Gündogan und die SMS-Flatrate-Freundschaft

Von Interview: Benny Semmler
Mittwoch, 22.09.2010 | 11:16 Uhr
Die SMS-Flatrate-Freundschaft: Ilkay Gündogan (l.) mit Mehmet Ekici
© Getty
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Ilkay Gündogan ist beim 1. FC Nürnberg zum unverzichtbaren Stammspieler aufgestiegen. Der Club holte das Mittelfeld-Juwel 2009 für schlappe 50.000 Euro aus dem Nachwuchs des VfL Bochum. Mit SPOX spricht der 19-Jährige vor dem Spiel gegen Stuttgart (19.45 Uhr im LIVE-TICKER) über den Tanz auf zwei Hochzeiten, seine Länderspielzukunft und eine innige SMS-Liaison mit seinem Ex-Mitbewohner.

SPOX: Ilkay Gündogan, Ihre junge Fußballkarriere läuft nahezu perfekt. Mit 19 Stammspieler in der Bundesliga und die großen Klubs haben Sie auf dem Zettel. Sportlich könnte es also kaum besser aussehen. Wie schaut es in der Schule aus? Sie arbeiten gerade auf das Abitur zu.

Ilkay Gündogan: Ich bin im Soll und das Ziel ist eine Zwei vor dem Komma. Irgendwas mit 2,8, 2,9 wäre perfekt - so oft bin ich ja auch nicht in der Schule. Aber am Ende ist natürlich wichtig, dass ich das Abitur überhaupt schaffe.

SPOX: Wie läuft das überhaupt, Schule und Bundesliga?

Gündogan: Wenn wir morgens um zehn Uhr trainieren, bin ich davor noch in der Schule. So von 7.30 Uhr bis 9.30 Uhr. Und je nachdem, wie wir trainieren, fahre ich zwischen den Einheiten noch mal zurück und mache noch mal zwei, drei Stunden mit.

SPOX: Offenbar kriegen Sie die Doppelbelastung gut hin?

Gündogan: Na ja, es ist manchmal wirklich hart. Aber der Verein und die Schule stimmen sich super ab. Deswegen läuft es eigentlich auch ganz gut.

SPOX: Und welches Fach geht so gar nicht?

Gündogan: Physik. Zweieinhalb Jahre musste ich mich da ganz schön quälen. Deswegen habe ich Physik jetzt auch abgewählt.

SPOX: Wer Sie auf dem Platz beobachtet, kann kaum glauben, dass da ein 19-Jähriger steht. Sie geben dauernd Anweisungen und zeigen selbst einem Raphael Schäfer, wohin er den Ball zu spielen hat.

Gündogan: Das ist der Trend. Immer mehr junge Spieler sollen und wollen Verantwortung übernehmen. Diese Art der Spielführung wird beim DFB schon sehr zeitig vermittelt. Und ich habe jetzt ein halbes Jahr Bundesliga-Erfahrung und will mich natürlich auch in dem Punkt weiterentwickeln. Ich will Verantwortung übernehmen.

SPOX: Haben Sie im letzten halben Jahr den größten Sprung in Ihrer Entwicklung gemacht?

Gündogan: Ich denke schon. Nach der Anlaufphase in der Hinrunde der letzten Saison ist es mir immer besser gelungen, auf dem Niveau in der Bundesliga zu spielen. Mit jeder Partie merke ich, dass es klappt, was ich da mache. Das ist ein gutes Gefühl. Und daraus resultiert natürlich auch, dass ich mich traue, auf dem Platz Dinge anzusprechen.

SPOX: Die Frage, für welche Nationalmannschaft Sie spielen wollen, könnte demnächst anstehen. Türkei oder Deutschland - gibt es schon einen Zwischenstand?

Gündogan: Ich denke, das Thema hat noch Zeit.

SPOX: Sie geben auch türkischen Fernsehsender Interviews. Da gibt es offenbar ein aktuelles Interesse.

Gündogan: Das hat mich ehrlich gesagt auch verwundert. Aber ich habe eigentlich immer gesagt, dass ich mich für Deutschland entschieden habe.

SPOX: Wie lautet Ihre Begründung?

Gündogan: Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Mein Umfeld ist deutsch, ich spreche die Sprache und fühle mich als Deutscher. Ich denke auch, dass meine Charakterzüge auf und neben dem Platz eher deutsch als türkisch sind. Meine Charakterzüge und meine Einstellung entsprechen denen der deutschen Mentalität.

SPOX: Der türkische Fußballverband wird also auf Sie verzichten müssen?

Gündogan: Die Wertschätzung und die Perspektive, die mir der DFB entgegenbringt und aufzeigt, stimmt mit meinen Gedanken total überein. Solange sich daran nichts ändert, bleibt es bei meiner Entscheidung.

SPOX: Stimmt es, dass Sie zu Mehmet Ekici eine ganz besondere Beziehung pflegen?

Gündogan: Als er von den Bayern neu zu uns gekommen ist, haben wir für drei Wochen zusammen gewohnt. Wir hatten viel Spaß in der Zeit. Aber jetzt hat er ja seine eigene Bleibe und ab und zu vermisse ich ihn sogar ein bisschen.

SPOX: Schreiben Sie ihm vor dem Einschlafen eine SMS?

Gündogan: Ganz so weit geht es nicht. (lacht) Aber wir texten tatsächlich viel und haben uns nun auch einen speziellen Tarif zugelegt. Jetzt können wir umsonst miteinander simsen.

SPOX: Wenn man als Fußballer in der Bundesliga angekommen ist - hat man dann noch Vorbilder?

Gündogan: Es gibt immer Spielertypen, an denen man sich orientiert. Nur kopieren kannst du natürlich keinen. Das wäre ja auch Quatsch. Aber ganz klar, Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil und Thomas Müller sind  nicht viel älter als ich, dafür spielen sie schon bei großen Vereinen und sind Nationalspieler. An denen kann man sich natürlich orientieren - mehr aber auch nicht.

SPOX: Wie lange werden Sie in Nürnberg bleiben? Hoffenheim, Leverkusen und Hamburger sollen bereits ein ernsthaftes Interesse signalisiert haben. Von sieben Millionen Euro war die Rede.

Gündogan: Diese Summe hat mich auch verwundert.

SPOX: Was geht Ihnen denn bei solchen Offerten durch den Kopf?

Gündogan: Man ist natürlich stolz. Aber das ganze Gerede bringt mir am Wochenende auf dem Platz rein gar nichts. Ich muss jetzt einfach weiter meine Leistung bringen und mich auf den Club konzentrieren. Gelingt mir das, stehen mir alle Türen offen.

Ilkay Gündogan im Steckbrief

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