Pogatetz: "Ich habe mit Boateng mitgefühlt"

Von Interview: Haruka Gruber
Freitag, 28.01.2011 | 12:30 Uhr
Emanuel Pogatetz von Hannover 96 spielte bislang 39 Mal für Österreichs Nationalteam
© Getty
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Sein zweifelhafter Ruf eilte ihm voraus - und in der Tat: Emanuel Pogatetz ist ein verrückter Hund. Oder welcher Fußballer hat Jonathan Woodgate als Vorbild? Der 27-jährige Innenverteidiger ist Garant für Hannovers Höhenflug und spricht über den Wandel vom "Emi" zum "Mad Dog" und AC/DC zum Auspowern.

SPOX: Auf Ihrer Homepage steht offiziell, dass Ihr Spitzname "Mad Dog" lautet. Dabei heißt es, dass Sie es Leid seien, immer so genannt zu werden. Wie möchten Sie es denn?

Emanuel Pogatetz: "Mad Dog" ist schon okay. Bei Spitznamen gibt es immer die Gefahr, in einer Schublade stecken zu bleiben, aber immerhin ist es besser, überhaupt einen Spitznamen zu haben als gar keinen, bevor man in der Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen wird. Von daher: Man darf mich ruhig weiter "Mad Dog" nennen. (lacht)

SPOX: Sie betonen dennoch wiederholt, dass Sie gar nicht so ein Rabauke sind, wie viele meinen. Dass Sie auf Ihrer Homepage jedoch beispielsweise erklären, bevorzugt Hard Rock und Metal zu hören, hilft nicht unbedingt dabei, Vorurteile abzubauen.

Pogatetz: Aber der Musikgeschmack hat doch nichts damit zu tun, wie man als Mensch ist. Es stimmt, ich höre gerne Hard Rock und Metal, aber was sagt das über mich aus? Eigentlich doch nur, dass ich diese Art von Musik mag, um mich etwa im Kraftraum zu AC/DC oder Slipknot richtig auszupowern. Wenn Leute daraus Rückschlüsse auf meinen Charakter ziehen, kann ich auch nichts dagegen machen.

SPOX: In Hannover haben Sie immerhin schon ein Klischee eindrucksvoll widerlegt: Dass Sie nur ein eindimensionaler Abräumer seien, der lediglich grätschen und foulen kann.

Pogatetz: Das freut mich sehr. Mir eilte in Deutschland ein gewisser Ruf voraus, aber mittlerweile haben die meisten erkannt, dass er nicht zutrifft und ich auch fußballerisch etwas beitragen kann. Bisher läuft es für mich ideal.

SPOX: Waren Sie sich sicher, dass 96 der richtige Verein für Sie ist? Hannover gehörte im Sommer zu den Abstiegskandidaten.

Pogatetz: Ich habe mir den Kader vor dem Wechsel sehr genau angeschaut und erkannt, dass in der Mannschaft viele gute Fußballer stehen, die in der letzten Saison wegen all den Vorfällen aber nicht die optimale Leistung gezeigt haben. Deswegen bin ich davon ausgegangen, dass das Team wesentlich besser spielen kann, wenn die Vorbereitung reibungslos verläuft. Bereits die ersten Trainingseinheiten im Sommer haben den Eindruck bestätigt, insofern überraschen mich die Ergebnisse in dieser Saison nicht so sehr.

SPOX: Basis für den Erfolg ist die taktische Ausrichtung unter Mirko Slomka. Obwohl Hannover überraschend viele Zweikämpfe verliert, mehr Fehlpässe spielt als andere Topteams und verhältnismäßig wenig Ballbesitz hat, liegt die Mannschaft auf Rang drei. Wie lässt sich das erklären?

Pogatetz: Statistiken sind schön und gut, doch am Ende zählen nun mal die Punkte. Und Mirko Slomka versteht es glänzend, die Taktik genau auf die Stärken eines jeden Einzelnen auszurichten. Wir haben nicht das Spielermaterial, um 90 Minuten einen Gegner zu dominieren, stattdessen setzen wir konsequent auf das zügige Umschalten von Defensive auf Offensive. Wir stehen hinten kompakt und bringen den Ball so schnell wie möglich nach vorne, um über Moa Abdellaoue oder Didier Ya Konan zum Abschluss zu kommen. Dass dadurch die Statistiken nicht für uns sprechen, nehme ich gerne ich Kauf.

Fußball paradox: SPOX erklärt mit Slomka das 96-Phänomen

SPOX: Sie kehrten im Sommer in die Bundesliga zurück, nachdem Sie 2001/02 in Leverkusen unter Vertrag gestanden haben, wo Sie jedoch nicht zum Zug kamen. Wie enttäuschend verlief die Zeit bei Bayer?

