Jaaa! Lucy ist zurück!

Von Max-Jacob Ost
Montag, 21.02.2011 | 20:26 Uhr
Andere schreien ihre Kommandos, Lucien Favre übermittelt sie mit seinem Blick. Hier: Pressing
© Getty
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Freudentränen, Jubelstürme, Stoßgebete - der Alternativen Liste wurde Lucien Favre geschenkt. Schon wieder. Und dann noch Stuttgart, Wolfsburg, Bremen und niedliche Kröten - womit haben wir so viel Glück verdient?

1. Unangetastete Autorität: Was war der einzige Makel vom 3:0 des Club gegen die Eintracht? - Obwohl der FCN die Frankfurter mal so richtig rasiert hat, sah Amanatidis nach dem Spiel immer noch aus wie ein Vogelwildschutzgebiet auf zwei Beinen. Wobei das irgendwie doch wieder passt. Denn "vogelwild" trifft die Leistung der Eintracht im Jahr 2011 recht gut, wenn man sich einfach ein Küken mit der Frisur von Maik Franz vorstellt...

Ich gebe zu: Das war ein lahmer Auftakt in diese Alternative Liste. So völlig ohne ironischen Subtext. Wollte den Punkt auch weglassen, aber mein Chef hat gesagt: "Nein, Du musst Frieden mit diesem jämmerlichen Witz schließen und ihn einsetzen!" Habe ich ja hiermit gemacht. Und das sogar als ersten Punkt. Mit Kapitänsbinde sozusagen. Und trotz dieser öffentlichen Blamage habe ich Größe gezeigt, wie ich finde. Ich bin mir sicher, die Fans der Alternativen Liste sehen das genauso.

2. Und dann kam Lucy: Leute, Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was in den letzten Tagen in der Redaktion los ist. Mitten im Artikel Schreiben brechen Redakteure vor Freude weinend zusammen, der Tagestickerer vom letzten Montag ist erst vor wenigen Minuten aus seinem Lachflash erwacht und die Praktikanten stellen bereits den vierten Tag in Folge ohne feste Nahrung zu sich zu nehmen mit ihren Körpern vier wunderbare Buchstaben dar: L. U. C. Y. Lucy. Lucky Lucien. Er ist wieder da! Ein Mann, der außerhalb Berlins die Sympathiewerte von einer Kreuzung aus Bambi, Knut dem Eisbär und Freibier genießt - Lucien Favre.

Und der Mann ist on fire wie ein Bunsenbrenner! Schon beim Aussteigen aus dem Mannschaftsbus stürzt er vor die Kamera, von der ihn ein live zugeschalteter und sichtlich irritierter Jan Henkel mit den Worten "Sie müssen gar kein Interview geben!" hinweg komplimentieren muss. Ein Jammer! Denn Lucien vor der Kamera - das ist wie Kermit der Frosch als Straßenpantomine. Kostprobe gefällig? Hier das unredigierte Field-Interview bei SKY, direkt nach dem Sieg von Gladbach gegen Schalke. Aus Angst, Ihr könntet Euch an den Endorphinen verschlucken, erst einmal nur Teil 1:

Frage: Was sagen Sie zu diesem Spiel?

Favre: Jaaa! Ähm. Wir haben sehr gut gespielt, nur die erste Minute war nicht fantastisch. Aber die Reaktion von den Spielern war super. War super!

Frage: Die Mannschaft genießt diesen Moment.

Favre: Jaaa!

Frage: Das muss doch auch Sie zufrieden stellen, oder?

Favre: Jaaa! Sehr, sehr zufrieden! Das war sehr wichtig, einen Dreier zu erreichen. Es war verdient, für mich. Sehr, sehr schwer gegen Schalke. Aber es war verdient.

Frage: Die Mannschaft hat nach dem frühen 0:1 eine tolle Reaktion gezeigt...

Favre: (unterbricht) ...Jaaa!

Frage: Wie ist das möglich, wenn man Tabelleletzter ist?

Favre: Jaaa! Es kann passieren so ein Tor in der ersten Minute. Jaaa! Das ist Fußball und das müssen wir akzeptieren. Auch korrigieren, aber das ist Fußball, aber du musst schon positive Gedanken, Kopf hoch, oder du kommst nicht zurück. (to be continued...)

3. Der Babelfish: Und noch ein Bundesligaakteur ist richtig on fire: Milli Vanilli Novakovic. Der macht gerade wirklich jede Flanke rein - einfach fantastisch! Anders als Hoffenheims neuestes Eigengewächs: Ryan Babel. Der agiert derzeit wie ein Hund, der seinen eigenen Schwanz jagt: zielstrebig aber unglücklich. Wenigstens abseits des Platzes ist er aber höchst unterhaltsam. Denn bei Twitter gibt es fast sekündlich Updates aus dem Life of Ryan.

