Die Gründe für Frankfurts Höhenflug

Bisschen Barca, bisschen Gekas und viel Skibbe

Von Fatih Demireli
Dienstag, 09.11.2010 | 15:00 Uhr
Michael Skibbe trat bei Eintracht Frankfurt 2009 die Nachfolge von Friedhelm Funkel an
© Imago
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Die Tabelle lügt nicht: Eintracht Frankfurt ist nach elf Spieltagen der viertbeste Klub der Bundesliga. Dass der Erfolg kein Produkt des Zufalls ist, belegen die nackten Zahlen. Seit dem 5. Spieltag hat Frankfurt genauso viele Punkte geholt wie Tabellenführer Borussia Dortmund. Der Höhenflug der Hessen ist der Lohn harter Arbeit und guter Organisation. Eine Analyse der Frankfurter Eintracht und derer Erfolgsfaktoren.

Wer dieser Tage an Eintracht Frankfurt denkt, denkt automatisch an Theofanis Gekas und an dessen unglaubliche Torquote. Der Grieche trifft praktisch jedes Spiel, gerne auch doppelt, und führt die Torjägerliste mit elf Treffern mühelos an.

Doch Frankfurts Erfolg nur mit Gekas' Torhunger zu begründen, wäre zu einfach. Trainer Michael Skibbe hat in nicht mal eineinhalb Jahren ein Spielsystem kreiert, dass ansehnlichen Offensivfußball bietet und einen wie Gekas glänzen lässt.

Denn Frankfurt spielt längst nicht mehr den konservativen Mauerfußball, der zeitweise unter Friedhelm Funkel die Zuschauer quälte und wofür sich der Skibbe-Vorgänger am Ende seiner erfolgreichen Amtszeit den Unmut des Umfeldes einhandelte.

"Sie sollen sich trauen, Fußball zu spielen und sich nicht verstecken", predigt Gegenentwurf Skibbe dagegen immer wieder.

Enorm weiterentwickelt

Dabei soll aber alles seine Ordnung haben. Skibbe legt wie schon in Dortmund, Leverkusen oder Istanbul Wert auf Präzision, Passkontrolle und direktes Spiel - ein fester und großer Bestandteil der täglichen Trainingsarbeit des Duos Skibbe/Edwin Boekamp. "Wir haben uns fußballerisch enorm weiterentwickelt", erzählt Marco Russ wie zum Beweis.

Der Verteidiger ist eines der besten Beispiele. Russ, auf den schon Funkel große Stücke hielt, hat unter Skibbe - wie viele andere Eintracht-Profis - die nächste Entwicklungsstufe erreicht.

Einst "nur" ein verlässlicher Abwehr- und Kopfballspieler, ist Russ nun in der Spieleröffnung aus der Defensive heraus ein elementarer Bestandteil des Frankfurter Konstrukts.

Skibbes strikte und alternativlose Vorgabe, den Ball immer sauber aus der Tiefe zu spielen, setzen Russ und Co. in dieser Spielzeit bemerkenswert stark um. "Das wollen wir dem Zuschauer bieten. Bälle wegschlagen kann jeder", sagt Skibbe.

Vergleich mit van Gaal und Barca

Ziellos geschlagen wird so gut wie nie, stattdessen veranstaltet Frankfurt ein intensives und erfolgreiches Passspektakel: 80 Prozent aller Pässe kommen im Durchschnitt an.

Damit steht Frankfurt in der Top 5 der Bundesliga - Spitzenreiter in dieser Wertung ist erwartungsgemäß Bayern München mit knapp 85 Prozent. In Sachen sauberes Pass- und Positionsspiel darf sich Skibbe also durchaus mit dem "Godfather" des Passspiels, Louis van Gaal, messen.

Ums international zu machen, sogar mit dem FC Barcelona, das seit Jahren unter Beweis stellt, wo es auf höchstem Niveau lang geht. Skibbe lehnt den Vergleich mit den Katalanen, die er selbst gerne spielen sieht, nicht ab: "So weit sind wir natürlich nicht, aber große Mannschaften spielen am Boden und so einfach wie möglich."

"Gekas ist sehr, sehr gierig"

Den Lohn der intensiven Arbeit, die in der Abwehr beginnt und im Mittelfeld strukturiert wird, fährt meist Gekas mit seinen Toren ein. Das ohnehin schon ansehnliche Spiel der Frankfurter wird durch die unglaubliche Treffsicherheit des Griechen derzeit vergoldet.

"Er ist sehr, sehr gierig vor dem Tor", sagt Halil Altintop ohne einen Hauch von Neid. Der Türke, vor der Saison noch Gekas-Konkurrent, ist inzwischen Zulieferer auf der linken Seite und fügt sich in Skibbes System. Auch Gekas-Landsmann Ioannis Amanatidis hat sich mit seiner Rolle als Backup mittlerweile abgefunden: "Wenn er immer so trifft, spielt er. Das ist doch normal und richtig."

