Das verflixte neue Jahr

Von Jochen Tittmar
Freitag, 18.02.2011 | 10:00 Uhr
Eintracht Frankfurt ist aktuell die schlechteste Rückrundenmannschaft der Bundesliga
© Getty
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Eintracht Frankfurt ist die schlechteste Rückrundenmannschaft der Bundesliga und wartet im neuen Jahr noch auf den ersten Treffer. Doch auch abseits des Spielfelds liegt am Riederwald einiges im Argen. SPOX beleuchtet die Frankfurter Problemfelder.

Seit Michael Skibbe als Trainer am Main arbeitet, hat sich die Fußballmannschaft von Eintracht Frankfurt ohne Zweifel weiterentwickelt. Durch Skibbes offensiven Spielstil erhöhte sich - gerade im Vergleich zu Vorgänger Friedhelm Funkel - die Spielkultur der SGE beträchtlich. Fußball in Frankfurt hatte einen dringend benötigten, attraktiven Anstrich bekommen. Das Saisonziel aus Skibbes erster Spielzeit (45 Punkte) wurde um einen Zähler übertroffen.

Der Tatendrang des neuen Coachs kam im hektischen Frankfurter Umfeld gut an. Skibbe musste sich zwar ankreiden lassen, durch einige in der Öffentlichkeit ausgetragene Scharmützel mit Vorstandschef Heribert Bruchhagen den viel zitierten schlafenden Riesen per Dampfhammer wecken zu wollen, verbreitete mit seinem forschen Auftreten allerdings auch eine Aufbruchstimmung.

Nach der erfolgreich absolvierten Vorsaison gab Skibbe als Saisonziel das Erreichen der 50-Punkte-Marke aus und signalisierte damit gleichzeitig, dass es in Frankfurt nicht mehr um das Verwalten des Status Quo, sondern um Weiterentwicklung gehen soll. Im Vergleich zum Vorjahr wurde die Hinrunde der aktuellen Spielzeit um zwei Zähler getoppt, mit 26 Punkten lag man nicht nur auf Kurs, sondern auch lediglich einen Sieg von einem Europapokalplatz entfernt. Den besten Torjäger der Liga stellten die Hessen - Theofanis Gekas war Skibbes Wunschspieler.

Seit vier Wochen wird im neuen Jahr wieder Bundesligafußball gespielt. Eintracht Frankfurt hat von den bislang absolvierten fünf Spielen keines gewonnen und hechelt zudem dem ersten Treffer 2011 hinterher. Die sportliche Situation hat sich in kürzester Zeit dramatisch verändert. Plötzlich ist nichts mehr ausgeschlossen.

Wie konnte es dazu kommen? SPOX beleuchtet die Problemfelder am Riederwald.

Die Finanzen: Die insgesamt 2,2 Millionen Euro teuren Transfers von Gekas und Giorgios Tzavellas zu Saisonbeginn, zudem der Kauf von Halil Altintop, sind für etliche andere Bundesligisten zwar Peanuts, für die Eintracht jedoch ein ordentlicher Batzen Geld. Bruchhagen tätigte diese Investitionen auch deshalb, um die von Skibbe immer wieder propagierte Weiterentwicklung nicht zu torpedieren. Dennoch gab er schon zu Saisonbeginn offen zu, dass sich der Verein dabei weit aus dem Fenster gelehnt habe und ein Verlust zwischen drei und fünf Millionen Euro drohe. Im Winter forcierte man daher erneut die zuvor mangels Abnehmer weniger erfolgreiche Entschlackung des recht üppigen Kaders. Dies klappte vorzüglich: Fünf Reservisten ohne sportliche Perspektive konnten von der Gehaltsliste gestrichen werden. Als dann auch noch ein überraschend gut dotiertes Angebot für den immer noch nicht in die Gänge kommenden Caio - der teuerste Neuzugang aller Zeiten - eintrudelte, sah auch die finanzielle Welt in Frankfurt kurzzeitig wieder rosig aus. Durch einen Verkauf des Brasilianers hätte man die roten Zahlen halbieren können. Ärzte von Dynamo Moskau stellten im letzten Moment allerdings eine Knorpelproblematik im linken Knie fest, der Wechsel platzte. Genauso wie der Transfer von Ersatzkapitän Patrick Ochs, der kurz vor der Unterschrift bei Schalke 04 stand und den die Eintracht zwar überraschend, aber wohl auch notgedrungen abgegeben hätte. Das ist jetzt drei Wochen her. Seitdem geht es in Frankfurt bergab.

Der Kader: Bevor die Rückrunde begann, war klar, dass die komplette Innenverteidigung verletzt fehlen wird. Kurzfristige Verstärkungen gaben die Finanzen und auch der Transfermarkt nicht her. So musste Skibbe nicht nur Ricardo Clark zum Innenverteidiger umfunktionieren, sondern auch den Youngstern Sebastian Rode und Kevin Kraus zu ihrem Bundesligadebüt verhelfen. Durch die Formschwäche von Leistungsträgern wie Pirmin Schwegler, der zudem das Angebot einer Vertragsverlängerung vorerst ausschlug, Alex Meier, Benjamin Köhler und Ochs, zerfiel die Eintracht bisweilen in ihre Einzelteile und wirkte zunehmend verunsichert. Da Skibbe einem recht überschaubaren Kreis an Spielern vertraut, ist der Druck von der Bank für die etablierten Spieler sehr gering.

