Freitag, 24.09.2010

Trochowski, Guerrero oder Petric?

HSV: Die drei Fragezeichen

Vor dem Nordderby gegen Werder Bremen sucht der Hamburger SV noch immer nach der Optimalbesetzung im zentralen Mittelfeld. Piotr Trochowski erklärt die taktische Evolution auf seiner Position: Die Zeiten des klassischen Spielmachers sind vorbei.

Piotr Trochowski (M.) erzielte in 35 Länderspielen für Deutschland zwei Treffer
© Getty
Piotr Trochowski (M.) erzielte in 35 Länderspielen für Deutschland zwei Treffer

Die Frage brannte auf den Nägeln. Einem Zuschauer ganz besonders. Also flitzte er in der Nachspielzeit aufs Spielfeld, rannte zu Heiko Westermann in den Mittelkreis und hob fassungslos die Arme: Wie kann der HSV nur dieses Spiel gegen Wolfsburg verlieren? Westermann hatte auch keine Antwort.

70 Prozent Ballbesitz, 67 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 15:1 Ecken, 18:8 Torschüsse und unglaubliche 51:7 Flanken. Alle statistischen Werte wiesen Hamburg als klaren Sieger aus, nur das Ergebnis sprach für die Gäste.

Nachdem sich der HSV nach zuletzt zwei drögen Unentschieden gegen Nürnberg und St. Pauli das Etikett "Beamtenfußball" eingehandelt hatte, präsentierte sich die Mannschaft von Trainer Armin Veh gegen Wolfsburg mit viel Spielfreude und noch mehr Herz.

"Beste erste Hälfte der bisherigen Saison"

Nur war die "beste erste Hälfte der bisherigen Saison" (Veh) am Ende umsonst: Westermann scheiterte am Pfosten, Mladen Petric am Torhüter und Jonathan Pitroipa wie so oft an Jonathan Pitroipa. Und so verlor der HSV erst die Geduld, dann die Ordnung, schließlich Kraft und Konzentration - und am Ende, nach zwei gandenlosen Kontern, eben auch das Spiel. Die erste Saisonniederlage.

Mit acht Punkten aus fünf Partien liegt Hamburg nun auf Platz sechs, vor den vermeintlichen Konkurrenten aus Wolfsburg, Stuttgart, Leverkusen, Schalke oder Bremen, die den schwierigen WM-Sommer allesamt noch schlechter verkraftet haben. Dank zweier Siege gleich zum Auftakt liegt der HSV im Moment sogar noch vor den Bayern - und trotzdem ist ein Teil der Anhänger bis auf Weiteres mit Mannschaft und Trainer wieder per Sie.

Dass vor allem die Außenverteidiger immer wieder mit den Händen in den Hosentaschen verteidigen, nimmt man in Hamburg mittlerweile dabei fast schon routiniert zur Kenntnis; auch Vehs Suche nach der richtigen Balance "zwischen Disziplin und Leidenschaft" hat noch Kredit. Die Skepsis richtet sich vielmehr gegen das Spielsystem.

Hamburg sucht den Zehner

Der Trainer hat sich auf ein 4-2-3-1 festgelegt. Ruud van Nistelrooy ist als einzige Spitze gesetzt, auf der Position direkt dahinter stehen bislang aber nur drei Fragezeichen. Paolo Guerrero, Piotr Trochowski und Petric haben sich abwechselnd als Zehner versucht, alle drei mehr oder weniger erfolglos.

"Wir haben für diesen Bereich zwar sehr gute Spieler, aber sicher noch keine feste Ordnung", sagt Trochowski, der gegen Wolfsburg erst in der 75. Minute eingewechselt wurde, im Gespräch mit SPOX.

Er selbst sei, laut Veh, "prädestiniert für die Rolle", habe aber noch taktische Defizite. Trochowski komme zu sehr aus der Tiefe, der Abstand zwischen ihm und van Nistelrooy sei mithin zu groß.

