Schalkes Jose Manuel Jurado im Porträt

Der Zehner, der keiner sein darf

Von Tim Frische
Dienstag, 25.01.2011 | 14:34 Uhr
Jose Manuel Jurado (r.) konnte die hohen Erwartungen noch nicht erfüllen
© Getty

Wird aus dem 13-Millionen-Missverständnis Schalkes neuer Taktgeber? An Jose Manuel Jurado scheiden sich die Geister, Magath jedoch vergleicht ihn sogar mit Kevin Keegan. Bekommt er im Pokal-Viertelfinale gegen den 1. FC Nürnberg (20.15 Uhr im LIVE-TICKER) seine nächste Chance?

Es läuft die 62. Minute im Spiel zwischen dem FC Schalke 04 und dem Hamburger SV. Die Hausherren liegen mit 0:1 zurück, S04-Trainer Felix Magath reagiert. Er bringt Jose Manuel Jurado für Edu. Kreativität statt Laufstärke - so lautet zumindest der Plan. Doch die erste Aktion des Spaniers, sie ist ein Spiegelbild für dessen bisherige Saison. Der 24-Jährige dribbelt auf der Außenbahn, er dribbelt und dribbelt und dribbelt - ins Toraus.

Am Ende verliert der Vizemeister verdient mit 0:1. Nach dem Rückstand wirkte Schalke konzeptlos, daran konnte auch der zweitteuerste Neuzugang der Vereinsgeschichte nichts ändern.

Last-Minute-Transfer zu unkonstant

Der 24 Jahre alte Spanier, der am letzten Tag der Sommer-Transferperiode zusammen mit Klaas-Jan Huntelaar und Nicolas Plestan verpflichtet wurde, drückt dem Schalke-Spiel noch nicht wie erhofft seinen Stempel auf.

Starken Auftritten mit sehenswerten und wichtigen Treffern wie beim FSV Frankfurt im Pokal oder in der Champions League gegen Benfica Lissabon stehen schwache Darbietungen wie gegen St. Pauli oder in Mainz gegenüber, bei denen Jurado vorzeitig vom Feld genommen wurde und von Magath und Sportdirektor Horst Heldt kritisiert wurde.

Gerade in der Bundesliga sind die Leistungen des Spaniers, der in der vergangenen Saison noch mit Atletico Madrid die Europa League gewann, eine Enttäuschung.

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Hohe Ablöse weckt Erwartungen

In Deutschland war der Mittelfeldspieler bis zu seiner Ankunft in Gelsenkirchen nur wenigen bekannt. Lange Zeit wurde der damalige Wolfsburger und Magath-Liebling Zvjezdan Misimovic als potenzieller Neuzugang für die Spielmacherposition gehandelt, doch das Veto von Dieter Hoeneß machte diesen Transfer zunichte.

So wechselte Jurado anstelle des Bosniers nach Gelsenkirchen. Und das für stattliche 13 Millionen Euro - eine Summe, die für Schalke trotz Champions-League-Einnahmen äußert beträchtlich war. Und somit große Erwartungen weckte.

"Jurado besser als Zwetschge"

Ob Jurado vielleicht nur eine Notlösung war, fragten sich nicht wenige. "Wenn man Jurado nicht kennt, da kann man ihn als Notlösung betrachten. In meinen Augen ist er im Vergleich zu Misimovic aber mit Sicherheit nicht der schlechtere Spieler", widerspricht der ehemalige Spanien-Legionär und Ex-Saragossa-Geschäftsführer Gerhard Poschner im Gespräch mit SPOX den Zweiflern.

Der Transfer ereignete sich im Eiltempo. Jurado erzielte für Madrid am 1. Spieltag gegen Gijon noch einen spektakulären Treffer - keine 48 Stunden später stand er bei den Königsblauen unter Vertrag. "Der Kontakt zu Schalke ist sehr rasch zustande gekommen. Es ging alles sehr schnell", erklärte der Spanier bei seiner Präsentation.

Lincoln-Vakuum weiterhin zu füllen

Nach gut sechs Monaten im Schalke-Dress bleibt zu konstatieren, dass Jurado das in ihn investierte Geld und Vertrauen nur teilweise zurückzahlen konnte.

"Er ist ein Kreativspieler und ein Kreativspieler ist keine Maschine. Da kann man keinen Knopf drücken und da funktioniert alles. Diese Spieler sind oft auch ein wenig sensibler als andere Spieler", sagt Poschner.

In Gelsenkirchen soll Jurado eigentlich das Kreativ-Loch stopfen, das auf Schalke seit dem Abgang von Lincoln 2007 merklich zu spüren ist. Poschner glaubt sogar, dass der Spanier für S04 wichtiger als der vor dreieinhalb Jahren abgewanderte Brasilianer sein kann. "Er hat einen sehr guten Schuss, er hat Visionen, er spielt einen richtig guten Ball und ist stark im Eins-gegen-eins. Er und Lincoln sind ähnliche Spielertypen, wobei ich Jurado noch für ein bisschen dynamischer halte."

Profi-Debüt für Real

Jurado hat in seiner Profilaufbahn bislang einen steinigen Weg hinter sich. Im Oktober 2005 gab er im Trikot von Real Madrid bei Betis Sevilla sein einminütiges Debüt in der Primera Division, zwei weitere Einwechslungen sollten am Ende der Saison noch folgen. Um zu mehr Einsatzzeiten zu kommen, wechselte er in der folgenden Spielzeit zum Stadtrivalen Atletico.

