Freitag, 17.09.2010

St. Pauli-Kapitän Fabio Morena im Interview

Morena: "Heimspiel heißt: Angriff!"

Vor ziemlich genau vier Jahren reiste der FC St. Pauli zum SV Wilhelmshaven, um mit einem 3:3 den 13. Platz in der Regionalliga-Nord zu halten. St. Paulis Kapitän Fabio Morena war schon damals dabei. Mittlerweile sind die Gegner andere. Am Sonntag erwarten die Braun-Weißen den Hamburger SV - zu einem Punktspiel.

St. Pauli-Kapitän Fabio Morena ganz entspannt beim Foto-Shooting in einem Hamburger Beach-Club
© Getty
St. Pauli-Kapitän Fabio Morena ganz entspannt beim Foto-Shooting in einem Hamburger Beach-Club

Im SPOX-Interview spricht der 30-jährige Morena über das Stadtderby, das deutsche Kabinenleben und die Warnung von Jose Mourinho an Mesut Özil und Sami Khedira.

SPOX: Herr Morena, in Hamburg gibt es nur ein Thema: das große Derby. Es werden die Gehälter verglichen, Fans müssen sich über die Brisanz und Bedeutung äußern, und sogar das italienische Fernsehen ist gekommen, um mit Ihnen über das Derby zu sprechen. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?

Fabio Morena: Nein. Der ganze Hype um das Derby ist auch für uns Neuland. Bis auf die Spiele der zweiten Mannschaften gab es ja auch seit Ewigkeiten keine Derbys mehr. Insofern ist das Spiel auch für die gesamte Entwicklung der Mannschaft gut. Wir werden daraus lernen.

SPOX: Bei allem Bohai: Bleibt es am Ende nicht ein ganz normales Fußballspiel?

Morena: Das hoffe ich nicht. Diese Partie ist anders. Das Spiel ist für uns ein Highlight, die ganze Stadt Hamburg spricht über das Derby und ich glaube, beim HSV freut man sich genauso auf den Sonntag. Es ist absolut kein normales Fußballspiel.

SPOX: Ihr Klub geht als Außenseiter in das Spiel. Ein psychologischer Vorteil?

"Ein Ballbesitz von 70 Prozent bringt nichts, wenn man nicht vor das gegnerische Tor kommt." Fabio Morena

Morena: Ich sehe das so. Wir sind der Aufsteiger und der Underdog. Das ist sicher immer günstiger, als wenn man als Favorit in die Partie gehen muss. Dazu kommt, dass wir am Millerntor spielen und dort nur eine Richtung kennen - nach vorne. Das wird auch im Spiel gegen den HSV so sein. Im eigenen Stadion können wir gar nicht anders. Ob der Gegner da nun SC Freiburg, Bayern München oder HSV heißt - Heimspiel heißt Angriff.

SPOX: Das klingt sehr selbstbewusst.

Morena: Fakt ist doch Folgendes: Wir spielen zu Hause, haben eine gute Anlage und einen Plan für das Spiel im eigenen Stadion. Es gibt keinen Grund, nicht selbstbewusst zu sein. Außerdem belegen die Zahlen, dass wir in der Bundesliga mithalten können.

SPOX: St. Pauli hat nach drei Spieltagen ein Torchancen-Verhältnis von 19:15, der HSV ist bei 19:13. Und vor der Partie in Köln haben Sie in 180 Minuten kaum Chancen gegen sich zugelassen. Dabei galt die Viererkette als Schwachstelle.

Morena: Da sollte man aber auch noch mal erwähnen, dass die Defensive nicht nur aus vier Verteidigern und zwei Sechsern besteht. Genauso ist es umgekehrt. Für den Angriff gibt es nicht die drei, oder vier Spieler. Das komplette Team schaltet nach der Balleroberung schnell auf Angriff um, gleiches gilt für den Ballverlust. Jeder Mannschaftsteil ist in jeden Spielzug involviert.

SPOX: Können Sie dieses viel zitierte "schnelle Umschalten" mal im Detail erklären?

