"Der Fußball ist manchmal absurd"

Von Interview: Kevin Bublitz/Mark Heinemann
Freitag, 25.02.2011 | 13:23 Uhr
Andreas Bergmann trainiert derzeit die U 23 von Hannover 96
© Getty
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Als Robert Enke Selbstmord beging, war Andreas Bergmann Trainer gerade bei Hannover 96. Heute trainiert er die dortige U 23 und leitet das Nachwuchsleistungszentrum. Im Interview spricht Bergmann über Mirko Slomka, gestiegenen Leistungsdruck und die Europa League.

Am 8. November 2009 spielte Hannover 96 2:2 gegen den Hamburger SV. Andreas Bergmann stand als Trainer an der Seitenlinie. Er hatte nach zwei Spieltagen Dieter Hecking beerbt.

Der Punktgewinn gegen den HSV war die dritte Partie ohne Niederlage in Folge. Hannover stand auf Rang 10, Tendenz steigend. Bergmann schien sich in der Bundesliga zu etablieren. Zwei Tage später änderte sich alles. Robert Enke beging Selbstmord. Bergmann wurde in den folgenden Wochen für seine Trauerarbeit gelobt, doch er gewann kein Spiel mehr. Die Entlassung folgte im Januar 2010.

Heute arbeitet der 51-Jährige wieder für Hannover 96. Er leitet das Nachwuchsleistungszentrum und ist Trainer der U 23. Im Interview mit SPOX spricht Bergmann über junge Talente, Mirko Slomka, seine Zeit beim FC St. Pauli und seine Antwort auf die Frage, was wäre gewesen, wenn?

SPOX: Herr Bergmann, wie stolz sind Sie, wenn Sie Woche für Woche Konstantin Rausch in der Bundesliga sehen?

Andreas Bergmann: Es ist immer schön, wenn ein Eigengewächs solch einen Weg geht. Dementsprechend macht es uns stolz. Es ist aber mittlerweile nicht nur Konstantin etabliert. Auch Manuel Schmiedebach kommt aus unserer U 23 und hat sich mit sehr guten Leistungen einen Stammplatz erobert. Dazu haben wir noch Talente wie Christopher Avevor in der Hinterhand, der auch schon Bundesligaeinsätze hatte. Ein Ron-Robert Zieler stand in der U 23 rund ein halbes Jahr im Tor. Diese Beispiele sind wichtig für die anderen Spieler in unserem Nachwuchsleistungszentrum. Sie zeigen, dass man mit Engagement und Arbeit weiterkommt und eine realistische Chance bei Hannover 96 hat.

SPOX: Was Unterscheidet den Nachwuchs zu dem früherer Jahre?

Bergmann: Der Leistungsdruck und die Anforderungen für die jungen Leute haben sich in der Gesellschaft doch insgesamt erhöht. Das war früher noch nicht so. Es ist sicher nicht einfach geworden, Profisportler zu sein. Klar ist aber auch, dass es viele leistungswillige Talente gibt, die bereits sind, viel zu entbehren. Positiv ist auch, dass heutzutage eigentlich kein Talent mehr unentdeckt bleibt. Das Scoutingsystem hat sich doch stark verbessert.

SPOX: Warum?

Bergmann: Nehmen Sie nur die Medienlandschaft. Talente stehen mittlerweile sehr früh im Fokus. Sie werden hochgelobt, sind nach wenigen Einsätzen schon die legitimen Nachfolger von Weltstars und bei schlechten Leistungen werden sie wieder fallen gelassen.

SPOX: Das gilt aber nicht nur für den Profisport.

Bergmann: Die Gesellschaft ist schnelllebiger und somit auch vergänglicher geworden. Es ist auch die Aufgabe eines Nachwuchsleistungszentrums, dass die jungen Leute damit umzugehen lernen. Wir müssen ihnen beibringen, dass sie die Sachen vernünftig einschätzen können. Konstantin Rausch musste da auch durch.

SPOX: Inwiefern?

Bergmann: Er kam schon als A-Jugendlicher bei den Profis zum Einsatz und musste in der Zeit mit Kritik umgehen, bei der ich sage: jetzt haltet mal den Ball flach. Der hat noch keine fünf Bundesligasaisons auf dem Buckel. Er war sehr jung und musste lesen, dass er total versagt hat und ähnliche Dinge. Das Fußballgeschäft kann sehr absurd und schnelllebig sein. Junge Spieler müssen lernen, das Ganze nicht persönlich zu nehmen. Das gehört zum Geschäft. Unsere Talente müssen auf die Gesetzmäßigkeiten des Profifußballs vorbereitet sein.

SPOX: Die Branche gibt ihren Teil dazu. Junge Spieler werden mit viel Geld zugeschüttet. Ein Julian Draxler sollte die Schule abbrechen...

