Umdenken auf Schalke

Startschuss für eine neue Liebe?

Von Haruka Gruber
Montag, 31.01.2011 | 11:26 Uhr
Anfangs gehasst, mittlerweile unumstritten: Christoph Metzelder auf Schalke
© Imago

Christoph Metzelder war auf Schalke das Opfer einer "unfairen Hysterie". Doch jetzt ist der 30-Jährige unersetzlich und könnte der kommende Kapitän sein. Einige Ultras aber leisten auch vor seiner Rückkehr nach Dortmund (Fr., 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) weiter Widerstand.

Im Sommer 2010 fing es an, 2011 setzte es sich fort: Offener Widerstand der Schalke-Fans gegen den ehemaligen Dortmunder Christoph Metzelder. Zumindest konnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man beim Rückrunden-Auftakt gegen Hamburg lediglich auf den Ultras-Block in der Veltins-Arena achtete.

Neben Plakaten mit Botschaften wie "Freiheit für alle inhaftierten Ultras" und "Solidarität mit allen Stadionverbotlern" stand in großen Lettern geschrieben: "Auch 2011 gilt: Metzelder raus!!!"

Daraus jedoch Rückschlüsse auf Metzelders grundsätzliche Wertschätzung zu ziehen, wäre fahrlässig.

Denn: Von den fundamentalistischen Anhängern abgesehen, wird der 30-Jährige mittlerweile vom Großteil des Schalker Publikums akzeptiert - was angesichts des Aufbegehrens bei seinem Wechsel vor einem halben Jahr fast undenkbar erschien.

Projektionsfläche für alles Schlechte

Das Gefühl der Entfremdung, die seit der Übernahme des radikalen Reformators Felix Magath unter den Fans vorherrscht, verdichtete sich damals in der Personalie Metzelder. Magath erhöhte die Ticketpreise, stritt sich mit dem Fan-Verband, ließ Publikumslieblinge wie Marcelo Bordon gehen und holte als Ersatz mit Metzelder ausgerechnet eine Identifikationsfigur des verhassten Rivalen BVB.

Als zudem der Saisonstart misslang, dem 30-Jährigen zahlreiche Fehler unterliefen und er daraufhin im eigenen Stadion bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen wurde, war seine Perspektive auf Schalke düster: Der sichtlich verunsicherte Metzelder verkam zur Projektionsfläche für alles Schlechte, was mit Magath verbunden wurde.

Ausgerechnet Magath, der ihn bereits nach zwei Spielen öffentlich kritisierte, um ihn aus der Komfortzone zu holen und zu besseren Leistungen zu motivieren,  dadurch aber dessen Standing bei den Fans weiter verschlechterte. "Schwarz-Gelbe Scheiße" oder "Feind bleibt Feind" waren noch die harmloseren Beschimpfungen.

"Ich habe eine gewisse Mitte, aber ich gebe zu, dass das keine leichten Wochen waren. Es herrschte eine unfaire Hysterie", erinnert sich Metzelder.

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Metzelder gibt Halt und bewirkt Umdenken

Noch immer ist das Abschneiden in der Bundesliga enttäuschend. Zwar arbeitete sich Schalke aus der Abstiegsregion, doch nach dem 0:1 gegen Hoffenheim verharrt der Tabellen-Zwölfte im nichtssagenden Mittelfeld. Ein Gewinner der vergangenen Monate ist dennoch Metzelder.

Er spielt zwar nicht herausragend, aber er bewährte sich als zuverlässiger Abwehrchef, der mit Engagement vorangeht und an dem sich der in dieser Saison phasenweise schwächelnde Nebenmann Benedikt Höwedes orientieren konnte.

Metzelders womöglich größter Erfolg ist es jedoch, dass er mit seinen Auftritten und seiner einnehmenden Art ein generelles Umdenken bewirkte. Die Unmutsäußerungen gegen ihn sind fast gänzlich verstummt.

Raul profitiert von Metzelder

"Durch harte Arbeit habe ich den entscheidenden Punkt übersprungen. Für mich ist es wichtig, dass die Fans meine Leistung respektieren. Ob sie meine Spielweise jetzt mögen oder nicht, ist dabei nicht so wichtig", sagt Metzelder.

"Wichtig ist, dass sie anerkennen, ob sich ein Spieler reinhängt oder nicht. Dass auch diejenigen Leute, die vielleicht sagen, als Spieler gefällt er mir nicht so, erkennen: Der setzt sich ein, grätscht hinten die Bälle weg und zeigt den Einsatz, den wir sehen wollen."

