Bayern und Schalke zerren am Keeper

Manuel Neuer: Zwischen allen Fronten

Von Für SPOX in Gelsenkirchen: Haruka Gruber
Montag, 06.12.2010 | 13:22 Uhr
Manuel Neuer wurde in der Saison 2006/07 zu Schalkes neuer Nummer eins
© Getty
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Er ist "der weltbeste Torwart" und wird vom FC Bayern München gejagt. Das führt bei Manuel Neuer aber zu einer inneren Zerrissenheit. Seine Lösung: Die Emanzipation von den Fans und Felix Magath.

Die Situation war fast schon zu surreal, um wahr zu sein. Dass die Stimmung beim Fan-Treffen des FC Schalke 04 am Sonntagvormittag nach dem 2:0 über den FC Bayern München sehr gelöst sein würde, erwartete wohl auch Star-Gast Manuel Neuer.

Doch was er nach der 45-minütigen Fragerunde erleben musste, war schlichtweg absurd. Als ob die Schalke-Fans nicht schon aufgepusht genug wären, legten die Organisatoren des Fan-Club Verbands den Toten-Hosen-Song "Wir würden nie zum FC Bayern München gehen!" auf, drehten auf Diskolautstärke hoch und gaben Neuer willentlich zum Begaffen frei.

Würde Neuer, die Symbolfigur der Schalker Arbeiterkultur, mit einstimmen oder zumindest die Lippen zum Text bewegen? Bekennt er sich singend zum Verein seines Herzen? Dem 24-Jährige war es sichtlich unangenehm, die aufdringlichen Blicke der grölenden 100 bis 150 Fans auf sich zu wissen. Aber er hielt das gesamte Lied über dem Druck stand, zeigte so wenig Regung wie möglich und machte damit das einzig Richtige. Und das ist: sich alle Optionen offen zu halten.

"Der weltbeste Torhüter"

Seine Leistung gegen die Bayern war derart grandios, dass selbst FCB-Trainer Louis van Gaal erstmals ein Interesse am Torwart nicht verhehlen wollte: "Mein Kollege Magath wird Neuer nicht verkaufen. Aber dieses Thema bespreche ich mit meinem Vorstand."

Bis zuletzt hieß es, dass van Gaal den bisherigen Bayern-Reservetorwart Thomas Kraft als neue Nummer eins für die kommende Saison bevorzugen würde, dementsprechend vielsagend war nun seine Äußerung.

Die Führung um Vorstand Karl-Heinz Rummenigge und Präsident Uli Hoeneß präferiert ohnehin Neuer. Bayerns Ehrenpräsident Franz Beckenbauer stellte bei "SKY" klar: "Wer will nicht den besten Torhüter der Welt haben?"

Bayern-Wechsel: Brisante Thematik

Neuer selbst versucht sich so neutral wie möglich zu geben. Er fühlt sich von den Avancen aus München geehrt und spielt durchaus mit dem Gedanken eines Wechsels nach der Saison. Solange die Gespräche jedoch nicht über das Vorstadium konkreter Verhandlungen hinausgehen, vermeidet er tunlichst, überhaupt das Wort "Bayern" in den Mund zu nehmen - zu brisant ist die Thematik.

"Dass mein Berater angerufen wird, ist normal, aber ich lasse mich nicht verrückt machen. Jetzt geht es darum, dass Schalke unten rauskommt, meine persönliche Zukunft steht hinten an", sagt Neuer diplomatisch.

Felix Magath hingegen kokettiert mit dem Interesse aus München. Neuer solle zwar auf Schalke bleiben, aber "den wollen wahrscheinlich nicht nur die Bayern haben. Wer hätte nicht gerne den besten Torhüter?", fragt Magath. Ob es nur so klingt, als ziehe er sehr wohl einen Verkauf in Betracht, bleibt sein Geheimnis.

BlogmySPOX-User Taktiker: Magath korrigiert sich

Beängstigend hohes Niveau

Es ist eine verfahrene Lage, in der sich Neuer befindet, obwohl seine Leistungen nicht besser sein könnten. In 26 Pflichtspielen in dieser Saison für Schalke und der Nationalmannschaft verschuldete er nur in der EM-Qualifikation gegen Aserbaidschan (6:1) ein Gegentor, ansonsten hält er auf einem fast schon beängstigend hohen Niveau. "Gegen Bayern war er besser als Weltklasse", sagt Teamkollege Ivan Rakitic.

Doch was bleibt, ist Neuers innere Zerrissenheit.

Sein Herz gehört seit jeher Schalke. Er lebt nach wie vor im Gelsenkirchener Stadtteil Buer, indem schon sein Großvater aufwuchs. Er weinte mit, als der Verein 2001 die Meisterschaft um vier Minuten verpasste. Und er stellt sich der Verantwortung als das "Gesicht von Schalke" (Magath) und gibt sich so volksnah wie kaum ein anderer Superstar in der Bundesliga.