Mit höchst brisantem Inhalt: Auf "Ok, imma bout 2 get myself ready for bed" folgen Kracher wie "Setting Up my German number" oder schlichtweg "#Heidelberg". Vor kulturhistorischen Einschätzungen ("Lil parts of Heidelberg have something of Amsterdam" ) schreckt er dabei ebenso wenig zurück wie vor dem "Scheiße" auf nerdisch: "Ayeee I'm goin #offline" (muss wohl kurz nach dem Wechsel zu Hoffenheim gewesen sein...). Schon unterhaltsam ein solcher Blick in den Kopf eines Topstürmers. Welcher Fan braucht da schon Siege? Oder um es mit den Worten von Ryan himself zu sagen: "This is some ugly ass twitter"!

4. Graf Zahl reloaded: Von einem Bundesliga-Urgestein wie Hoffenheim ist der Sprung zum VfL Wolfsburg nicht weit. Wobei es heikel ist, die Wölfe in der AL zu behandeln. Denn nach der letzten Ausgabe erreichte uns eine Mail: Da hatten wir doch glatt aus den 14 Erstligajahren des VfL nur 13 gemacht. Nicht falsch verstehen: Selbstverständlich war das ein dummer Fehler und die sehr freundlich formulierte Richtigstellung absolut korrekt. Aber musste der VfL wirklich einen drauf setzen und zum Spiel beim SC Freiburg exakt vierzehn Gästefans schicken? Wir hätten das auch so geändert, keine Sorge! Da hätte man nicht extra Freiburger Passanten in Wölfe-Trikots stecken müssen...

(Disclaimer: Die vierzehn Gästefans hat derselbe Autor gezählt, der nicht nur die 13 Erstligajahre letzte Woche, sondern auch 35 Torschüsse von Werder gegen den HSV und fünf Kerzen auf dem letzten Geburtstagskuchen von Jopi Heesters erkannt hat. Sparen Sie sich also die Mail. Die Zahl stimmt.)

5. Gegen den modernen Fußball!: Immerhin wissen wir angesichts der Massen an Gästefans jetzt, warum das Spiel zwischen Freiburg und Wolfsburg für Ende Februar terminiert wurde. Der Grund ist - wie so oft im Fußball - wieder einmal die Krötenwanderung des Explosivlaichers. Wir können dieses ausgelutschte Thema auch nicht mehr hören. Die journalistische Sorgfalt gebietet es uns aber, aus der zugehörigen Agenturmeldung des SID zu zitieren:

"Da auch im Breisgau die Krötenwanderung begonnen hat, wird in Freiburg nach dem Abpfiff der Bundesliga-Partie die westliche Waldseestraße für die Wegfahrt vom Stadion nicht geöffnet sein. Als ökologisch engagierter Verein nehme der Sportclub damit Rücksicht auf die sogenannten "Explosivlaicher" im Stadtteil Waldsee und bitte seine Anhänger um Verständnis für die Sperrung, hieß es in einer Pressemitteilung der Breisgauer am Freitag." Es ist schlimm, dass sich wieder einmal bestätigt: Im Fußball geht es nur um die Kröten.

6. Darüber lacht man nicht: Es folgt ein äußerst heikler Punkt. Denn eigentlich sind Witze über das Aussehen von Spielern arm. Ganz arm (siehe Punkt 1). Vor allem da der durchschnittliche Sportjournalist nicht einmal in einem Glashaus, sondern nur mit einer einzelnen Glasscheibe über dem Kopf in seiner Redaktion sitzt. Dennoch wurde dem Autor nachdrücklich ans Herz gelegt, diesen Punkt in die Liste zu nehmen. Nun denn. So sei es. Es folgt ein Zitat, das in der Tradition eines großen deutschen Rechtswissenschaftlers nicht als solches gekennzeichnet wird:

Gomez sieht mit seiner neuen Frisur so aus, als würde er bei "WHAM" Umhänge-Keyboard spielen. Ganz klar das Modell: "Wake Me Up Before You Go-Go".

7. Tuchel wechselt zu Wehen-Wiesbaden: Es ist kein Wunder, dass die Frau von Thomas Tuchel dem Baby in ihrem Bauch diesen Anblick ersparen wollte und während der 90 Minuten eine Geburt vermied. Schade ist das aber allemal. Zu gerne hätte man Thomas Tuchel an der Seite seiner Liebsten erlebt. "SCHAAAAATZ!!! Da musst du hinten raus schieben! Raus! Aggressives Pressing! Voll auf den Körper! Immer pressen! Draufgehen!! Und die Flügel breit machen, damit du in der Mitte die Lücke nutzen kannst. Den Raum nutzen, SCHATZ! 110 Prozent Liebling, die Trainingsabläufe abrufen! Ich hab hier noch eine Rede von Al Pacino aus ‚An jedem verdammten Sonntag" - die wird Dich motivieren! Komm, du musst Druck aufbauen!!! Von hinten raus!!! Pressen!!!" - Mensch! Das wäre bestimmt die erste One-Touch-Geburt aller Zeiten geworden...

