Die Erkenntnisse des LIGA total! Cups

Mit Schmalz, Charme und Edu

Von Für SPOX in Gelsenkirchen: Haruka Gruber
Montag, 02.08.2010 | 01:34 Uhr
Der Instinkt eines Torjägers: Raul erzielt gegen die Bayern den zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich
© Imago
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Raul und ein "neuer" internationaler Top-Stürmer lassen den FC Schalke 04 nach dem Sieg im Finale des LIGA total! Cups gegen die Ersatzelf des FC Bayern träumen. Das Erfolgsrezept ist die Methode "Schweizer Bank". Es lauert jedoch eine große Gefahr...

Der Gedanke war allzu verlockend. Um ein Autogramm zu bitten oder gleich ein gemeinsames Erinnerungsfoto zu knipsen, wäre womöglich etwas peinlich gewesen, aber immerhin ging es hier um den mit Abstand bekanntesten Fußballer, mit dem man je zusammengespielt hat.

Doch als Raul am Mittwochnachmittag erstmals die Kabine des FC Schalke 04 betrat, verwandelte sich der übliche Stimmwirrwarr eines voll besetzten Fußball-Umkleideraums in ehrfurchtsvolles Schweigen. Nicht einmal der Auslöserton einer Handykamera war zu vernehmen.

"Der eine oder andere junge Spieler hat einfach nur große Augen gemacht und sich nicht getraut, etwas zu sagen", erzählt Christoph Metzelder gegenüber SPOX. Alexander Baumjohann ergänzt: "Also ich kannte ihn vorher nur von der Playstation. Mit einem Spieler wie Raul zu spielen, habe ich mein Leben lang geträumt."

Zwei Trainingseinheiten und zwei überzeugende Vorstellungen beim Turniergewinn des LIGA total! Cups reichten jedoch aus, um die Scheu vor der fast zum Übermenschen stilisierten Lichtgestalt abzulegen. "Raul hat sich nahtlos in die Mannschaft eingefügt. Einige Spieler waren überrascht, dass er wirklich so bescheiden ist, wie berichtet wurde", sagt Metzelder.

Torjäger und Künstler

Nur selten verläuft das Debüt eines neuen Superstars so überzeugend. Fußballerisch strafte Raul bereits im Halbfinale gegen Hamburg die Kritiker Lügen, die behaupteten, der 33-Jährige sei ein Auslaufmodell, überbezahlt und nicht mehr den athletischen Anforderungen des Spitzensports gewachsen.

Alleine durch Antizipation und kluge Laufarbeit erarbeitete sich Raul drei eigene Chancen, bereitete außerdem eine Möglichkeit für Ivan Rakitic vor und leitete mit einem "genialen Pass" (Felix Magath) aus der Bedrängnis heraus auf Farfan den zwischenzeitlichen Ausgleich ein.

"Raul den Ball zu geben, ist so, als würde man sein Geld einer Schweizer Bank anvertrauen", sagt Ivan Rakitic.

Im Finale gegen den FC Bayern hatte Raul hingegen weniger Spielanteile, beteiligte sich trotz Konditionsmängeln jedoch vorbildlich am Spiel gegen den Ball - und bewies bei seinen zwei Toren, welche Qualitäten er in sich vereint. Die eines erfahrenen Torjägers, als er humorlos den Edu-Pfostentreffer zum 1:1 abstaubte. Und die eines Künstlers. Zwei Gegenspieler, 16 Meter Entfernung, Lupfer, Tor.

Alles wird auf Raul ausgerichtet

Dass Raul daraufhin erklärte: "Ich widme diesen Treffer den Fans, die mich toll aufgenommen haben", mag schmalzig daherkommen - aber er traf damit den richtigen Ton. Genauso, wie es ihm scheinbar mühelos gelungen ist, sich auch zwischenmenschlich in das Mannschaftsgefüge einzugliedern. Auffällig, wie er während eines Spiels nach fast jedem Angriff den Kontakt zu den Mitspielern sucht und diesen Ratschläge gibt oder sie ermuntert.

"Es hilft, dass viele Spieler bei uns spanisch sprechen und Raul englisch, dennoch überrascht es mich, wie gut er nicht nur fußballerisch schon zu uns passt. Er hat sich schon sehr gut eingefunden", sagt Baumjohann zu SPOX.