Gekas ist zwar nach wie vor nicht der Spieler, der sich intensiv am Spiel beteiligt und weite Wege geht, aber wenn es darauf ankommt, sprich Gekas, Ball und Tor Sichtkontakt haben, ist der Grieche on fire.

Der feine Unterschied

"Wer Erfolg haben will, braucht immer einen, der Tore macht", bringt es Maik Franz auf den Punkt. In der Vorsaison fehlte der Eintracht noch ein echter Vollstrecker.

Amanatidis plagte sich mit Verletzungen, Martin Fenin und Ümit Korkmaz ebenfalls, Altintop kam erst zur Winterpause. Der Aufwand, den das Frankfurter Mittelfeld betrieb, verpuffte meist ohne echten Abnehmer.

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Mit Gekas, der für den Schnäppchenpreis von nur einer Million Euro von Bayer Leverkusen verpflichtet wurde, ist dieser nun gefunden.

Die Defensive steht

Doch bei all der Offensivpower, die Frankfurt auszeichnet, wird die Defensive nicht vernachlässigt. Nach Spitzenreiter Dortmund haben die Hessen die beste Abwehr der Bundesliga. Und auch hier ist der Erfolg kein Zufall, wie Marco Russ weiß: "Es ist von Vorteil, dass in der Abwehr bisher fast gar nicht gewechselt wurde."

Sebastian Jung, Maik Franz, Russ und Georgios Tzavellas bilden fast immer die Viererkette. Als der Grieche zwei Mal ausfiel, sprang Benjamin Köhler ein, der die Rolle schon unter Funkel hin und wieder ausführte.

Der verletzungsanfällige Kapitän Chris ist dagegen - wenn fit - im defensiven Mittelfeld eingeplant.

Plötzlich sind Alternativen da

Und nicht nur im Fall Tzavellas verkraftet Frankfurt die Ausfälle, ohne große Qualitätsverluste einzustecken.

Waren einst die Ausfälle von Amanatidis, Chris oder Alex Meier in Frankfurt ein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen, hat Skibbe einen ausgewogenen Kader mit ernsthaften Alternativen zur Verfügung.

Im Sturm hat der Coach die eingangs erwähnten Alternativen Amanatidis und Altintop zur Verfügung, in der Mittelfeldzentrale streiten sich Pirmin Schwegler, Chris, Meier, Köhler und Caio um die Plätze. Patrick Ochs ist auf rechts gesetzt. In der Hinterhand hat der Trainer noch die Rohdiamanten Sonny Kittel und Sebastian Rode (derzeit verletzt).

Skibbe forderte zwar seit seinem Amtsantritt immer wieder qualitative Verstärkungen und geriet dabei sogar in öffentliche Konflikte mit Vorstandschef Heribert Bruchhagen. Doch das Duo, das sich schon seit gemeinsamen Schalker Zeiten kennt, hat nun offenbar einen Nenner gefunden.

"Skibbe musste sich erst an die Verhältnisse bei Eintracht Frankfurt gewöhnen", sagt Bruchhagen heute. Wurden dem Trainer in Leverkusen oder bei Galatasaray beispielsweise fast alle Wünsche erfüllt, stieß der ehrgeizige Trainer in Frankfurt auf finanzielle Grenzen. "Wir bewegen uns im Kaufhaus nicht im Keller, aber im Parterre", zieht Bruchhagen einen treffenden Vergleich.

Momentaufnahme - oder geht da mehr?

Im Keller oder Parterre der Bundesliga wird die Eintracht in dieser Saison wohl eher nicht mehr anzutreffen sein, auch wenn die Verantwortlichen Platz vier derzeit freilich als "Momentaufnahme" abtun.

Dass die SGE-Fans nach dem 3:1 gegen den VfL Wolfsburg vom Europapokal sangen, stört Trainer Skibbe nicht. An Träumereien will er sich jedoch (noch) nicht beteiligen. "Wir wollen weiterhin in jedem Spiel top-konkurrenzfähig sein, dann haben wir den nächsten Entwicklungsschub gemacht", ist Skibbes einzige Zielsetzung.

Ganz linientreu halten sich auch die Spieler zurück. "Wir haben in der Vergangenheit auf den Deckel bekommen. Jetzt sind wir vorsichtiger in unseren Aussagen", sagt ein geläuterter Franz. "Wir sind in einem Strudel, der uns zurzeit nach oben spült", erklärt Russ den Lauf der Hessen ein wenig hölzern.

Wohin die Reise gehen kann, will momentan noch niemand aussprechen. Das Ziel vor der Saison hieß 50 Punkte oder mehr. Als es in den ersten fünf Spielen vier Niederlagen setzte, korrigierten die Frankfurter die Vorgabe nicht. "Auch jetzt gibt es nichts zu korrigieren", hält Ochs den Ball flach.

Offensive gibt es bei der Eintracht 2010 eben nur auf dem Platz.

Der Frankfurter Kader im Überblick

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