Donnerstag, 09.09.2010

Identitätskrise in Hamburg?

Heute im Angebot: Die HSV-Seele

Mit seinem neuen Investoren-Modell hat der Hamburger SV den Warencharakter im Profifußball offengelegt. Pfiffige Realpolitik oder ein Pakt mit dem Teufel? Der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann muss sich rechtfertigen.

Ein Bild von der letzten Mitgliederversammlung: Die Ergebnis-Entwicklung des HSV
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Ein Bild von der letzten Mitgliederversammlung: Die Ergebnis-Entwicklung des HSV

Das Thema des Vortrags lautete: Standardsituationen. Zuletzt ein wunder Punkt beim Hamburger SV. Also erklärte Armin Veh sehr ausführlich, was er gerade in der Trainingseinheit hatte üben lassen: "Ze Roberto schlägt die Ecken sehr gefährlich zur Mitte, und Paolo Guerrero kann den Ball am ersten Pfosten gut verlängern."

Knapp 60 Stunden später schlug Ze Roberto den Ball in Frankfurt tatsächlich gefährlich zur Mitte, Guerrero verlängerte am ersten Pfosten - und Ruud van Nistelrooy machte das Tor. Hamburg hatte das Spiel gedreht.

Eine gefühlte Ewigkeit hatte der HSV bei ruhenden Bällen nur unbeholfen dilettiert - und nun das: Ein Sieg nach Rückstand, trotz durchschnittlicher Leistung, gegen einen taktisch und läuferisch gut eingestellten Gegner, auswärts vor 50.000 Zuschauern, nach zwei einstudierten Eckball-Varianten: die Mutter aller Pflichtsiege!

Armin Veh: Realismus beim HSV

Bernd Hoffmann dürfte zufrieden gewesen sein. Sehr zufrieden sogar. Schließlich hatte er Armin Veh im Sommer ja auch für diesen fußballerischen Realismus auf die Trainerbank geholt.

Die drei Siege aus den ersten drei Pflichtspielen machen summa summarum also nicht nur einen perfekten (und atmosphärisch immens wichtigen) Saisonstart für den HSV und seinen mit großer Skepsis empfangenen Trainer - sondern auch für den Vorstandsvorsitzenden. Denn der smarte und adrette Veh gilt in Hamburg als ein "typischer Hoffmann", und nicht wenige verknüpfen das Schicksal des neuen Trainers mit dem des Klubchefs, dessen Vertrag im Winter 2011 ausläuft.

Während ein Großteil der Fans die schlimme Rückrunde der vergangenen Saison noch mit stiller, aber spürbarer Distanz gegenüber Mannschaft und Trainer quittiert, richtet sich eine offene, teils polemische, Kritik nach wie vor gegen Hoffmann und dessen unverhohlene Realpolitik.

Fan-Kritik: Hoffmann verkauft die HSV-Seele

Und so verbrachte der 47-Jährige die Länderspielpause auch keineswegs damit, sich für die Verpflichtung Armin Vehs auf die Schulter zu klopfen. In mehreren Interviews legte er stattdessen Rechenschaft ab: "Als ich 2003 kam, war unser sportliches Aushängeschild Hermann Rieger, der Masseur. Heute reden wir über ein Team mit Ze Roberto, van Nistelrooy, Elia, Petric und derzeit vier deutschen Nationalspielern. Europäisch sind wir mittlerweile Fünfzehnter, sportlich wie wirtschaftlich, wenn man die Umsatzzahlen nimmt", sagte Hoffmann etwa der "Süddeutschen Zeitung".

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Tatsächlich sind gerade die kaufmännischen und marketingstrategischen Erfolge selbst unter seinen Kritikern weitgehend unbestritten - der Vorwurf lautet vielmehr: Er habe dafür mit dem Teufel paktiert.

Hoffmann mache lukrative Geschäfte mit den seelenfressenden Scheichs von Manchester City, das Stadiondach werde aktuell schon mit dem dritten Sponsorenschriftzug zum Mahnmal des Kommerz' ausstaffiert, mit Klaus-Michael Kühne holte sich der HSV als erste Bundesligamannschaft einen Milliardär als externen Investor für Spielertransfers ins Boot.