Der Fall Amanatidis: Der einzige Reservist, der Druck macht, ist Ioannis Amanatidis. Der bei Bruchhagen und den Fans angesehene Grieche kam 2011 aufgrund "mangelnder Fitness" (Skibbe) nur zu 19 Minuten Einsatzzeit und meuterte gegen die Behandlung, die er unter Skibbe erfährt. Der Trainer, der Amanatidis mit einer seiner ersten Amtshandlungen vom Kapitänsamt befreite, schmiss den Stürmer - ohne ihn und Bruchhagen zuvor zu informieren - umgehend aus dem Kader und unterstrich vehement, dass Amanatidis bei ihm auch in Zukunft keine Rolle mehr spielen würde. Wem man bei dieser Fehde auch immer Recht geben mag, zuträglich ist diese unnötige Baustelle in der aktuellen Situation ganz sicher nicht. Auf Dauer sowieso nicht: Amanatidis ist als bestbezahlter Eintracht-Profi mit einem Vertrag bis 2012 ausgestattet. Der 29-Jährige baut derzeit ein Haus in der Mainmetropole und will auch nach dem Karriereende dort bleiben. Sollte er seinen Vertrag aussitzen - was dem stolzen Griechen durchaus zuzutrauen wäre - wäre das für die Eintracht totes Kapital. Bruchhagen nahm im Duell zwischen Trainer und Spieler eine Mediatorrolle ein und vermittelte einen Friedensgipfel. Amanatidis und Skibbe gaben sich anschließend einvernehmlich die Hand, heißt es in einer Pressemitteilung der SGE. Aufgrund der akuten sportlichen (Personal-)Lage war Amanatidis' Rauswurf nicht mehr tragbar. Skibbe wird's einsehen, aber insgeheim ärgern.

Die Probleme auf dem Platz: Die Zahlen, die auf dem Spielfeld geschaffen wurden, sind extrem alarmierend. Gegen Leverkusen setzte es die sechste Pleite im elften Heimspiel, vor heimischem Publikum hat Frankfurt nur neun Treffer erzielt - keiner ist schlechter. Mit 24 stehen ligaweit die wenigsten Tore zu Buche. In zehn von 22 Partien fand der Ball den Weg nicht ins Gehäuse. In der Rückrunde ist man gar noch ohne Torerfolg, 453 Minuten dauert die Flaute nun schon an. In den fünf Partien 2011 ist der Vorsprung auf den ersten Relegationsplatz von elf auf nur noch vier Punkte geschrumpft. Längst ist das Spiel der Hessen zu durchsichtig, es gibt kaum Überraschungsmomente und es fehlt der Zug zum Tor. Die Rückrunde zeigte zudem, dass sich die Gegner immer mehr auf Frankfurt eingestellt haben. Schwegler wurde bisweilen sogar in Manndeckung genommen, war dann mit zu vielen Defensivaufgaben beschäftigt und nicht in der Lage, seine Stärken in der Spielgestaltung zur Geltung zu bringen. So finden die langen Bälle auf Gekas auch kaum mehr ihren Abnehmer - was der Eintracht mehr oder minder das Genick bricht. Sind diese beiden Schlüsselspieler an die Kette gelegt, bleiben Offensivimpulse vom Rest der Mannschaft derzeit gänzlich aus. Das Angriffsspiel im letzten Drittel des Spielfelds ist zu eindimensional und unkreativ, so dass es zuletzt immer seltener gelang, Abschlusssituationen zu kreieren.

Der Trainer: Trotz der aktuellen Schwächephase tut man in Frankfurt gut daran, nicht alles in Frage zu stellen, was vorher noch erfreut beklatscht wurde. Skibbe ist ein Mann mit knallharten Prinzipien, der seine Anschauungen mit letzter Konsequenz verfolgt und so die Eintracht wieder zum Leben erweckte. Das bewährte 4-1-4-1-System bleibt trotz der Tormisere weiter erhalten. Ein Abweichen von der grundsätzlichen Spielphilosophie, personelle Änderungen oder auch ein Kurztrainingslager - Skibbe bleibt seinem Konzept bewusst treu und verzichtet auf das Setzen neuer Reizpunkte. Während es andernorts von Beginn an um den Klassenerhalt ging, hat sich das öffentliche Kokettieren mit einem Europapokalplatz allerdings negativ auf die Psyche seiner Spieler ausgewirkt. Skibbes Krisenmanagement im Fall Amanatidis war nicht souverän und ein abermaliger Affront gegen Bruchhagen.

Der Ausblick: Frankfurt wird sich in den nächsten Wochen auf den Abstiegskampf einstellen und das ambitionierte Saisonziel vorerst ad acta legen müssen. Wichtig wird sein, wieder Ruhe in den Verein zu bekommen. Bruchhagen bemüht sich diesbezüglich nach Kräften. Fraglich bleibt, inwiefern sich die Spieler so rasch auf die neue Situation umstellen können. Zumal Wortführer wie Schwegler und Ochs persönliche Baustellen abzuarbeiten haben: beide zögern mit ihrer Unterschrift unter ein neues Arbeitspapier und wollen abwarten, wohin die Reise geht. Das ist zwar ungewiss, doch lässt sich jetzt schon sagen, dass sich die Eintracht auch im kommenden Jahr finanziell keine großen Sprünge erlauben kann. Eine allenfalls vage Perspektive, die es wohl unmöglich macht, ambitionierte Spieler wie Schwegler und Ochs zu halten.

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