Auch dort schaffte es der Spanier nicht, sich nachhaltig zu empfehlen und ließ sich in der Saison 2008/09 nach Mallorca ausleihen, wo ihm endlich der Durchbruch zu gelingen schien. Doch nach seinem erfolgreichen einjährigen Gastspiel auf den Balearen wechselte Jurado in Madrid erneut des Öfteren zwischen Ersatzbank und erster Elf hin und her.

Magath lässt Jurado schmoren

Jetzt soll der Spanier den Schalke-Angriff bereichern. Offensiv-Verfechter Magath krempelte die Gelsenkirchener trotz des zweiten Platzes komplett um und versucht dem Verein seine Spielphilosophie zu verpassen. Jurado sollte mit seinen technischen Fähigkeiten, seiner hervorragenden Schusstechnik  sowie Schusskraft und seinem feinen Auge für den Mitspieler in diesen Planungen ein ganz entscheidender Baustein sein.

Umso erstaunlicher war es für die Fans, dass Magath, trotz des Horror-Starts mit Pleiten gegen Hamburg, Hannover, Hoffenheim und Lyon auf die Dienste des Spaniers fast gänzlich verzichtete und Jurado auch im Heimspiel gegen Borussia Dortmund auf der Bank schmoren ließ. "Er ist Leidtragender der Situation", erklärte der 57-Jährige damals. Der Spanier werde dann ge­braucht, wenn "wir Fußball nicht mehr kämpfen müssen, sondern mehr Wert aufs Spielerische legen können".

Derby-Desaster sorgt für Umdenken

Es brauchte einen in allen Bereichen desaströsen Auftritt gegen den Erzrivalen, um beim Schalke-Trainer ein Umdenken in Gang zu setzen. Der Spielmacher kickte beim nächsten Match in Freiburg erstmals von Beginn an und zeigte beim 2:1-Erfolg eine vielversprechende Leistung.

Dennoch schaffte es der Spanier bislang nicht, seine Fähigkeiten durchgehend abzurufen. Kaum ein Spieler in der Bundesliga hat in dieser Saison wohl so große Schwankungen in seinen Leistungen gehabt wie der gelernte Spielmacher. Erwischt der Spanier einen guten Tag, kann er mit einem tödlichen Pass die ganze gegnerische Abwehr aushebeln. Erwischt er einen schlechten, ist er meist ein Totalausfall. Letzteres ist noch zu oft der Fall.

Interne Konkurrenz wird größer

Mittlerweile ist Magath in dieser Saison vollends von seinem bevorzugten 4-4-2 mit Raute abgerückt und bietet im defensiven Mittelfeld eine Doppel-Sechs auf. Auf der rechten Außenbahn ist Jefferson Farfan gesetzt, links streitet sich Jurado mit Edu und mittlerweile auch mit dem hochgelobten 17-jährigen Julian Draxler um einen Platz in der ersten Elf. Zudem ließ Magath durchblicken, dass er sich auch den wiedergenesenen Christian Pander auf der linken Mittelfeldbahn vorstellen kann.

Schalke wird wohl auch in Zukunft ohne Zehner auflaufen. Ein System ohne Spielmacher - eigentlich ein Grund, warum der dreifache spanische U-21-Nationalspieler Atletico zu Beginn der Saison den Rücken kehrte. "Schon bei Atletico hatte keinen festen Platz gehabt. Sie haben immer mit zwei defensiven Sechsern gespielt, die Nummer zehn gab es gar nicht und dann haben sie mit zwei Offensiven auf den Außen gespielt. Das waren oft Simao und Reyes", erinnert sich Poschner.

Jurado wie Keegan

Die Tendenz zeigte bei den Königsblauen zum Abschluss der Hinrunde nach oben. Auch Jurado schien sich ein wenig zu fangen. Doch dann kam der Rückschlag gegen den HSV, bevor am vergangenen Wochenende in Hannover ein wichtiger 1:0-Erfolg gelang. Ohne Jurado, der nicht im Kader berücksichtigt wurde.

Für das Pokal-Viertelfinale gegen den 1. FC Nürnberg (20.15 Uhr im LIVE-TICKER) wurde er jedoch nominiert und ist neben Edu und Draxler ein Kandidat für die Startelf.

"Jurado ist ein herausragender Techniker, aber wir müssen ihm Zeit geben. Kevin Keegan hatte damals beim HSV in seiner ersten Saison auch Schwierigkeiten. Doch dann wurde er zweimal Fußballer des Jahres. Deshalb bin ich bei Jose nicht nervös", lässt Magath keinen Zweifel daran, dass er weiter auf Jurado setzen wird.

Magath abschließend: " Es lohnt sich, mit ihm weiter zu arbeiten."

Die voraussichtlichen Aufstellungen

Schalke: Neuer - Moritz, Höwedes, Metzelder, Schmitz - Kluge, Rakitic - Farfan, Draxler - Raul, Edu. - Trainer: Magath

Nürnberg: Schäfer - Judt, Wollscheid, Wolf, Pinola - Simons, Cohen - Hegeler, Ekici, Eigler - Schieber. - Trainer: Hecking

Schiedsrichter: Peter Gagelmann (Bremen)

Jose Manuel Jurado im Steckbrief

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