Günter Netzer rät zum FC Bayern

Aber auch Neuer weiß, dass ein Verbleib auf Schalke einer Weltkarriere hinderlich sein könnte, sollte sich der Klub nicht auf Dauer in Europa etablieren: "Ich habe immer klar gesagt: Die Saison 2010/11 spiele ich auf jeden Fall hier. Alles Weitere wird man sehen. Ich will nur auch im nächsten Jahr international spielen. Am besten in der Champions League, aber am Thema Europa League allein sollte es nicht scheitern."

Sein Kalkül: Während sich Nationalmannschaftskonkurrent Rene Adler mit Leverkusen in der Bundesliga-Spitzengruppe festgesetzt hat und vermutlich den internationalen Wettbewerb erreichen wird, droht Schalke das Verpassen des Minimalziels Europa League, von der Königsklasse ganz zu schweigen.

"Es ist sicher ein Vorteil, wenn man sich in der Champions League gegen die besten Mannschaften der Welt regelmäßig zeigen kann. Als Nationaltorwart braucht man auf Dauer solche Erfahrungen", sagte Neuer im April.

Bei den Bayern hingegen wären die Aussichten ungleich günstiger, weswegen beispielsweise Günter Netzer einen Wechsel nach München für "ideal" hält: "Neuer ist sich jetzt selbst verpflichtet, seine Karriere voranzutreiben. Er ist auf einem so hohen sportlichen Grad angekommen, da kann er seine sportlichen Ansprüche nicht mehr herunterschrauben."

Was erreicht Schalke in dieser Saison? Hier geht's zum Tabellenrechner!

Eine Geisel des eigenen Gewissens

Neuer ist eine Geisel seines eigenen Gewissens: Die Ratio spricht für die Bayern, doch sollte er ausgerechnet bei dem Verein unterschreiben, der wegen seiner Dekadenz an der S04-Basis fast genauso verhasst ist wie Dortmund, würde er sich für viele Schalke-Fans abqualifizieren.

Die Anhänger projizieren ihre teils fundamentalistischen Wertvorstellungen von Loyalität und Vereinstreue in Neuer. Eine Erwartungshaltung, der er anfangs gerne nachkam - mittlerweile passt er aber wie etwa beim eingangs erwähnten Fan-Treffen auf, sich nicht gänzlich vereinnahmen zu lassen.

Neuer emanzipiert sich

Neuer hat ein eigenes Profil gewonnen und versucht sich um seiner Zukunft Willen langsam zu emanzipieren. Nicht nur von den Fans, sondern auch von Magath, dessen unergründliche Art der Menschenführung nicht immer auf Neuers Zustimmung trifft.

Nachdem Magath einen Diskobesuch einiger Spieler nach einem Auswärtsspiel kritisierte ("Klares Fehlverhalten!"), widersprach Neuer deutlich: "Dieser Abend war wichtig, damit wir in unserer Situation enger zusammenrücken."

Als Magath sich über Christoph Metzelder fast schon lustig  machte, verteidigte Neuer seinen Teamkollegen: "Bei Christoph lief es bisher nicht optimal. Dennoch ist er nicht der Alleinverantwortliche dafür, dass wir bisher nicht erfolgreich sind." Und als der Fan-Beauftragte Rolf Rojek von Magath stillos von seinen Aufgaben entbunden wurde, verteilte Neuer Protest-Shirts an die Mannschaft  - ob er damit Solidarität mit Rojek ausdrücken wollte oder es alles ein Missverständnis war, blieb ungeklärt.

Das Verhältnis zwischen Magath und seinem Kapitän ist von Professionalität geprägt, dementsprechend nüchtern fiel auch Neuers Antwort aus, ob denn der Trainer noch der richtige sei: "Der Trainer ist unser Leitwolf, die Mannschaft möchte mit ihm kooperieren."

Ablöse nur im Sommer

Magath wägt als gnadenloser Pragmatiker die Vor- und Nachteile eines Verkaufs ab. Neuers Vertrag läuft 2012 aus, entsprechend wäre nur in diesem Sommer eine ordentliche Ablöse zu erwarten, auch wenn diese nicht Neuers Marktwert von 20 bis 30 Millionen Euro entsprechen dürfte.

Andererseits braucht Magath seinen Torwart nicht nur als Leistungsträger, sondern auch als Puffer zu den Fans, die noch immer nicht mit ihm warm werden und skeptisch jede Entscheidung beäugen.  Bei einem Weggang Neuers würde sich wohl offener Widerstand gegen Magath bilden.

Neuer befindet sich zwischen allen Fronten. Oder wie er es selbst vor einem halben Jahr formulierte: "Schalke ist nicht nur mein Verein und Arbeitgeber, Schalke hat mein ganzes Leben geprägt. Mein ganzes Umfeld ist blau und weiß. Deswegen fällt es mir natürlich auch schwer daran zu denken, dass ich mal irgendwann den Verein verlassen könnte."

Ivan Rakitic im Interview: "Neuer war besser als Weltklasse"

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