Pogatetz: Es war eine harte, aber auch sehr lehrreiche Zeit. Ich bin als 18-Jähriger erstmals ins Ausland gezogen, trainierte plötzlich mit Michael Ballack und sollte Lucio und Jens Nowotny um einen Platz in der Innenverteidigung herausfordern. Das hat nicht so geklappt, aber im Nachhinein weiß ich, dass ich ohne die Erfahrung mit all den Stars nie dahin gekommen wäre, wo ich jetzt bin.

SPOX: In Leverkusen hörten Sie noch auf den süßen Spitznamen "Emi" und galten als zu weich. Damit war es jedoch spätestens vorbei, als Sie 2005 zu Spartak Moskau gingen und dort Gegenspieler Jaroslav Kharitonskij das Bein brachen. Verstehen Sie es, dass Sie noch immer darauf angesprochen werden?

Pogatetz: Das ist kein Problem, denn so bekomme ich die Möglichkeit zu erklären, dass es keine Absicht war und dass solche unglücklichen Vorfälle, so bedauerlich sie sind, zum Fußball gehören. Fußball ist ein Voll-Kontaktsport, bei dem es immer zu Verletzungen kommen kann. Man versucht, einen Ball zu erobern, unterschätzt die Situation und trifft dann den Gegner. Ich bin mir sicher, dass 99 Prozent aller Verletzungen nach Fouls nicht vorsätzlich passieren.

SPOX: Bewerten Sie es entsprechend anders als die Öffentlichkeit, wenn Sie im Fernsehen ein Foul wie etwa das von Kevin-Prince Boateng gegen Ballack sehen, das den deutschen Kapitän die WM kostete?

Pogatetz: Ja. Ich habe mit Boateng mitgefühlt, weil ich weiß, wie es ist, wenn die Medien eine Aktion so aufbauschen. Am Ende hatte die Szene zwei Verlierer: Ballack, der sich verletzt hat. Und Boateng, der einfach nur zu spät dran war und plötzlich zum Buhmann abgestempelt wurde.

SPOX: Sie haben in der Vergangenheit häufig für die vermeintlichen Rüpel im Fußball Partei ergriffen, andererseits sagten Sie einmal: "Ich hasse Spieler wie Cristiano Ronaldo." Warum?

Pogatetz: So habe ich den Satz nie gesagt. Ich würde auch nicht auf die Idee kommen, einen der besten Spieler der Welt derart zu kritisieren, so etwas steht mir gar nicht zu. Was ich damals ausdrücken wollte, war, dass mich generell die Schauspielerei im Fußball ärgert, weil es für die Gegner unfair ist und weil es die Fans nervt. Wenn die Spieler, die sich immer theatralisch fallen lassen, von den Schiedsrichtern geschützt werden, leidet der gesamte Fußball darunter.

SPOX: Auch wenn Sie Ronaldo als einen der besten Fußballer der Welt bezeichnen: Kurioserweise ist nicht er oder Lionel Messi ihr Lieblingsspieler, sondern Jonathan Woodgate. Woher kommt das?

Pogatetz: Ich habe mit ihm lange in Middlesbrough zusammengespielt. Ein super Typ, mit dem ich mich privat sehr gut verstanden und von dem ich fußballerisch ungemein viel gelernt habe. Die meisten verbinden mit ihm nur seine Verletzungsanfälligkeit, aber ich habe hautnah erlebt, was für ein überragender Abwehrspieler in ihm steckt, nicht umsonst hat er mal für Real Madrid gespielt. Von seinen Anlagen her ist er für mich der mit Abstand beste Verteidiger der Welt.

SPOX: Zu Ihren langjährigen Kollegen in Middlesbrough gehörte auch Stoke Citys Robert Huth, der zuletzt unter anderem in Liverpool im Gespräch war. Trauen Sie ihm den Sprung zu einem großen Klub zu?

Pogatetz: Mit Robert habe ich mich ebenfalls super verstanden. Ich spreche zwar nicht so regelmäßig mit ihm wie mit Jonathan, aber ab und zu haben wir Kontakt und ich verfolge seinen Werdegang. Ich traue es ihm absolut zu, sich bei einem Verein wie Liverpool durchzusetzen. Er war ja schon beim FC Chelsea und es gehört einiges dazu, trotz aller Verletzungen sich über die Jahre in der Premier League zu halten.

Emanuel Pogatetz im Porträt: Ein Killer mit Herz

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