Bergmann: ...natürlich kann man nicht nur auf die Medien einhauen. Die Vereine sind auch beteiligt. Beide Seiten stehen unter wirtschaftlichen Zwängen. Wenn man ein Talent haben will, aber das Geld nicht zahlt, landet der Spieler oft bei dem Verein, der bezahlt. Oft werden die besseren Entwicklungsmöglichkeiten missachtet. Das kurzfristige wirtschaftliche Denken tritt dann in den Vordergrund. Es ist aber bedenklich, wenn ein Spieler die Schule abbricht und alles auf den Fußball setzt.

SPOX: Sie würden das Ihren Talenten nicht raten?

Bergmann: Grundsätzlich bin ich dafür, dass ein Jugendlicher die Schule beendet. Sie gehört zur Persönlichkeitsentwicklung. Und als Verein muss man darauf achten, dass die Spieler in allen Bereichen die besten Möglichkeiten bekommen. Natürlich kann es individuelle Ausnahmen geben, die dann zum Beispiel vom Alter oder von der jeweiligen Ausbildungssituation abhängen.

SPOX: Sie haben sicherlich schon das ein oder andere vielversprechende Talent scheitern sehen, oder?

Bergmann: Ich bin schon lange Zeit in der Jugendarbeit dabei und habe viele Toptalente gesehen, die rein sportlich alles mitgebracht haben. Mental und charakterlich waren sie aber nicht stabil genug, um ihr Potenzial auszuschöpfen. Letztendlich geht es nur, wenn neben dem Sportlichen auch die Persönlichkeit stimmt.

SPOX: Sie mussten selbst die Schnelllebigkeit im Fußball verarbeiten. Bis zum Tod von Robert Enke lief es für Sie als Cheftrainer von Hannover 96 gut. Danach konnten Sie kein Spiel mehr gewinnen. Haben Sie heute noch den Gedanken, was wäre gewesen, wenn?

Bergmann: Den Gedanken habe ich immer mal wieder gehabt, weil es einfach eine außergewöhnliche Situation war. Es war eine bewegende Zeit, mit bleibenden, tiefen Eindrücken. Ich glaube, dass die Entlassung nichts mit mir persönlich zu tun hatte, sondern der Verein einfach in einer unglaublichen Situation etwas Neues versucht hat. Für mich ist die Erkenntnis, dass ich jederzeit wieder in der Bundesliga arbeiten könnte.

SPOX: Was haben Sie gedacht, als Ihr Nachfolger Mirko Slomka zu Beginn auch keinen Erfolg hatte?

Bergmann: Dass die Tragödie doch tiefer und komplexer war, als wir dachten. Für mich persönlich war die Situation natürlich nicht erfreulich, weil ich bis dahin vernünftige Arbeit abgeliefert habe.

SPOX: Hat Mirko Slomka Sie angerufen, als es für ihn zum Start in Hannover nicht gut lief?

Bergmann: Nein, und das wäre auch nicht gut gewesen. Ich habe ihm alles Gute gewünscht, aber dann war es richtig, dass ich nicht da war. Als ich mich nach einer Zeit entschieden hatte, in Hannover wieder im Nachwuchsbereich zu arbeiten, war die Situation geklärt, so dass ich ihm ohne Probleme zuarbeiten konnte.

SPOX: Wie läuft die Zusammenarbeit mit Slomka?

Bergmann: Gut. Wir haben schon miteinander telefoniert, als er in Hannover noch die A-Jugend trainiert hat und ich beim Niedersächsischen Fußballverband war. Es war durch Robert Enkes Tod eine besondere Situation, die dann zu meiner Entlassung geführt hat. Ich habe damals ja auch Dieter Hecking beerbt. Es gibt also keinen Groll zwischen uns. Im Gegenteil. Mirko hat den Posten übernommen und besitzt jetzt meine volle Unterstützung.

SPOX: War es trotzdem schwer, wieder in Hannover anzufangen?

Bergmann: Ich habe durch die Ereignisse keine Energie verloren. Die Arbeit mit jungen Leuten hat mir immer schon Spaß gemacht. Das habe ich auch schon in der Zeit gesagt, als ich als Cheftrainer in Hannover meine zwei, drei Probespiele hatte. Daher belasten mich die damaligen Gedanken nicht. Ich arbeite sehr gerne in diesem Bereich.

SPOX: Trotzdem heißt es, der Bergmann ist wieder ins zweite Glied gerückt.

Bergmann: Das ist mir egal, weil ich mich hier als Trainer total verwirklichen und jungen Leuten das Rüstzeug für den Profifußball mitgeben kann. Dieser Bereich ist spannend und wird auch bei den Vereinen immer ernster genommen. Das zeigt die große Anzahl an jungen Talenten, die mittlerweile in der Bundesliga spielen. Die Entwicklung der Nachwuchsleistungszentren geht voran. Dort arbeiten kompetente Leute. Die Jugendarbeit in Deutschland hat an Wertigkeit dazugewonnen. Das ist gut so, aber wir sind noch längst nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Sie kann noch viel konsequenter betrieben werden.

