Borusse zu verschenken

Von Jochen Tittmar
Donnerstag, 25.11.2010 | 10:22 Uhr
Borussia Dortmunds Florian Kringe (l.) absolviert derzeit die Reha in Köln
© Imago
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Florian Kringe spielt abgesehen von zwei kurzen Unterbrechungen seit 1994 bei Borussia Dortmund. Zwei aufeinanderfolgende Mittelfußbrüche sorgten jedoch dafür, dass der Hoffnungsträger von einst aufs Abstellgleis geriet.

Die Woche zwischen dem 30. März und 7. April 2007 wird Florian Kringe so schnell nicht vergessen. Borussia Dortmund fällt nach einer 0:1-Niederlage am 27. Spieltag in Bielefeld erstmals auf einen Abstiegsplatz und hat Probleme an allen Ecken und Enden. Eine Woche später steht in Aachen ein richtungsweisendes Spiel an.

Trainer Thomas Doll überrascht mit der Maßnahme, Kringe aus disziplinarischen Gründen zu suspendieren. Dabei ist Kringe einer der wenigen Borussen, die konstant ansprechende Leistungen abrufen. Wenn ein Trainer in einer solchen Phase "freiwillig" und für die Öffentlichkeit überraschend auf einen solchen Spieler verzichtet, muss etwas Schwerwiegendes vorgefallen sein.

Wenig später kommt das Gerücht auf, dass es sich Kringe in der Mittagspause mit nacktem Oberkörper und einem Buch in der prallen Sonne gemütlich gemacht habe. Schlechte Spielvorbereitung lautet Dolls Vorwurf.

"Eine Geschichte, die niemand gebraucht hätte. Das hat damals kein Mensch verstanden, meine Mannschaftskollegen und ich waren fassungslos. Es war nicht warm und natürlich habe ich nicht mit freiem Oberkörper irgendwo gesessen", erinnert sich Kringe im Gespräch mit SPOX.

Drei Tage nach Kringes Suspendierung fällt Doll auf, dass dieses vermeintliche Zeichen, das er da an seine lethargische Truppe (Sportdirektor Michael Zorc: "Die Mentalität in unserer Mannschaft ist scheiße") gesendet hat, äußerst kontraproduktiv für die Stabilität des Teams ist. Kringe wird begnadigt, steht in Aachen in der Startelf, liefert eine ordentliche Vorstellung ab und freut sich über einen 4:1-Auswärtssieg.

Kringe: "Es geht aufwärts"

Die Borussia hält letztlich souverän die Klasse - und kurz darauf auch Kringe. Der loyale Ur-Dortmunder, abgesehen von zwei (Leih-)Unterbrechungen (Köln und Hertha BSC) seit der C-Jugend im Verein, ist aufgrund seiner Flexibilität und hohen Lauf- und Kampfbereitschaft in den Fokus der Ligagrößen Leverkusen, Bremen und Hamburg gerückt.

So lässt es sich der BVB im November 2007 nicht nehmen, die Vertragsverlängerung des Drei-Tage-Sündenbocks feierlich auf der Mitgliederversammlung zu verkünden. "Du hast demonstriert, dass du ein Borusse bist und Klubs aus der Champions League abgesagt", freute sich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ins Mikrofon. Die Mitglieder des krisengeschüttelten Klubs belohnen Kringes Entscheidung mit den ersten Standing Ovations seit Ewigkeiten.

Wie vor einer Ewigkeit fühlt sich für Kringe derzeit die Erinnerung an die damaligen Jubelstürme an. Momentan schuftet er in der Reha in Köln für sein Comeback. Zwei aufeinanderfolgende Mittelfußbrüche bescherten dem 28-Jährigen eine mehr als einjährige Seuchenzeit. Der Fuß wächst nun endlich vernünftig zusammen, ein Ende der Leidenszeit ist in Sicht. Für Januar peilt Kringe seine Rückkehr ins Mannschaftstraining an: "Es geht aufwärts", sagt er und klingt motiviert. Fehlende Motivation und Identifikation konnte man ihm sowieso nie vorwerfen.

Kringes Vertrag birgt Einsparpotential

Doch die Verletzungsmisere begann ausgerechnet in einer Zeit, in der der BVB auf allen Ebenen eine Umstrukturierung vornahm und Kringes Standing bei Trainer Jürgen Klopp sowieso auf einem absteigenden Ast war. Seine Karriere hat einen ernsthaften Kratzer abbekommen. "Ich habe mich damals nach bestem Gewissen entschieden. Ich trauere dem nicht nach. Dortmund ist mein Verein", sagt Kringe, weiß aber auch, dass er sich dennoch einen neuen Arbeitgeber suchen muss.

Der BVB hat ihm die Freigabe erteilt. Für Kringe ist sportlich wie wirtschaftlich kein Platz mehr. Ein nicht nur verletzungsbedingter Abstieg vom Stammspieler zum Tribünendauergast. "So ist leider das Geschäft. Ich fühle mich dem Verein in besonderer Weise verbunden. Das ist sehr bitter für mich. Es ist wirklich sehr, sehr schade, wenn man andere Wege einschlagen muss", so Kringe. Auch wenn er nicht sauer auf den Verein oder Jürgen Klopp ("Ich habe zu ihm ein gutes, freundschaftliches Verhältnis. Da gibt es nichts zu bemängeln.") ist, ist die Betroffenheit in seiner Stimme glaubhaft.

Der gut dotierte Kontrakt, dessen einstige Ausdehnung bis 2012 als Zeichen eines Aufbruchs in bessere Zeiten zelebriert wurde, schwebt nun wie ein Damoklesschwert über Kringe. Die vielen jungen Kerle, die Dortmund an die Tabellenspitze geführt haben, versprechen sportlich eine größere Rendite. Zudem - und das wird wohl der Hauptgedanke der Vereinsverantwortlichen sein - dürfte das Einsparpotenzial enorm sein, wenn Kringe nicht mehr auf der Gehaltsliste steht.

Spielpraxis bei der zweiten Mannschaft

Doch der ehemals "unkaputtbare" Allrounder, der zehn Jahre lang quasi verletzungsfrei durchgekommen war, hat bis zum Sommer nur wenige Möglichkeiten, sich einem neuen Verein anzubieten.

Sollten nicht plötzlich ein halbes Dutzend BVB-Stammkräfte einen ungeahnten Einbruch erleben, wird auch ein fitter Kringe nur geringe Einsatzchancen haben. Er plant daher, "bis dahin, sicherlich das eine oder andere Spiel bei der zweiten Mannschaft" zu machen und seinen Namen so wieder auf der Fußballlandkarte einzutragen.

Das Problem: Auch wenn man Kringes Vorzüge kennt, besteht für interessierte Vereine dennoch das Risiko, dass er es nicht mehr direkt auf sein ehemaliges Niveau schafft.

Kringe hofft auf Zukunft beim BVB

Kringe ist sich seiner Situation bewusst. Gespräche mit Freunden und Familie, aber auch mit Leidensgenossen in der Reha, helfen ihm, sich hochzuziehen: "Eine stabile Psyche ist in einer solchen Zeit sehr wichtig", weiß Kringe. Entspannter und lockerer sei er geworden, betrachte sein Profidasein wieder mehr als Geschenk.

Wie er sich das kommende Jahr vorstellt? "Im Fußball kann alles so schnell gehen, vielleicht werde ich im Sommer ja wieder beim BVB gebraucht." Man spürt, dass ihm dies am liebsten wäre.

Florian Kringe im Steckbrief

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