Hoffenheimer wechselt zum FC Bayern

Warum Luiz Gustavo so begehrt ist

Von Haruka Gruber
Dienstag, 21.12.2010 | 02:17 Uhr
Luiz Gustavo wechselte 2007 aus Brasilien nach Hoffenheim. Jetzt zieht es ihn nach München
© Imago
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Bei 1899 Hoffenheim wurde er genährt und gestärkt. Nun wechselt Luiz Gustavo als Bundesliga-Star zum FC Bayern - was zwischen Ralf Rangnick und Dietmar Hopp zu einem Zerwürfnis führen könnte.

Der Lamborghini war ein Prachtstück: Modell Gallardo Coupe, 325 km/h Höchstgeschwindigkeit, 560 PS - und mit 160.000 Euro sogar recht erschwinglich, zumindest für einen Bundesliga-Profi.

Luiz Gustavo verliebte sich inständig und erwarb die Luxuskarosse, doch der Lustkauf führte zu erheblichen Irritationen. Denn wenig später wurde bekannt, dass das Auto gestohlen war und auf einer internationalen Fahndungsliste stand, weswegen es von der Heidelberger Polizei konfisziert wurde.

Der Vorfall vom März dieses Jahres schien das nächste unrühmliche Kapitel eines brasilianischen Fußballers zu sein, dem das viele Geld in der Fremde den Verstand benebelte und der damit jedes Klischee bereitwillig bedient.

Doch schnell stellte sich heraus, dass Gustavo nur das Opfer einer unglücklichen Fügung war und das Verschulden beim Autohändler lag. Gustavo erhielt den vollen Kaufpreis zurück, das Ärgernis löste sich in Nichts auf.

Hopp: Gustavo geht nach München

Was blieb, war die Erkenntnis, dass Gustavo im Vergleich zu seinem befreundeten Landsmann Carlos Eduardo, dessen Extravaganz für Befremden in Hoffenheim sorgte und dessen Transfer für 20 Millionen Euro zu Rubin Kasan fast schon erleichtert aufgenommen wurde, ganz offensichtlich genau den Gegenentwurf verkörpert.

Ein skandalfreier, dafür aber fleißiger und wissbegieriger Fußball-Legionär, der gezielt an den Schwächen arbeitet und damit zum Liebling des sonst so fordernden Trainers Ralf Rangnick wurde. Entsprechend enttäuscht wird der Hoffenheim-Coach reagiert haben, als Klub-Gönner Dietmar Hopp am Dienstag überraschend verkündete, dass Gustavo zum FC Bayern wechselt.

"Es ist sonnenklar, dass Gustavo im Sommer zu den Bayern gehen wird. Es wäre unfair, ja geradezu unmoralisch, wenn wir ihm die Karriere verbauen würden", sagte Hopp der "Rhein-Neckar-Zeitung".

Die einzig offene Frage scheint zu sein, ob der 23-Jährige tatsächlich erst nach der Saison oder bereits in der Winterpause nach München zieht. Als Ablöse für den bis 2014 an Hoffenheim gebundenen Gustavo werden 15 Millionen Euro gehandelt.

Allerdings äußerte sich Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge am Mittwoch noch sehr zurückhaltend. Eine Entscheidung, ob Gustavo überhaupt zu den Bayern wechseln werde, sei noch nicht gefallen, so Rummenigge.

Gustavo-Weggang "existenziell gefährlich"

Es verwundert, wie zügig sich beide Vereine offenbar geeinigt haben. Angefangen hatte es mit einer losen Anfrage von Bayern-Sportdirektor Christian Nerlinger, der bei einer Manager-Tagung vor wenigen Wochen seinen Hoffenheimer Kollegen Ernst Tanner wegen Gustavo ansprach.

Erst vor einer Woche jedoch konkretisierte sich das Bayern-Interesse, woraufhin Hopp wie auch Rangnick dementierten, dass ein Wechsel bevorstünde. Während Rangnick jedoch einen Verkauf grundsätzlich ausschloss, ließ Hopp Raum für Spekulationen: "Sollten wir gleichwertigen Ersatz finden, hätten wir eine andere Sachlage", sagte er.

Rangnick hingegen betonte bis zuletzt: "Unsere Philosophie ist keine Verkaufsphilosophie. Wir wollen selbst sportlichen Erfolg!" Tanner unterstützte: "Luiz Gustavo ist unser bester Spieler. Wenn wir ihn hergeben würden, könnte es existenziell gefährlich werden."

Gustavo erreicht neues Level

Die Wertschätzung für Gustavo kommt nicht von ungefähr. Gemeinsam mit Dortmunds Nuri Sahin, Leverkusens Arturo Vidal und Bayerns Bastian Schweinsteiger gehört Gustavo zu den auffälligsten defensiven Mittelfeldspielern der Saison, für einige ist er sogar der beste, weil er so variabel einsetzbar ist. Fast ohne Qualitätsverlust kann er - auch mitten in Spiel - auf die Linksverteidiger- und Innenverteidiger-Position wechseln, was ihn für die Bayern umso interessanter macht.

Neben seiner Vielseitigkeit und der bereits bekannten Stärke in der Zweikampfführung kamen in dieser Saison jedoch zwei Fähigkeiten hinzu, die aus einem Talent einen Topspieler der Bundesliga machten: Gustavo verbesserte sich signifikant im Offensivspiel und er entwickelte ein Gespür dafür, wann ein Tackling angemessen oder zu riskant ist.

