Schalke 04: Projekt am Scheidweg

Felix Magath: Zurück auf Los?

Von Stefan Rommel
Montag, 20.09.2010 | 19:02 Uhr
Felix Magath ist seit 2009 auf Schalke tätig und holte letztes Jahr die Vizemeisterschaft
© Getty
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Nach dem schlechtesten Saisonstart aller Zeiten werden Felix Magaths Fehler offenkundig. Der Trainer ist ratlos, der Klub droht erneut die Nähe zu seinen Fans zu verlieren. Das Projekt Schalke 04 steht am Scheideweg.

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr hat Felix Magath den eigentlichen Grundstein für den Aufschwung beim FC Schalke gelegt.

Am 18. September 2009 eilte der damals noch relativ neue Trainer der Königsblauen nach dem Spiel gegen den VfL Wolfsburg in die Kurve. Seine Mannschaft hatte gerade mit 1:2 verloren, das Publikum war aber trotzdem barmherzig und stolz auf seine Truppe. Und auf seinen Trainer.

Am diesem Freitagabend hatte Magath die Fans gewonnen und damit einen der wichtigsten Bausteine im umtriebigen und brodelnden Mikrokosmos auf Schalke zurückerobert, den sein Vorgänger Fred Rutten im Laufe seiner unglücklichen Amtszeit völlig verloren hatte.

Widerstand gegen Magath

Ein Jahr und einen Tag später wurden in der Arena Illusionen begraben. Im Internet formiert sich ein Widerstand, der größer werden dürfte als die "kleine Gruppe", die schon zu Saisonbeginn gegen den Oligarchen Magath gewettert hatte.

Von der Zuneigung für eine Mannschaft mit all ihren Macken, den lieb gewonnenen deutschen Talenten und Stammspielern Moritz, Schmitz oder Matip und den sehr geschätzten Bordon, Westermann und am Ende sogar Kuranyi ist nicht mehr viel geblieben. Die Identifikation mit der neuen, ungewohnten Mannschaft ist gestört.

Im Gegenteil: Stark frequentierte Fan-Foren sind aus Protest gegen die Leistung der Mannschaft und Magaths Alleingänge bis auf weiteres geschlossen.

Das Team, der Trainer, der Verein mit seiner "neuen" Philosophie sind entrückt von dem, was der FC Schalke 04 so dringend braucht wie kaum ein anderer Verein in Deutschland: Der Nähe zu seinen Fans.

Letzter nach vier Spieltagen

Natürlich verleiten die Nachwehen des entsetzlichen 1:3 im Derby gegen den BVB zu Übersprungshandlungen und natürlich sind nicht alle Teile der Fangemeinde am Boden zerstört. Die Tendenz ist aber klar erkennbar und sie ist für den Verein und seine Macher mindestens ein so schrilles Alarmsignal wie null Punkte und Tabellenplatz 18 nach vier Spieltagen.

Ende März und Anfang April, als alles noch in bester Ordnung war, nahm die Malaise ihren Lauf. Schalke verlor innerhalb weniger Tage zwei wichtige Spiele gegen den FC Bayern.

In Magath reifte damals die Gewissheit, dass es mit der aktuellen Mannschaft unter Umständen zu Platz zwei oder drei in der Liga, aber weder zum Meistertitel noch zum Triumph im DFB-Pokal reichen würde.

Also änderte er in der Sommerpause etwas und beging dabei zwei folgenschwere Fehler: Der Mannschaft hätten punktuelle Verstärkungen offenbar deutlich besser getan als die Radikalkur, die Magath ihr verschrieb.

Wie ein Computerspiel

Wie in einem Managerspiel am Computer tauschte er schnell mal eine komplette Mannschaft aus. Vom alten Team blieb allenfalls noch das Gerippe, wie ein Durchlauferhitzer wechselte er Position um Position aus. Am Ende waren es knapp 30 Transfers.

Am Reißbrett liest sich das alles so schön: Mehr Qualität in den Kader holen, die Eingewöhnungszeit überstehen und dann auf einem neuen Level angreifen. Nur hat Magath die Eigenheiten des realen Spielbetriebs übersehen. Bei Rakitic, Sarpei oder Deac handelt es sich um richtige Menschen mit ganz normalen Gefühlen, deren vorherrschendes mittlerweile die totale Verunsicherung ist.

Zudem ist Magath dem Irrglauben aufgesessen, er baue sein Upgrade auf einem soliden Fundament. Platz zwei hieß dies, mit dem Anspruch, es so schnell wie möglich nach oben zu verbessern. Nur hätte er sehen können, dass die Mannschaft der letzten Saison vielleicht gar nicht so gut war, wie es der Tabellenstand am 34. Spieltag ausgesagt hatte.

Neun Spiele gewann das Team mit nur einem Tor Unterschied, die Konkurrenz aus Wolfsburg, Hamburg, Hoffenheim erwischte eine schwache Saison.

Kam der nächste Schritt zu früh?

Vielleicht hätten sich die Schalker unabhängig von der Tabelle auf Rang vier oder fünf besser eingestuft gesehen und das Erreichte erst noch einmal versucht zu bestätigen, anstatt gleich den nächsten Schritt zu wagen.

Der große Meisterplan ist auf die Jahre 2012 oder 2013 ausgelegt, so lange läuft auch Magaths Vertrag. Etwas anderes hat er nie behauptet. Sein Plan sieht offenbar vor, schon in dieser Saison den kompletten Umbruch zu bewerkstelligen, um dann ab der kommenden Saison mit einer eingespielten Mannschaft voll oben anzugreifen.

Nur war ein Einbruch, wie er die Schalker derzeit ereilt, nicht eingeplant. Und der neue Kader trägt sich allenfalls nur mit den Einnahmen aus der Champions League in der kommenden Saison.

Erreicht Schalke nur die Europa League, wird es schon sehr eng. Alles andere führt unweigerlich zum sofortigen Wiederverkauf etlicher ambitionierter Spieler und dem Rückfall in die Zeit seiner Anfangstage.

Magath ratlos

Gegen Dortmund wirkte Magath während und nach dem Spiel ratlos und konsterniert. Vor der Partie hatte er das unzureichende Zusammenspiel seiner neuen Mannschaft als vorläufiges Grundübel diagnostiziert.

Mit der kompletten Verunsicherung seiner Spieler gewinnt diese Erkenntnis eine neue Qualität.

Magath wolle die Situation deshalb jetzt "völlig neu bewerten" - was das genau bedeuten mag, lässt er offen.

Der FC Schalke 04 im Steckbrief

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