Fussball

Wo ist die Vision, FC Bayern?

Von Stefan Rommel
Rummenigge, Hoeneß und Hopfner: Die Chefs des FC Bayern
© Getty

"Die unterschiedliche Auffassung über die strategische Ausrichtung des Klubs", lautet die Begründung für die Trennung zwischen dem FC Bayern München und Trainer Louis van Gaal zum Saisonende. Doch wie sieht die Strategie des Rekordmeisters aus?

Borussia Dortmund gelang es vor 15 Jahren zuletzt, den Bayern zwei Spielzeiten in Folge die Meisterschaft zu klauen.

Danach waren die titellosen Jahre immer nur auf lediglich eine Saison begrenzt, eingestreut in eine unnachahmliche Münchener Dominanz. Und trotzdem hat der FCB in dieser Zeit sieben Trainer verschlissen, von Otto Rehhagel bis Louis van Gaal.

Wenn die Bayern-Bosse jetzt von einer strategischen Ausrichtung sprechen und vom löblichen Vorhaben, eine nachhaltige Vision in ihren Klub zu pflanzen, hört sich das angesichts der nackten Zahlen ein wenig komisch an.

Denn die Frage, die seit Montagnachmittag und nach Karl-Heinz Rummenigges eigenartig zögerlichen Monologs im Raum steht, ist: Wie sieht die strategische Ausrichtung der Bayern eigentlich aus?

Die erste One-Man-Show

Als Louis van Gaal im Juli 2009 seinen Dienst antrat, legten die Bayern ihren Klub in die Hände des Niederländers. Die Wunden der Klinsmann-Zeit waren noch frisch und die Erinnerungen daran ließen die Verantwortlichen schaudern.

Van Gaals Antrittsrede wurde nicht nur zur Vorstellung eines Regierungsprogramms, sondern auch zu einer ersten One-Man-Show.

Als angekündigter Prozesstrainer warf er mit gewichtigen Schlagworten nur so um sich und sprach vom Champions-League-Titel am Ende seiner Zeit bei Bayern und von einem Klub, den er nach dem Vorbild des FC Barcelona formen wollte. Hoeneß saß daneben und nickte beseelt. Das eingestreute "Mia san mia - und ich bin ich" störte dabei nicht.

Erste Risse: Causa Lucio

Zwei Wochen später aber hatten die Bosse schon einen Fingerzeig auf jenen Stursinn van Gaals bekommen, der sich bis heute wie ein roter Faden durchziehen sollte. Der Niederländer schickte Stammverteidiger Lucio weg.

"Da sieht man mal, welchen Unsinn Journalisten verzapfen", hatte Hoeneß davor noch die Gerüchte um einen Wechsel Lucios weggebügelt. 14 Tage später steckte Massimo Moratti den Brasilianer in ein Trikot seines Internazionale Milano.

Louis van Gaal kann man einige Dinge vorwerfen. Aber sicherlich nicht, dass er wankelmütig oder ein Fähnchen im Wind sei. In der Folge gab es etliche ähnliche Fälle wie den von Lucio. Entscheidend eingegriffen hat dabei aber niemand.

Vertragsverlängerung als Signal

Vom Anbeginn der van-Gaal-Zeit gibt es bei den Bayern eine Art Montagsbriefing. Die sportliche Leitung sitzt zusammen und bespricht die Themen der letzten Tage und wie die kommende Woche angegangen werden soll.

Neben van Gaal gehört auch der Vorstand zu den Teilnehmern. Da war viel Zeit, sich ausgiebig auszutauschen. Auch über ganz grundsätzliche Themen. Aber erst jetzt, in der sportlichen Misere, passt die "strategische Ausrichtung" nicht mehr.

Im September wurde in einer ebenfalls prekären Phase der Vertrag mit van Gaal bis 2012 verlängert. Als eine Art Zeichen, aber offenbar auch im Irrglauben daran, der Niederländer möge sich auf wundersame Weise in seiner Art doch noch ändern.

Unlogische Kehrtwende

Mit der jetzt formulierten Begründung für die anstehende Trennung wirkt die Vertragsverlängerung von damals völlig unschlüssig. Es sei denn, die Strategie der Bayern hat sich innerhalb der letzten Monate und im Hinblick auf die nächsten Jahre elementar geändert und weicht maßgeblich von der van Gaals ab.

Der Trainer jedenfalls hat seine Art konsequent beibehalten.

Oder die Bayern haben vor der heimischen Konkurrenz aus Dortmund und Leverkusen auch auf Dauer und nicht nur in dieser einen Saison doch mehr Angst, als sie zugeben wollen und müssen ihre Planungen plötzlich anders ausrichten.

Im Zweifel zählt nur der Titel

Der Verdacht liegt jedenfalls nahe, dass es die Sprunghaftigkeit der Vereinsführung ist, die einer nachhaltigen Philosophie im Weg steht. Und die letztlich immer wieder zu der Konsequenz führt, dass sich der Klub nicht nur ständig neue Übungsleiter suchen muss, sondern dass damit auch im Schnitt alle zwei Jahre neue Gemengelagen entstehen.

Andere Branchengrößen wie der FC Arsenal oder Manchester United vertrauen ihren Trainer seit ewigen Zeiten. Diese Klubs tragen die Visionen ihrer Führungskräfte mit und durchschreiten auch tiefe Täler gemeinsam.