MySPOX-Analyse: HSV vor Bremen

Der Derby-Spieltag - Die besten Bilder
Beide Hamburger Vereine pflegen seit über 90 Jahren eine innige Rivalität. In insgesamt 129 Partien konnte sich der FC St. Pauli jedoch nur 23 mal gegen den HSV durchsetzen
© Getty
1/16
Beide Hamburger Vereine pflegen seit über 90 Jahren eine innige Rivalität. In insgesamt 129 Partien konnte sich der FC St. Pauli jedoch nur 23 mal gegen den HSV durchsetzen
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund.html
Zwei Rivalen friedlich an einem Tisch: Bernd Hollerbach (l.) und Holger Stanislawski spielten übrigens früher für den jeweils anderen Verein
© Getty
2/16
Zwei Rivalen friedlich an einem Tisch: Bernd Hollerbach (l.) und Holger Stanislawski spielten übrigens früher für den jeweils anderen Verein
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=2.html
Das erste Aufeinandertreffen im DFB-Pokal: 1986 standen sich der HSV und St. Pauli im Achtelfinale gegenüber. Die Rothosen siegten mit 6:0
© Getty
3/16
Das erste Aufeinandertreffen im DFB-Pokal: 1986 standen sich der HSV und St. Pauli im Achtelfinale gegenüber. Die Rothosen siegten mit 6:0
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=3.html
Das Stadtderby 1996: Schiedsrichter Hartmut Strampe zeigt dem HSV-Spieler Stefan Schnoor die Rote Karte nach einem groben Foul
© Getty
4/16
Das Stadtderby 1996: Schiedsrichter Hartmut Strampe zeigt dem HSV-Spieler Stefan Schnoor die Rote Karte nach einem groben Foul
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=4.html
In der Saison 02/03 kam es bisher zu den letzten Aufeinandertreffen. Im Hinspiel siegte der HSV nach einem furiosen Spiel mit 4:3
© Getty
5/16
In der Saison 02/03 kam es bisher zu den letzten Aufeinandertreffen. Im Hinspiel siegte der HSV nach einem furiosen Spiel mit 4:3
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=5.html
Das Rückspiel war weniger knapp. Nach einem verschossenen Elfmeter von St. Paulis Thomas Meggle beim Stand von 0:0 siegte der HSV am Ende mit 4:0
© Getty
6/16
Das Rückspiel war weniger knapp. Nach einem verschossenen Elfmeter von St. Paulis Thomas Meggle beim Stand von 0:0 siegte der HSV am Ende mit 4:0
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=6.html
Holger "Stani" Stanislawski kann es nicht fassen. Bei der 0:4-Klatsche im Jahr 2002 stand er als Aktiver noch selbst auf dem Platz
© Getty
7/16
Holger "Stani" Stanislawski kann es nicht fassen. Bei der 0:4-Klatsche im Jahr 2002 stand er als Aktiver noch selbst auf dem Platz
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=7.html
Auch der heutige Co-Trainer des FC St. Pauli war 2002 noch mittendrin: Andre Trulsen (M.) war lange Zeit der Partner von Holger Stanislawski in der Innenverteidigung
© Getty
8/16
Auch der heutige Co-Trainer des FC St. Pauli war 2002 noch mittendrin: Andre Trulsen (M.) war lange Zeit der Partner von Holger Stanislawski in der Innenverteidigung
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=8.html
Die Mutter aller Derbys: Diese Paarung verspricht, immer brisant zu werden
© Getty
9/16
Die Mutter aller Derbys: Diese Paarung verspricht, immer brisant zu werden
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=9.html
1970: Klaus Fischer (l.) und Branco Rasovic im Kopfballduell
© Imago
10/16
1970: Klaus Fischer (l.) und Branco Rasovic im Kopfballduell
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=10.html
"Niemand kommt an Gott vorbei ...außer Stan Libuda." Die Schalker Legende spielte auch für den BVB
© Imago
11/16
"Niemand kommt an Gott vorbei ...außer Stan Libuda." Die Schalker Legende spielte auch für den BVB
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=11.html
Saison 2000/01: Torschütze Ebbe Sand (M.) gegen Miroslav Stevic und Jürgen Kohler (r.) beim legendären 4:0-Erfolg der Knappen im Westfalenstadion
© Imago
12/16
Saison 2000/01: Torschütze Ebbe Sand (M.) gegen Miroslav Stevic und Jürgen Kohler (r.) beim legendären 4:0-Erfolg der Knappen im Westfalenstadion
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=12.html
Auch das gab es: Spieler, die für beide Vereine spielten. Andy Möller wechselte 2000 von Dortmund zu Schalke
© Getty
13/16
Auch das gab es: Spieler, die für beide Vereine spielten. Andy Möller wechselte 2000 von Dortmund zu Schalke
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=13.html
Und er war kein Einzelfall: Auch Jens Lehmann wechselte die Seiten. UEFA-Cup-Triumph 1997 mit Schalke, dann deutscher Meister 2002 mit dem BVB
© Getty
14/16
Und er war kein Einzelfall: Auch Jens Lehmann wechselte die Seiten. UEFA-Cup-Triumph 1997 mit Schalke, dann deutscher Meister 2002 mit dem BVB
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=14.html
Beim Derby im August 2007 kochten die Emotionen über: Roman Weidenfeller (r.) beleidigte Gerald Asamoah
© Imago
15/16
Beim Derby im August 2007 kochten die Emotionen über: Roman Weidenfeller (r.) beleidigte Gerald Asamoah
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=15.html
Wenn Fußball und Rivalität zur Nebensache werden. S04 und BVB vier Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001
© Getty
16/16
Wenn Fußball und Rivalität zur Nebensache werden. S04 und BVB vier Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001
/de/sport/diashows/1009/Fussball/bundesliga/derbyspieltag/4-spieltag-derby-stadtderby-fc-st-pauli-hamburger-sv-hsv-revierderby-fc-schalke-04-borussia-dortmund,seite=16.html
 