Hoffmann: "Das ist kein Teufelswerk"

"Das Investoren-Modell ist kein Teufelswerk", betont Hoffmann immer wieder: "Für die Bedürfnisse des HSV und die Finanzierungsmöglichkeiten des HSV ist es ein pfiffiges Konzept, um eine Saison ohne Europacup-Einnahmen ohne sportlichen Substanzverlust zu überstehen."

Die Vereinbarung besagt, dass Kühne dem HSV 12,5 Millionen Euro für Spielereinkäufe zur Verfügung stellt. Dafür erhielt der Wahlschweizer jeweils 33 Prozent Anteile an den Transferrechten von Marcell Jansen, Paolo Guerrero, Heiko Westermann, Dennis Aogo, Dennis Diekmeier und Lennard Sowah. Nur wenn diese Spieler verkauft werden, fließt die Rendite an Kühne.

Die Kritik der HSV-Mitglieder an dieser neuen Form des Spielerhandels über einen privaten Investor nehme er durchaus ernst, versichert Hoffmann: "Ich nehme aber auch ernst, dass die Anhänger von uns erwarten, dass wir im sportlichen Wettbewerb mit dem FC Bayern, Bremen oder Wolfsburg bestehen."

Ein nachvollziehbares Argument. Und obwohl die Zweifler unerfreulich früh bestätigt wurden, als Kühne die Transferaktivitäten der Hamburger kritisch kommentierte und den Zugängen Heiko Westermann und Gojko Kacar öffentlich die erhoffte Klasse absprach, hat Hoffmanns "pfiffiges Konzept" ligaweit in der Tat auch seine Befürworter gefunden. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis weitere Klubs dem Beispiel folgen.

Denn der reale Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Kraft und sportlicher Wettbewerbsfähigkeit ist den Akteuren in München, Bremen, Wolfsburg oder Frankfurt nicht weniger bewusst als in Hamburg. Der HSV allerdings hat, wie keine andere Mannschaft in Deutschland bisher, den Warencharakter von Fußballprofis offengelegt, indem er ein Modell verabschiedet hat, dass ausdrücklich auf dem Kauf und Verkauf von Spielern basiert.

Identitätskrise im modernen Fußball

Die schleichende Identitätskrise, die den klassischen Vereinsfußball schon seit Jahren in die Enge treibt, indem sie ihn als "nicht mehr zeitgemäß" und "ohne Aussicht auf Erfolg" beschreibt, hat damit in der Bundesliga ein weiteres, plakatives Etikett. Und wie sehr auch Hamburg sich nach einer Identifikationsfigur sehnt, zeigten zuletzt immerhin die wütenden Reaktionen auf den Wechsel von Rafael van der Vaart nach Tottenham. Der kleine Engel wäre kurzfristig zu haben gewesen. Auch das findet sich also bisweilen auf dem Transfermarkt: Eine echte Vereinsseele. Aber leider zu teuer.

Der Niederländer war im Grunde der letzte, den vor allem die jüngeren HSV-Fans als "den ihren" feierten. Ein vergleichbarer "Volksheld" fehlt (noch) in der aktuellen Mannschaft. Im selbsterzeugten Kaufmannsklima können die Verantwortlichen auch kaum glaubwürdig romantisch argumentieren und an Vereinstreue und Identifikation appellieren. Wenn Spieler wie Mladen Petric oder Piotr Trochowski aktuell als Ich-AG auftreten und öffentlich die eigene Aktie pushen, scheint das nur legitim und folgerichtig.

Grundsatzdiskussion im modernen Fußball

Allerdings ist der komplexe Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Notwendigkeiten, sportlichem Erfolg sowie der emotionalen Bindung von Spielern und Fans wohl insgesamt eines der großen Grundsatzthemen im modernen Profifußball. Nicht nur Bernd Hoffmann muss sich daran abarbeiten.

Wie eng die Bereiche tatsächlich ineinander verzahnt sind, musste der HSV-Boss allerdings erst vor wenigen Monaten erfahren. Als sich eine vermeintlich seelenlose Mannschaft in ihr Schicksal ergab, die Europacupteilnahme verspielte - und dadurch das "Teufelswerk" letzten Endes erst notwendig machte.

 

Kader, Fakten, News: Der Hamburger SV im Steckbrief

Stefan Moser

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