Bei den Bayern - die es sich offenbar nicht leisten wollen, eine Saison des Umbruchs zu deklarieren, um dann über die kommenden vier, fünf Spielzeiten gefestigt zu sein - ist dies keine Überlegung wert. Es zählen im Zweifel dann doch der schnöde Ergebnisfußball und nur der nächste Titel.

Lahm-Kritik in neuem Licht

Dabei hat sich selbst der derzeitige Primus Barcelona jahrelange Auszeiten genommen. Oder der AC Mailand, Inter, Juventus, der FC Chelsea oder der FC Liverpool. Aber diese Teams sind wieder groß und erfolgreich geworden. Mit Trainern, die dauerhaft arbeiten durften.

Im November 2009 sorgte Philipp Lahm mit einem Interview in der "Süddeutschen Zeitung" für Aufsehen und holte sich neben einem deftigen Rüffel von Hoeneß auch eine saftige Geldstrafe ab. Einer von Lahms Kritikpunkten war die fehlende sportliche Identität seines Klubs.

"Vereine wie Manchester oder Barcelona geben ein System vor - und dann kauft man Personal für dieses System [...] Wir haben z.B. Arjen Robben geholt, weil er ein sehr guter Spieler ist. Aber wir haben ihn nicht geholt, weil wir gesagt haben: Okay, wir spielen jetzt künftig im 4-3-3-System. So etwas gibt es bei uns nicht: Dass der Verein etwas vorgibt und alles darauf aufgebaut wird."

Schweinsteigers Verbundenheit mit van Gaal

Das war unmittelbar vor dem entscheidenden Champions-League-Spiel bei Juventus Turin, das die Saison für die Bayern zum Guten kippte. Lahm hat seinen Vertrag trotz der Kritik verlängert. Auch, weil er auf van Gaal als Trainer der Zukunft beim FCB gebaut hat.

Thomas Müller wurde von van Gaal entdeckt, gefordert und gefördert und ist schon in seinen jungen Jahren ein Eckpfeiler der Mannschaft. Er hat dem Niederländer eine Menge zu verdanken. Froh dürfte auch Müller nicht über van Gaals Abgang sein.

Noch mehr hat nur Bastian Schweinsteiger, der dritte junge deutsche Führungsspieler, seine persönliche Zukunft an die des Trainers geknüpft. Im Vertragspoker im letzten Herbst hat Schweinsteiger offen gesagt, er wolle unter dem Trainer van Gaal eine Ära prägen und seine Unterschrift quasi an van Gaal gekoppelt.

Jetzt stehen Lahm und Schweinsteiger, Kapitän und Stellvertreter, nur wenige Monate nach ihrer Vertragsverlängerung ohne ihre erste Bezugsperson und dessen Vision einer goldenen Zukunft da. Eine gefährliche Konstellation, die schon bald für Irritationen sorgen könnte.

"Gebietet dem Trainer endlich Einhalt!"

Der Wechsel von Uli Hoeneß raus aus dem operativen Geschäft und hinein in den Präsidentensessel hat für die derzeitige Situation entscheidenden Charakter. Das Machtvakuum sahen die Verantwortlichen durch Christian Nerlinger ausreichend gefüllt.

Der Sportdirektor war derjenige, der van Gaal immer protegiert und alle Transferabgänge abgenickt hatte, ohne auch mal dazwischenzuhauen. Hoeneß war dies lange ein Dorn im Auge. Seine Explosion in der Sendung "Sky90" war ein verkappter Befehl an den Rest der Belegschaft, vor allem aber an Nerlinger: Gebietet dem Trainer endlich Einhalt!

Mit Hoeneß war der natürliche Gegenpol zu van Gaal verschwunden. Der Manager Hoeneß hätte einen Verkauf Mark van Bommels sicher nicht abgesegnet. Dem Präsidenten Hoeneß waren dabei aber die Hände gebunden.

Seit 40 Jahren ist Hoeneß jetzt beim FC Bayern. Er wollte die Geschicke des Klubs in andere Hände geben. Aber der Manager Hoeneß steuert offenbar immer noch den Großteil seiner Entscheidungen.

Er kann es nicht zulassen, dass jemand in seinem Lebenswerk rumpfuscht. Das letzte Wort muss in den wichtigen Fragen weiter auch bei ihm liegen. So hat der Verein über drei Dekaden hervorragend funktioniert. Aber so steht er auch der gewünschten Neuausrichtung immer wieder im Weg.

Nagelprobe gegen Hamburg und Inter

Van Gaals Arbeit ist jetzt schon abschließend beurteilt. Dabei sind zwei wichtige Saisonziele noch zu erreichen.

Nach Rummenigges Definition wird van Gaal das Saisonfinale auf alle Fälle als Bayern-Trainer erleben. Sportliche Gründe wurden als Trennungsgrund keine genannt.

Die Spiele gegen den Hamburger SV und Inter Mailand stellen die Wahrhaftigkeit von Rummenigges Aussagen unter Umständen schon sehr früh auf die Probe.

"Meine Ziele sind die des FC Bayern", hatte van Gaal einst gesagt. Zumindest das stimmt jetzt nicht mehr.

Der FC Bayern im Steckbrief

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