnen nur zu gerne den Ball und damit die Spielkontrolle überlässt. Und genau mit dieser Grundbasis des van-Gaal-Spiels haben die Bayern Probleme.

Arjen Robben und Franck Ribery werden auf den Außen wie zuletzt enorm viel Druck bekommen. Umso wichtiger wird die schnelle Spielverlagerung aus dem defensiven Mittelfeld sein. Die war in den letzten Partien aber quasi nicht existent. Und in Hannover fällt neben dem gesperrten Bastian Schweinsteiger auch noch Luiz Gustavo mit einer Erkältung aus.

Dazu kommen die Abstimmungsprobleme in der Defensive bei schnellen Gegenangriffen und, man mag es kaum glauben, dass Hannover sicherlich selbstbewusster ins Spiel gehen wird als die Bayern.

"Wir glauben an unsere Stärken. Und uns zeichnet aus, dass wir als Mannschaft generell sehr gut nach hinten arbeiten. Das macht es uns in der zentralen Abwehr leichter im Vergleich zum FC Bayern, der sehr offensiv spielt", erklärt Emanuel Pogatetz die unterschiedliche Rollenverteilung der Hannoveraner und Münchener Innenverteidiger.

Böses Omen für van Gaal

Die Mannschaft wird den Gegner gelassen in Empfang nehmen, auch wenn Torjäger Didier Ya Konan wegen Muskelbeschwerden weiter ausfällt und der Einsatz von Manuel Schmiedebach wegen Adduktorenproblemen fraglich ist.

"Wir haben nicht so viele Spiele zu Hause verloren. Es ist nicht so einfach, hier gegen uns zu gewinnen", sagt Trainer Slomka über sein Team, das hinter den Bayern die zweitbeste Heimbilanz aufweist.

Der Druck liegt beim Gegner. "Platz drei wäre nur schwer verdaulich", sagt Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger. "Unser Ziel ist es, Zweiter zu werden. Das ist jetzt unsere deutsche Meisterschaft."

Dafür - und für den Verbleib von Trainer van Gaal - darf es in Hannover aber nur einen Sieg geben. Eine letzte Statistik dürfte bei den Roten aus München bisschen Angst verbreiten: Die Roten aus Hannover sind die Königsmoder der Liga.

Nach Niederlagen gegen 96 haben bereits Zvonimir Soldo (1. FC Köln), Jens Keller (VfB Stuttgart) und Steven McClaren (VfL Wolfsburg) ihre Jobs verloren.

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