Fussball

Nachtweih: "Ich wollte in die beste Liga der Welt"

Von Interview: Haruka Gruber
Norbert Nachtweih (r.) bestritt insgesamt 325 Bundesliga-Spiele
© Imago

Fingierte Unfälle, Bespitzelung und sogar Mord: 20 Jahre nach der Wiedervereinigung spricht Norbert Nachtweih (53), ehemals Star von Eintracht Frankfurt und Bayern München, über die Stasi, seine abenteuerliche Flucht und das Leben zwischen Informanten.

SPOX: Sie haben sich gemeinsam mit Torwart Jürgen Pahl 1976 aus der DDR in die Bundesrepublik abgesetzt. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Was denken Sie über Ihre Flucht?

Norbert Nachtweih: Dass ich einiges zu locker gesehen habe. Die eigentliche Flucht war im Grunde nur Zufall, aber wie die Stasi mein Leben daraufhin überwachte, habe ich mir damals nicht ansatzweise vorstellen können.

SPOX: Anders als etwa Lutz Eigendorf haben Sie in der Öffentlichkeit fast nie über die DDR gesprochen. Aus Angst?

Nachtweih: Wir wollten bewusst nicht politisieren und so gut es geht nicht die Aufmerksamkeit der Stasi auf uns lenken. Uns kam es schon damals sinnvoll vor, unter dem Radar zu bleiben und auf Provokationen zu verzichten. Lutz hat es genau andersherum gemacht, seine Geschichte an die Medien verkauft und alles ausgeplaudert, obwohl er Frau und Kind zuhause gelassen hat. Das war eine Provokation.

SPOX: 1983 starb Eigendorf bei einem mysteriösen Autounfall...

Nachtweih: ... der zu 99 Prozent von der Stasi fingiert war. Bei der Obduktion kam heraus, dass Lutz über zwei Promille im Blut hatte, und ich wusste, dass er gerne einen trank, daher schien mir ein selbstverschuldeter Unfall nicht unmöglich. Wäre nicht der ehemalige Olympia-Silbermedaillengewinner im Diskuswurf, Wolfgang Schmidt, gewesen, der bei seinem ersten Fluchtversuch aus der DDR geschnappt wurde und mich nur einige Tage vor Lutz' Tord gewarnt hatte, dass etwas passieren wird. Die Stasi hat Lutz umgebracht.

SPOX: Sie machten sich aber keine Sorgen?

Nachtweih: Als ich in den Westen kam, war ich 19 Jahre alt. Da hat man sich keine Gedanken darüber gemacht, welche Folgen das eigene Handeln hat und ob vielleicht die Eltern oder die Geschwister unter der Flucht zu leiden haben oder ob ich selbst in Gefahr bin. Erstmals kam ich nach Lutz' Unfall ins Grübeln und habe mich an einen Schreckmoment erinnert. Es war 1977 oder 1978, ich war mit dem Auto auf dem Rückweg von einem Spiel in Kaiserslautern, als ich in der Frankfurter Innenstadt plötzlich nicht mehr bremsen konnte. Die Bremsflüssigkeit war komplett weg und ich hatte Glück, dass ich nicht so schnell fuhr und die Handbremse ziehen konnte.

SPOX: Haben Sie nicht geahnt, dass Sie im Visier der Stasi waren?

Nachtweih: Erst in den 80er Jahren, als ich von Frankfurt zu den Bayern gewechselt war, kam zufällig heraus, dass ich seit Jahren ständig unter Beobachtung stand. Ein Stasi-Agent wurde enttarnt und in seinen Unterlagen stand auch mein Name. Ich selbst hatte von der Observierung jedoch nichts bemerkt.

SPOX: Sind Sie nach der Wende zur Gauck-Behörde gegangen, um sich die eigenen Akten anzusehen?

Nachtweih: Jürgen Pahl hat es gemacht und war erschüttert. Für ihn wurde ein 15 Zentimeter dicker Aktenordner angelegt, in denen alles stand. Telefonnummer, Autokennzeichen, der Name der Freundin, bevorzugte Restaurants - und was wohl am schlimmsten war: Der Name der Menschen aus dem Bekanntenkreis, die der Stasi etwas verraten haben. Im Grunde war es nicht so schlimm, weil wir nichts zu verbergen und die Informanten nur Belangloses weitergegeben hatten. Ich wollte mir aber die persönliche Enttäuschung sparen und nicht die Namen lesen, die über mich gesprochen haben. Deswegen zog ich für mich einen Schlussstrich und sah nicht in die Akten ein.

SPOX: Stehen Sie auch heute noch mit Pahl in Kontakt? Zuletzt war nur bekannt, dass er nach Paraguay ausgewandert ist, um dort als Obstbauer zu arbeiten.

Nachtweih: Natürlich, wir sind weiterhin Freunde. Er ist seit vier Monaten wieder zurück und will sich in Deutschland niederlassen.

SPOX: Waren Sie bereits vor der Flucht miteinander befreundet?

Nachtweih: Wir waren eine Gruppe von drei Spielern aus Halle, die in der U-21-Mannschaft der DDR standen. Jürgen, ich und Burkhard Pingel. Burkhard war eigentlich mein bester Freund, fast schon wie ein Bruder. Wir zwei haben alles miteinander unternommen. Es wurde auch in der Kabine mit anderen darüber getratscht, wie es wäre, in der Bundesliga zu spielen, aber weil man wusste, dass es unter den Mitspielern Informanten gab, taten wir so, als ob es nur Spinnereien sind.

Teil II: Wie verlief genau die Flucht ab? Warum war Jörg Berger ein Egoist?

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