SPOX-Top-11 der Vorrunde: Klare Absage ans Establishment

Statistisch liest sich das so: Während ihm in den ersten drei Jahren lediglich drei Assists gelungen waren, verbuchte er nach der Hinrunde bereits fünf Scorer-Punkte (zwei Tore, drei Vorlagen).

Noch beeindruckender sein früher so üppiges Strafenregister: Zwischen 2008 und 2010 stellte er mit vier Platzverweisen innerhalb von 34 Spielen einen Negativrekord im deutschen Profi-Fußball auf, seit 2007 sammelte er insgesamt 26 Gelbe Karten. In dieser Saison steht er hingegen erst bei vier Verwarnungen.

Logischer Nachfolger für Mark van Bommel

"Ich ziehe vor Bastian Schweinsteiger und Mark van Bommel den Hut, vor allem über die Konstanz in ihren Leistungen. Aber Luiz Gustavo ist nicht weit von den beiden entfernt", sagt Teamkollege Tobias Weis. Rangnick ergänzt: "Was die Balleroberung angeht, ist Luiz wohl der beste Spieler der Bundesliga."

Dass Hoffenheim am letzten Spieltag eine 2:0-Führung in Wolfsburg hergab, nachdem Gustavo in der 65. Minute wegen Adduktorenproblemen ausgewechselt werden musste, war demnach kein Zufall. "Ohne Gustavo war es ein völlig anderes Spiel. Man hat gesehen, wie wichtig er für uns ist", sagte Rangnick. "Wir dürfen ihn im Winter auf keinen Fall gehen lassen, das wäre Blödsinn."

Doch dies ist trotz des Vetos nicht mehr ausgeschlossen. Sollte der abkömmlich gewordene Bayern-Kapitän Mark van Bommel ein halbes Jahr vor Ablauf seines Vertrags tatsächlich München in Richtung Wolfsburg oder England verlassen, wäre Gustavo der logische Nachfolger.

Keine Einigkeit in Hoffenheim

Hopp hat sich offenbar alleine schon aus finanziellen Beweggründen mit einem vorzeitigen Verkauf Gustavos angefreundet. Nach einem einjährigen Leihgeschäft mit dem brasilianischen Verein Corinthians Alagoano wurde Gustavo 2008 für eine Million Euro fest verpflichtet, die Bayern bieten nur zweieinhalb Jahre später angeblich das Fünfzehnfache. "Ich sage nicht, dass das nicht Charme hätte. Es wäre eine Ehre für den Spieler, wenn er für die Bayern spielen könnte", sagt Hopp - und geht damit auf Konfrontationskurs mit Rangnick und Tanner.

Tanner sagte noch vor wenigen Tagen: "Die 15 Millionen Euro würden uns wenig nutzen, zumal wir für potenzielle Neuzugänge im Winter weit mehr zahlen müssten als sie wirklich wert sind." Deutlicher wurde Rangnick: "Die Summen, die bisher genannt wurden, sind für uns nicht einmal die Lachgrenze, geschweige denn die Schmerzgrenze."

Rangnick weiter: "Wir werden Gustavo keinesfalls abgeben, jedenfalls nicht in der Winterpause. Und wir werden kämpfen, wie es schlimmer nicht geht, um ihn im Sommer zu halten."

Ohne Gustavo kein Firmino

Dass sich der Trainer derart verbissen für den Verbleib des Brasilianers einsetzt, liegt in der gemeinsamen Vergangenheit begründet. 2007 war Gustavos Ausleihe nur eine Randnotiz beim damaligen Zweitligisten, für die Schlagzeilen sorgten die Millionen-Transfers von Eduardo, Chinedu Obasi und Demba Ba.

Doch Rangnick erkannte bereits früh, welch großes Potenzial in Gustavo schlummert und förderte ihn gezielt. In Brasilien als Linksverteidiger ausgebildet, nahm sich Rangnick ihm an und schulte ihn zu einem defensiven Mittelfeldspieler um. Mehr noch: Für Rangnick war es persönlich eines der wichtigsten Projekte, Gustavo in naher Zukunft zu einem Weltklasse-Sechser zu formen.

"Allein schon wegen seines Alters und der Sprach- und Mentalitätsprobleme kann er noch nicht das Charisma und die Autorität eines Didier Deschamps ausstrahlen. Fußballerisch verkörpert er aber bereits jetzt viele Eigenschaften eines sogenannten 'bleibenden Sechsers': Lauf - und Zweikampfstärke sowie ein gutes Gefühl dafür, wann er draufgehen oder wegbleiben soll", sagte Rangnick im SPOX-Interview vor einem halben Jahr.

Ohne Gustavos beispielhaften Werdegang wäre es wohl undenkbar gewesen, dass 1899 nach den Fehlschlägen mit Wellington, Maicosuel und Fabricio in diesem Winter wieder einen Brasilianer verpflichtete: Roberto Firmino, immerhin vier Millionen Euro teuer.

Gustavo verkörpert das gute Hoffenheim

Es ist spürbar, welch enge emotionale Bindung Rangnick zu Gustavo aufgebaut hat. Vielleicht auch, weil er eben all die positiven Dinge versinnbildlicht, mit denen sich Hoffenheim gerne identifiziert: seine gelungene Integration, sein Aufstieg vom Niemand zum Star, sein selbstloses Wesen.

"Luiz Gustavo gibt immer mit Leib und Seele alles", sagt Rangnick. Spätestens ab dem Sommer aber nicht mehr für Hoffenheim, sondern für den FC Bayern.

Brasilien, Hoffenheim, Bayern: Luiz Gustavo im Steckbrief

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