Das sind Fredi Bobic' Baustellen

Verdammt viel Arbeit!

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 05.08.2010 | 00:03 Uhr
Im Fokus: Nach elf Jahren ist Fredi Bobic zum VfB Stuttgart zurückgekehrt
© Getty
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Mit Fredi Bobic ist auch ein Stück Herzblut zum VfB Stuttgart zurückgekehrt. Hinter dem Pathos der späten Rückkehr wartet auf den neuen Manager aber ein ganzer Berg kniffliger Aufgaben.

Sein erster Auftritt ließ durchaus Pathos vermuten, aber Fredi Bobic wollte erst gar keine große Heimeligkeit aufkommen lassen.

Am 27. Juli wurde Bobic beim VfB Stuttgart als neuer Manager vorstellt. Natürlich fielen auf dieser ersten Pressekonferenz die gefährlichen Schlagworte, "verlorener Sohn", "magisches Dreieck" oder "Herzensangelegenheit".

Bei Bobic, 148 Mal in der Bundesliga für den Brustring aktiv und immer noch eine Ikone bei den Fans, mag das auch alles zutreffen. In erster Linie aber ist der 38-Jährige nun leitender Angestellter eines mittelgroßen Wirtschaftsunternehmens und steht dort vor einem Berg an Aufgaben.

Die Zusammenarbeit mit dem Trainer: "Ich kenne ihn nicht, und er kennt mich nicht." Die Begrüßung von Christian Gross hatte wenig floskelhafte Diplomatie. Vielmehr sprach der Schweizer gewohnt offen den Status quo an.

Gross ist ein Macher, in seinen Anlagen und seiner Arbeitsweise ähnelt er Felix Magath. Er spricht die Dinge schonungslos an und scheut sich nicht vor Konflikten - wie Bobic auch.

Der bringt zwar eine abgeschlossene Ausbildung als Einzelhandelskaufmann bei Karstadt, diverse Praktika und Hospitanzen im Vereinsfußball und im Medienbereich mit, sowie als Rüstzeug ein Engagement beim bulgarischen Erstligisten Chernomorets Burgas - was ihm aber fehlt, ist ein ähnlich dicht geknüpftes Netzwerk wie das von Gross.

Gross dürfte da nach weit über zehn Jahren Trainertätigkeit etwas mehr Kontakte und Erfahrung haben als Bobic. Die beiden Ausgangspositionen und die jeweiligen Auffassungen vom Spielstil der Mannschaft und den daraus resultierenden Personalentscheidungen müssen schnell einen gemeinsamen Nenner finden.

Dringende Transfers tätigen: Schon seit Wochen oder sogar Monaten werkelt der VfB an drei möglichen Transfergeschäften, ohne bisher eine Einigung erzielt zu haben. Die von Gross reklamierten Außenspieler für den Mittelfeldbereich lassen weiter auf sich warten und sorgen schon wieder für leichte Unruhe im Umfeld.

Denn während der VfB weiter sachlich-nüchtern kleckert, geben sich zum Beispiel auf Schalke die Zu- und Abgänge nur so die Klinke in die Hand. Die sehr vernünftige Vereinsphilosophie, nur so viel Geld auszugeben, wie auch vorhanden ist, ist in Stein gemeißelt.

Allerdings hat der Khedira-Transfer 14 Millionen Euro eingebracht, die Bobic nun zumindest teilweise wieder reinvestieren kann. Nach einigen Reinfällen seines Vorgängers und einer insgesamt nur mittelprächtigen Transferpolitik in den letzten Jahren werden gerade die ersten Verpflichtungen besonders kritisch beobachtet werden - auch wenn die kursierenden Namen schon vor Bobic' Amtsantritt im Raum standen.

Besonders der Kampf um Andre Ayew, in dem der VfB angeblich vier Millionen von der von Olympique Marseille geforderten Summe entfernt sein soll, wird zu einer ersten Feuertaufe für Bobic' Verhandlungsgeschick.

Vertrauensbasis zur Mannschaft aufbauen: Die Struktur innerhalb des Teams hat sich in den letzten Monaten gravierend verändert. Zwei entscheidende Personalien sind unter anderem die von Sven Ulreich und von Serdar Tasci.

Ulreich steht die große Aufgabe bevor, seine zweite Chance im Profi-Fußball und beim VfB zu nutzen und keinen Geringeren als Jens Lehmann vergessen zu machen. Gross scheint auch nach vier Wochen der Vorbereitung immer noch nicht voll überzeugt vom 22-Jährigen, auch wenn sich seine öffentlichen Aussagen schon deutlich positiver anhören.

Gross' Statement vom Mai, fast alle Spitzenmannschaften würden mit einem erfahrenen Torhüter spielen, hallt immer noch nach. Jetzt spricht der Schweizer seiner neuen Nummer eins sein Vertrauen aus, allerdings wurde mit Marc Ziegler nicht von ungefähr ein sehr erfahrener zweiter Mann verpflichtet, der bei Bedarf sofort einspringen könnte und als grundsolide Lösung gilt.

Gross' Tenor: Nur mit der Unterstützung aus der Mannschaft, dem Umfeld und der Fans wird Ulreich seinen Weg machen können. Hier sind dann auch Bobic' Einfühlungsvermögen und unter Umständen auch seine Vermittlungskünste gefragt. Immerhin weiß er selbst am besten, wie man sich als junger Spieler beim VfB durchsetzen kann.