Müller und Özil setzen Maßstäbe

Im 4-2-3-1-System, für das in Deutschland zuletzt Louis van Gaal, Thomas Schaaf und Joachim Löw die Maßstäbe setzten, ist der zentrale Mittelfeldspieler kein klassischer Spielmacher mehr. Die Prototypen wie Thomas Müller und Mesut Özil sind eher hängende Stürmer, die entweder "zwischen den Linien" als Anspielstation für Tempo und Überraschung sorgen oder in plötzlichen Rhythmuswechseln selbst den Weg in den Strafraum suchen.

"Das komplette Spiel ist heute viel dynamischer und enger als früher, die Mannschaften verteidigen viel höher und lassen kaum Räume im Mittelfeld", beschreibt Trochowski die Entwicklung: "Die Position des Spielmachers gibt es also im Grunde nicht mehr, die Zeiten sind vorbei. Nun übernehmen meistens die Sechser die Aufgaben des früheren Zehners, sie lenken von hinten das Spiel, diktieren das Tempo und sind für die Gestaltung verantwortlich."

Tatsächlich hatten Hamburgs Sechser Ze Roberto und David Jarolim gegen Wolfsburg 95 bzw. 75 Ballkontakte. Petric, der die "10" auch auf dem Trikot trug, dagegen nur 35. Der Wert ist nicht ungewöhnlich, auch Müller bei den Bayern oder Özil in der Nationalmannschaft haben in der Regel nur halb so viele Ballberührungen wie Bastian Schweinsteiger.

Trochowski: "Wir haben viele Optionen"

Entscheidend ist nicht die Zahl der Ballkontakte sondern deren Qualität, das Spiel effektiv in die gefährliche Zone zu tragen. Und daran hakt es noch beim HSV. Trochowski schleppt häufig die Bälle und hatte gegen Nürnberg (sein bislang einziger Auftritt in der Startelf) mit sich selbst und einem klassischen Manndecker zu kämpfen. Guerrero fehlen Selbstvertrauen und Präsenz, um den Rhythmus anzuziehen. Und Petric klebte am Mittwoch zu sehr im Zentrum und spielte häufig mit dem Rücken zum Tor.

Trochowski bleibt trotzdem optimistisch: "Ich sehe das nicht als unsre Problemzone. Wir haben noch nicht die richtige Ordnung, aber drei sehr gute Spieler auf dieser Position. Man kann es auch positiv sehen: Wir haben viele Optionen."

Im Nordderby am Samstag gegen Bremen geht Vehs Suche nach der richtigen Option in die nächste Runde. Das zuletzt dramaturgisch aufgeladene Prestigeduell gilt nicht nur atmosphärisch als richtungweisend - freilich auch für Werder.

Es kriselt bei Werder

Der Nordrivale ist noch deutlich schlechter aus der Sommerpause gekommen als der HSV. So schlecht sogar, dass Trainer Schaaf und Manager Klaus Allofs ihr altes "Good Cop, Bad Cop"-Spiel plötzlich aufgegeben haben und nun beide, im Verbund mit Kapitän Torsten Frings, die Mannschaft öffentlich für ihre Berufsauffassung kritisieren.

Neben den Verletzungen der Schlüsselspieler Naldo, Per Mertesacker und Claudio Pizarro plagten Bremen dazu durchaus einige vergleichbare Probleme: Zerstückelte Vorbereitung, taktische Schwächen der Außenverteidiger und - nach Özils Wechsel nach Madrid - ein Loch im zentralen Mittelfeld. Immerhin kehren Mertesacker und Pizarro im Derby ins Team zurück.

Auch Schaaf hat mit Aaron Hunt, Marko Marin und mit Abstrichen auch Wesley schon drei Spieler im Zentrum ausprobiert - und noch keine passende Lösung gefunden.

Anders als Veh bastelt Schaaf auch immer wieder am System und wechselt zwischen Varianten mit einem oder zwei Stürmern. Paradox genug: In Deutschlands größter Brutstätte für Zehner gibt es derzeit einen erheblichen Mangel auf der Spielmacher-Position.

Vielleicht ja ein Trostpflaster für die unruhigen HSV-Flitzer.

Hamburger SV im Steckbrief

Stefan Moser

Diskutieren Drucken Startseite
14. Spieltag
15. Spieltag

Bundesliga, 14. Spieltag

Bundesliga, 15. Spieltag

Die Bundesliga in Zahlen - Alle Opta-Daten zur Saison 2015/2016
Trend

Mats Hummels wechselt vom BVB zum FC Bayern. Richtige Entscheidung?

Ja
Nein

www.performgroup.com

Copyright © 2016 SPOX. Alle Rechte vorbehalten.