Raul soll sich zum neuen Gesicht des FC Schalke entwickeln, wenn er es denn nicht schon ist. Der sonst so rigide Magath will ihm Sonderrechte einräumen ("Raul wird natürlich nicht behandelt wie jeder andere") und das Spielsystem nach dem Spanier ausrichten, damit dessen Stärken am besten zur Geltung kommen.

"Auch Raul ist davon abhängig, wie er in Szene gesetzt wird. Wir können deshalb nicht mehr so Fußball spielen wie letzte Saison", sagt Magath. Und unterstreicht dies, indem er weitere Top-Transfers ankündigt und dies mit der taktischen Umstellung auf ein 4-4-2 mit Raute verknüpft.

Schalke: Magisches Quartett?

Da Magath derzeit noch ein Spielmacher von der Klasse eines Zvjezdan Misimovic abgeht, ließ er als Alternativsystem beim LIGA total! Cup das flache 4-4-2 einüben und hatte damit erstaunlichen Erfolg. Raul und Sturmpartner Edu ergänzten sich ideal, auf den Flügeln überzeugten Jefferson Farfan (rechts) sowie Baumjohann (links), dem bei allem Bemühen aber die Effektivität des formstarken Peruaners abging.

"Unter dem Strich haben wir vier gut harmoniert. Ich spiele zwar lieber als Zehner, dennoch hat es unter uns sehr gut funktioniert", sagt Baumjohann, der aus dem neuen Offensiv-Quartett besonders den Gewinner der Vorbereitung herausstellt: Edu. Einst in Bochum verspottet, in Mainz gescheitert und in Südkorea in Vergessenheit geraten, ist er in den letzten Wochen geradezu explodiert.

Seine Physis und Durchsetzungskraft waren bekannt, doch dass der Brasilianer derart mit dem Ball umzugehen weiß, über einen hohen Fußball-IQ verfügt und eine außerordentliche Torgefahr ausstrahlt, erstaunt die meisten.

"Edu ein internationaler Top-Stürmer"

Nicht Baumjohann: "Ich möchte mich zwar nicht in die Transferangelegenheiten des Klubs einmischen, Edu hat aber gezeigt, dass man auf ihn bauen kann."

Nach wie vor wollen die Gerüchte um eine Verpflichtung von Mario Gomez nicht verstummen, doch sollte Edu nur ansatzweise die aktuelle Form konservieren können, fällt es schwer, sich einen besseren Partner für Raul vorzustellen als den fleißigen Brasilianer, so kurios es oberflächlich betrachtet erscheinen mag. "Für mich hat Edu alle Anlagen für einen internationalen Top-Stürmer", sagt Baumjohann.

Die Erfolge gegen Hamburg und den FC Bayern haben gezeigt, dass sich Schalke im Bestreben nach attraktiverem Fußball auf einem vielversprechenden Weg befindet. Raul, Edu, Farfan und Baumjohann, außerdem Rakitic, der als kreativer Part der Doppelsechs die guten Eindrücke aus der Vorsaison bestätigte.

Ist Schalke plötzlich zu offensiv?

Doch bei aller Herrlichkeit: Rakitic warnt bei SPOX vor einer latenten Gefahr, die besonders gegen den FC Bayern so gar nicht verborgen blieb. Unter der Akzentuierung des Offensivspiels leidet das letzte Jahr noch vorbildliche Defensivverhalten des gesamten Teams, nicht anders ist es zu erklären, dass sich selbst die B-Elf des Meisters mit teils simplen Pässen Großchancen herausspielte.

"Wir wollen nach vorne spielen, dieses Ziel haben wir uns gesetzt. Das Problem ist aber, dass man dadurch nach hinten nachlässiger wird und nicht mehr konsequent Druck ausübt. Wir haben den Gegner zu oft und zu lange in Ruhe gelassen", sagt der kroatische Nationalspieler.

Eine Rückkehr zum ereignisarmen Mauerfußball der Vergangenheit komme jedoch nicht in Frage. Rakitic: "Wir haben ja noch drei Wochen, um an den Feinheiten zu arbeiten. Bis dahin werden wir es hinkriegen."

Und bis dahin hat womöglich eines der zahlreichen Talente den Mut aufgebracht, Raul nach einem Autogramm oder einem Erinnerungsfoto zu fragen.

Raul-Traumtor bringt den Turniersieg

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