Mit eben jener beispielhaften Attitüde machte er sich innerhalb der Mannschaft unersetzlich - weit über das Spielfeld hinaus. Dass sich Raul entgegen vieler Skeptiker derart gut eingefunden hat, ist zu großen Teil seinem Dolmetscher und Freund Metzelder zu verdanken.

Metzelder, der wegen seiner Führungsqualitäten für die kommende Saison ein Kandidat für das Kapitänsamt ist und bereits jetzt viele Aufgaben eines Spielführers erledigt. Beispielsweise, indem er sich als einer der weniger Schalker nach fast jedem Spiel den Medien stellt und Meinung bezieht.

Voller Fokus auf Fußball

"Er übernimmt eben Verantwortung für andere. Und er schaut auch mal über den Tellerrand hinaus. Genau das haben wir gesucht", sagt Magath - und bedient damit aber ungewollt das Klischee über Metzelder, das ihm mittlerweile selbst nur bedingt gefällt: das des weltmännischen Fußballers, der fast schon zu intellektuell für den Sport ist.

Metzelder möchte vorrangig als Bundesliga-Profi wahrgenommen werden, weswegen er seine karitative Arbeit und sein Engagement als Vizepräsident der Spielergewerkschaft VDV zumindest öffentlich nur noch vereinzelt thematisiert. Auftritte und Reden senkte er auf ein Minimum, Stellungsnahmen zu politischen und gesellschaftlichen Themen gibt er fast gar nicht mehr ab.

Von wegen verletzungsanfällig

Ob Zufall oder nicht: Die Zurückhaltung schadet auf jeden Fall nicht seiner sportlichen Leistungsfähigkeit. Erstmals seit Jahren blieb er eine Halbsaison fast komplett verletzungsfrei, was sich in der meist zufriedenstellenden Formkurve ausdrückt.

"Bei einem unserer ersten Gespräche hat Felix Magath mir versichert, dass er bisher noch jeden Spieler wieder fit bekommen hat. In dem Umfeld auf Schalke habe ich ein sehr gutes Gefühl, dass Verletzungen in meinem Lebenslauf der Vergangenheit angehören", sagt Metzelder.

Vor allem in der Champions League zeigte er seine Wertigkeit, und auch in der Bundesliga stabilisierte er sich nach anfänglichen Problemen. Schwache Darbietungen wie im Pokal gegen Nürnberg gehören zu den Ausnahmen.

Auslaufmodell Metzelder?

"Christoph hatte am Anfang Probleme, aber mittlerweile sieht jeder, wie wertvoll er ist. Dass die Fans ihn akzeptiert haben, ist das größte Kompliment", sagt Höwedes.

Doch bei allem Lob ist offensichtlich, dass Metzelder nicht mehr über die herausgehobene Stellung vergangener Jahre verfügt. Nach seinem Durchbruch 2000 galt er als einer der ganz wenigen deutschen Innenverteidiger moderner Prägung, weil sein Abwehrspiel anders als bei Jürgen Kohler oder Christian Wörns nicht ausschließlich aus "Zerstören" bestand.

Zehn Jahre später aber zeigt eine neue Spieler-Generation, wie ballfertig, elegant und passsicher ein Innenverteidiger zu spielen vermag. Im Vergleich zu Holger Badstuber oder Mats Hummels wirkt der oft ungelenk agierende Metzelder mit seinem heutzutage konservativen Spielstil fast schon antiquiert und bieder.

Anders als der ein Jahr ältere Arne Friedrich, dem es überraschend gelungen ist, sich den Erfordernissen des absoluten Spitzenfußballs anzupassen.

"Ich bin im Herbst oder Winter"

Entsprechend gering sieht Metzelder selbst die Chancen auf ein Comeback in der deutschen Nationalmannschaft.

"Ich bin Realist, ich hatte seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr mit Bundestrainer Joachim Löw.  Die Nationalmannschaft hat einen großen Umbruch hinter sich und verfügt jetzt über viele junge, sehr gut ausgebildete Spieler", sagt Metzelder.

"Ich muss einfach akzeptieren, dass die Fußballer-Karriere ein Zyklus ist. Und dass ich mich mittlerweile im Herbst oder Winter befinde. Aber das ändert nichts an meinem Ehrgeiz." Der Ehrgeiz, der ihm auf Schalke den Respekt der Fans einbrachte.

Kein schlechter Zeitpunkt, schließlich heißt der nächste Gegner Borussia Dortmund.

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