Selbiges gilt auch für das Verhältnis zwischen Gross und Tasci. So richtig ins Zeug gelegt hat sich der Schweizer für Tasci nicht, als der seine Wechselabsichten äußerte. Neutral und nüchtern hat Gross dies aufgenommen und wollte dem Nationalspieler keine Steine in den Weg legen.

Erst ein klärendes Gespräch zwischen beiden beendete alle Wechselabsichten Tascis. Trotzdem muss der unter Gross um seinen Stammplatz bangen. "Matthieu Delpierre ist als Kapitän gesetzt, wenn er fit ist. Um den anderen Platz kämpft Serdar mit Georg Niedermeier und Khalid Boulahrouz", sagte Gross im SPOX-Interview.

Dabei wäre Tasci vor einem guten halben Jahr noch beinahe Mannschaftskapitän geworden. Immerhin betont Gross jetzt immer wieder, dass er voll hinter seinem Innenverteidiger steht.

Die Abstimmung mit Jochen Schneider: Der Sportdirektor ist eine Konstante im Verein. Oft im Hintergrund, aber in wirtschaftlichen Belangen ein absolut verlässlicher Partner und eine entscheidende Figur. Schneider treibt seit Heldts Abgang die Personalplanungen voran, legte sich zuletzt in der Causa Elson sogar mit Hannovers Jörg Schmadtke an. Sein Profil wird schärfer.

Nun wird ihm der große Name Bobic an die Seite gestellt, beide sollen in Zukunft auf einer Ebene arbeiten. Der VfB wird mit einem Management-Duo  in die Saison gehen.

"Ich werde mit Sportdirektor Jochen Schneider auf Augenhöhe arbeiten. Keine One-Man-Show! Wir werden wie eineiige Zwillinge sein, ohne Eitelkeiten", sagt Bobic.

Einen Platz im Vorstand finden(?): Vorgänger Heldt hat sich nach dessen erstem Flirt mit Schalke vor gut einem Jahr von den Klub-Bossen einen Sitz im Vorstand bestellen lassen und damit noch größeren Einfluss und Entscheidungsgewalt gehabt.

Bobic dagegen wurde ähnliches zunächst verwehrt, Heldts Sitz in den Gremien ist vakant. Zwar wiegelt Bobic ab, das Amt im Vorstand sei für ihn nicht von Bedeutung. "Ich muss auch so durchsetzten, egal ob als Vorstand oder nur als Manager."

Trotzdem erscheint er dadurch zumindest nach außen nicht so stark, wie es Heldt zuletzt war. Zumal Bobic so auch keinen Zugriff und Entscheidungsgewalt auf wichtige Themen außerhalb seines Ressorts haben wird.

Das Image aufpolieren: Bobic soll auch das Vakuum mit auffüllen, das der Weggang vieler Führungsfiguren hinterlassen hat. Beim VfB gilt Trainer Gross als starke Institution, in der jüngeren Vergangenheit aber verließen die Mannschaft Spieler wie Mario Gomez, Thomas Hitzlsperger, oder zuletzt Jens Lehmann und Sami Khedira.

Da bleiben nicht mehr viele Persönlichkeiten von großer Strahlkraft übrig, die den Klub auch nach außen hin repräsentieren und ihm ein klar definiertes Profil geben.

Zuletzt agierte der VfB zudem in einigen Dingen zögerlich und unentschlossen, etwa in der Trainerfrage um Markus Babbel vor einem halben Jahr, die beinahe aus dem Ruder gelaufen wäre.

Dazu haftet Stuttgart nach den namhaften Abgängen weiter hartnäckig der Begriff des Ausbildungsvereins an, Spötter nennen sprechen vom "Selbstbedienungsladen VfB Stuttgart". Das wollen die Schwaben aber natürlich nicht sein.

Die exzellente Jugendarbeit, gekoppelt mit der wahrscheinlichen Aussicht darauf, die Talente früher oder später an zahlungskräftige Konkurrenz zu verlieren, soll auf keinen Fall zum trügerischen Markenzeichen werden.

Bobic: "Es wäre schön, wenn wir in die Situation kämen, dass wir so einen Spieler wie Khedira nicht ziehen lassen müssten." Werder Bremen dient als Maßstab, das sich in einem ähnlich gelagerten Fall die Dienste des ebenfalls stark umworbenen Mesut Özil wohl noch für mindestens ein Jahr sichern kann.

Die Jugendarbeit und der Stadionbau: Der Unterbau ist eine der wichtigsten Säule im Stuttgarter Konstrukt. In den letzten fünf Jahren hat der VfB rund 70 Millionen Euro Einnahmen erzielt mit dem Verkauf selbst ausgebildeter Spieler.

"Die Jugendabteilung bringt schon seit den 90er Jahren immer wieder talentierte Spieler heraus, das spricht für sich. Wir werden deshalb noch mehr Geld in die Jugendabteilung stecken", lässt Bobic durchblicken.

Hier verpflichtet sich Bobic sowohl der Tradition als auch der Moderne - wohl wissend, dass die Ausbildung eigener Spieler in Zukunft noch mehr Bedeutung erfahren wird.

Dazu kommt der Umbau des Stadions und die damit verminderten Einnahmen, die es ein zweites Jahr hintereinander aufzufangen gilt.

Fast 15.000 Sitz- und Stehplätze fehlen durch den anstehenden Umbau der Cannstatter Kurve, rund vier bis fünf Millionen Euro gehen dem VfB damit erneut durch die Lappen.

Geld, das Bobic fehlen wird und das er mit seinem Team über andere Kanäle akquirieren muss.

Alles zum VfB Stuttgart

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