8. In your face, three lions!: An diesem Wochenende waren Freiburg, Köln und St. Pauli eindeutig die Lieblingsvereine aller Trinker. Warum? Weil ihr bestes Talent im Kasten stand. Die Herren Baumann, Rensing und Kessler haben an diesem Spieltag mehr Dinger herausgeholt als Peter Zwegat aus einer Zahnpastatube. Es wäre kein Wunder, wenn die drei zum Aufmacher des nächsten "Parade Magazine" werden. Einfach der Wahnsinn! Und das Beste an diesen Leistungen: Sie wurden ganz ohne die unterstützende Wirkung von Zahnspangen verursacht. Für uns Normalsterbliche ist das eine Banalität. Aber vermutlich kommt ein anderer Spitzentorhüter da gerade ins Grübeln... Klicken Sie bitte hier für die Auflösung dieser Pointe.

9. Bremer Ecke reloaded: Es ist schon traurig, was in Bremen derzeit passiert. Vermutlich müssen die Spieler inzwischen von Thomas Schaaf schon gebadet und angezogen werden, bevor es ins Bettchen gehen kann. Denn selbst die einfachsten Dinge funktionieren bei den Werderspielern derzeit nicht mehr. Beleg: Die unfassbar kreative Eckenvariante, in der ein Spieler den kurz ausgeführten Ball stoppt und der Eckenschütze flankt.

Die Krux an der Sache: Steht nur ein Spieler des Gegners am Pfosten und der Torhüter weit genug vor seinem Kasten, ist das im Moment der Flanke Abseits. Eine banale Sache, sollte man meinen. Aber die Herren Frings und Hunt haben die Regel wohl immer noch nicht verstanden. Leise, aber deutlich war über die Außenmikrofone beim Spiel gegen Hamburg zu hören, wie sie zweimal verunsichert beim Linienrichter nachfragen: "Wenn ich ihn jetzt anschieße, ist es dann Abseits?" Schon putzig, irgendwie. Vor allem wie die beiden ungeachtet ihrer derzeitigen Form davon ausgehen, dass sie das Anspiel über einen halben Meter überhaupt zum eigenen Mann bringen...

10. Die Spätzle-Camorra: Man soll ja keine Witze machen über schwarze Mitbürger, die im Abseits der Gesellschaft stehen. Aber wenn Cacau auch nur einmal bei den gefühlt vierzehn abgepfiffenen Großchancen gegen Leverkusen vorher einen Schritt zurück gegangen wäre, hätte Bruno Labbadia rund vierzehn Magengeschwüre weniger. So kam es, wie es kommen musste. Standardsituation Leverkusen, die Stuttgarter nutzen die Auszeit geschickt zum Durchschnaufen - und Reinartz macht das vorentscheidende 3:2. Das kann kein Zufall mehr sein. Wir wittern da eine böse Verschwörung: Die Stuttgarter wollen sich einfach nicht mehr in der Ersten Liga haben. Fuß-ball-maf-ia-Vau-eff-be!

11. Der wilde Lucy: Und weiter geht es mit unserem Lieblingsinterview des Spieltags:

Frage: Was hat Ihnen gut gefallen?

Favre: Jaaa! Ähhh! Das 1:1. Das 2:1.

Frage: Was sagen Sie zum 1:1 von Reus?

Favre: Jaaa! Fantastisch! Er hat fast alles.

Frage: Und zum 2:1?

Favre: Super gemacht! Super gemacht! Super Lauf in die Tiefe von Arango. Super Pass. Und Idrissou macht das sehr, sehr gut. Er läuft so und so.Frage: Sie haben jetzt 19 Punkte.

Favre: Jaaa!

Frage: Sind an Stuttgart rangekommen.

Favre: Jaaa!

Frage: Was kann dieser Spieltag bewirkt haben?

Favre: Jaaa! Klar! Ein Dreier war heute sehr, sehr wichtig. Jetzt wir spielen sofort am Freitag gegen Wolfsburg. Das wird ein sehr interessantes Spiel. Wir nehmen Spiel für Spiel. Es sind noch 33 Punkte im Spiel jetzt und ich denke, es ist möglich, den Abstieg zu vermeiden.

Frage: Ist die Chance durch diesen Sieg deutlich größer geworden?

Favre: Jaaa! Es ist ein Sieg. Wir müssen weiter.

Findet Ihr nicht witzig? Dann müsst Ihr Euch das nur richtig vorstellen. Uns erinnerte der Lucien ja ein bisschen an diesen Typen von den Simpsons. Auch vom Blick her. So oder so: Schön, dass du wieder da bist, Lucy!

Und zum krönenden Abschluss ein besonderes Bonbon für alle Fans der Alternativen Liste. Die gibt es jetzt auch als RSS-Feed. AL-Lieferung frei Haus sozusagen. Klickt, Ihr Nerds!

Der 23. Spieltag im Überblick

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