SPOX: Wollen Sie nicht noch einmal als Cheftrainer zurück an die Seitenlinie?

Bergmann: Ich habe diesen Druck zum Glück nicht, weil mein Job wichtig ist und anerkannt wird. Wenn aber eine reizvolle Möglichkeit auf mich zukäme, würde ich natürlich darüber nachdenken. Es müsste aber passen, daher habe ich auch schon das ein oder andere nicht gemacht. Für mich ist es wichtig, dass ich arbeiten kann und nicht irgendwo rumsitze.

SPOX: Macht ihre jetzige Arbeit auch deshalb Spaß, weil sie ehrlicher ist?

Bergmann: Ich habe mich auch als Cheftrainer nicht verstellt. Gerade im Rampenlicht ist es wichtig, seine Identität zu behalten. Ich hatte sehr viel Spaß bei den Profis, aber die Arbeit stand natürlich in einem anderen Fokus. Im Nachwuchsbereich ist man nicht so sehr vom wöchentlichen Spielergebnis abhängig. Die Arbeit ist in dem Punkt entspannter. Ob man die Bundesliga für oberflächlich oder unehrlich hält, hängt davon ab, ob man authentisch ist, oder nicht.

SPOX: Am Samstag steht für die Profis das Duell gegen St. Pauli an...

Bergmann: ...oh, ja, gegen meine alten Jungs! (lacht)

SPOX: Lässt sich der Klub in wenigen Worten beschreiben?

Bergmann: Nein, auf keinen Fall. Ich habe dort sehr gerne gearbeitet. Das ist ein unheimlich emotionaler Klub, der immer wieder sehr schräge Dinge hervorbringt. Was ich auch sympathisch finde, ist der immer wieder kritische Einsatz der Fans. Das drückt sich in vielen Dingen aus, wie beispielsweise dem klaren Bekenntnis gegen Rechtsradikalismus. Das finde ich sehr gut. Auch diese Stadtteilatmosphäre und die enge Verbundenheit der Leute untereinander, sind etwas Besonderes.

SPOX: Aber ihr Job war auch dort alles andere als ruhig.

Bergmann: Ich habe für St. Pauli auch erst im Jugendbereich gearbeitet. Als der Verein dann vor dem Absturz in die 4. Liga stand, wurde ich Cheftrainer. Es war von Beginn an eine schwere und intensive Zeit. Wir hatten kein Geld mehr. Daher gab es diverse Aktionen, von denen besonders die braunen Shirts, mit der weißen Aufschrift "Retter" in Erinnerung geblieben sind. Finanziell haben uns auch die Spiele im DFB-Pokal geholfen. Das Halbfinale in der Saison 2005/2006 gegen Bayern München war ein Highlight.

SPOX: Trotzdem war dort irgendwann Schluss.

Bergmann: Wir haben in der Zeit versucht, eine junge Mannschaft aufzubauen, die wieder die Substanz für den Aufstieg in die 2. Bundesliga hat. Die Entlassung war dann überraschend und natürlich nicht einfach für mich. Aber ich freue mich, wenn ich sehe, dass aktuell Spieler in der Bundesliga für St. Pauli am Ball sind, die damals noch gegen den Abstieg in die vierte Liga gekämpft haben. Da ist für viele ein Traum wahr geworden. Das ist auch für mich eine besondere Sache.

SPOX: Wie geht das Spiel aus?

Bergmann: Ich habe bei beiden Vereinen sehr intensive Dinge erlebt. Ich bin St. Pauli natürlich verbunden, aber Hannover 96 ist jetzt mein aktueller Arbeitgeber und ich bin mit dem Herzen dabei. Wenn ich rein sportlich denke, würde ich sagen, dass unsere Mannschaft so viel Selbstvertrauen und Effizienz hat, um das Spiel dort erfolgreich zu bestreiten.

SPOX: Was ist für Hannover noch möglich, wenn 96 in die Europa League einzieht?

Bergmann: Es sind strukturell sicherlich noch Dinge möglich. Erst einmal wäre es eine unglaubliche Leistung, wenn das klappen würde. Daher glaube ich, dass man die Situation kühl beobachten sollte. Man muss im Blick haben, was für zusätzliche Belastungen auf den Verein und die Spieler zukommen. Dafür sind im Verein die richtigen Leute tätig. Für die Region und die Umgebung wäre es eine tolle Sache, wenn der europäische Fußball nach Hannover kommt.

Der Kader von Hannover 96 II im Überblick

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