Morena: Letztendlich beginnt die Defensivarbeit mit dem Ballabschlag des gegnerischen Torhüters. Danach attackieren wir sofort und wollen an der dritten, vierten Station eigentlich dran sein und in den Ballbesitz kommen.

SPOX: Und dann switchen alle auf Offensive?

Fabio Morena im Interview: Extra für das Derby reiste ein Kamera-Team aus Italien ans Millerntor
Fabio Morena im Interview: Extra für das Derby reiste ein Kamera-Team aus Italien ans Millerntor

Morena: Das Gros der Spieler schon. Wir wollen mit sehr wenigen Kontakten schnellstmöglich in die gefährliche Zone kommen. Gerade wenn der Gegner in der Vorwärtsbewegung ist, produziert er offene Räume. Genau diese gilt es mit schnellem Umschalten auszunutzen. Im Grunde ist jedes Tor in Freiburg nach einem schnellen Pass in die Spitze entstanden.

SPOX: Das hieße: Der Gegner muss den Ball haben, damit Sie ihr eigenes Spiel umsetzen können?

Morena: Sagen wir mal so: Egal gegen welchen Gegner man spielt - ein gut gestaffelter Defensivverbund ist in der ersten, zweiten und dritten Liga nur schwer zu knacken. Auf diesem Niveau gibt es so gut wie keine Mannschaft mehr, die sich einfach so ausspielen lässt. Ein Ballbesitz von 70 Prozent bringt nichts, wenn man nicht vor das gegnerische Tor kommt. Das heißt in der Konsequenz, es macht wesentlich mehr Sinn, die Räume auszunutzen, die der Gegner in der Vorwärtsbewegung hinterlässt.

SPOX: Momentan ist das 4-2-3-1-System schick. Auch der FC St. Pauli ist mit dieser Anordnung durch die 2. Liga marschiert. Welche Vorteile hat diese Spielform?

Morena: In dem System bilden sich sehr viele Dreiecke - diese bilden die Grundlage für ein schnelles Passspiel mit vielen Anspielstationen. Man muss sich die Formation ja nur mal auf einem Blatt skizzieren: Da entstehen nahezu überall Dreiecke. Unser Spiel erhält durch das 4-2-3-1 eine gewisse Dynamik, wir haben die Spielertypen dafür und fühlen uns in der Formation wohl und sicher. Jeder weiß im Endeffekt, wie er sich in der Defensive und Offensive zu bewegen hat. Allerdings - und das weiß ja auch jeder - kommt es am Ende auf die Spieler an, die das System mit Leben füllen.

SPOX: Carlos Zambrano stammt aus Peru und ist damit der einzige Ausländer im deutschen Kader des FC St. Pauli. Das ist kein Zufall, oder?

Morena: Natürlich ist das kein Zufall. Unser Kabinenleben ist ein Vorteil, der sich in den vergangenen Jahren konsequent und positiv entwickelt hat. Denn daraus ergibt sich unser ganz spezieller Teamspirit, den wir brauchen, um in der Bundesliga bestehen zu können.

SPOX: Ein schöner Trend. Auch die Überraschungsteams Mainz und Kaiserslautern kommen über das Kollektiv und weniger über die individuelle Qualität. Schalke und Wolfsburg stehen am Tabellenende.

Morena: Man sieht es in jeder Saison, oftmals bei mehreren Vereinen. Da schaut man sich den Kader vom Team und X und Y an und wundert sich, warum die nicht besser spielen. Auf den zweiten Blick sieht man dann aber auch, dass womöglich 15 Sprachen in der Kabine gesprochen werden. Daraus ergeben sich dann oft diese Grüppchen. Hier drei, dort drei, da verstehen sich nur zwei - da kannst du nicht auf den Platz gehen und breitbrüstig sagen: 'Wir sind ein Team'. Gerade in Spielen, in denen es nicht so super läuft, ist der Charakter einer Mannschaft immens wichtig. Deswegen hat auch ein Jose Mourinho Mesut Özil und Sami Khedira gewarnt. Eine gemeinsame Sprache in der Kabine ist einfach das A und O.

Fabio Morena im Steckbrief

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