Toni Kroos' neuer Anlauf bei Bayern

Der zweite Schuss muss sitzen

Von Thomas Gaber
Donnerstag, 05.08.2010 | 18:44 Uhr
Arjen Robbens Verletzung könnte Toni Kroos ein gutes Comeback bei Bayern ermöglichen
© Imago
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Toni Kroos bekommt beim FC Bayern München eine neue Chance. Das Vertrauen in seine Fähigkeiten ist enorm, die Erwartungshaltung ebenso. Jetzt ist Kroos am Zug. Die Voraussetzungen sind günstig.

Mark van Bommel langt gerne hin. Zweikämpfe liegen dem Niederländer im Blut, auch wenn er sich ab und zu in der Dosis vergreift. Zuletzt ging van Bommel im WM-Finale mit Andres Iniesta nicht gerade zimperlich um.

Den ersten Zweikampf nach drei Wochen Urlaub musste van Bommel im Training des FC Bayern gegen Toni Kroos bestreiten.

Nach einem kurzen Sprint abspringen und sich in der Luft gegen den Gegenspieler lehnen, lautete die Anweisung von Fitness-Trainer Marcelo Martins. Van Bommel legte sich ins Zeug, wurde von Kroos aber regelrecht ausgehebelt. "Kroos, du hast Kraft trainiert", stellte van Bommel fest.

Nicht ganz freiwillig zurück in München

Eineinhalb Jahre hat Kroos nicht beim FC Bayern trainiert. Ein Muskelpaket ist aus dem 20-Jährigen in seiner Zeit bei Bayer Leverkusen augenscheinlich nicht geworden. Ein gewonnenes Duell gegen van Bommel soll aber symbolisch stehen für Kroos' zweiten Versuch in München: Er will sich durchsetzen, auch und vor allem gegen die Besten.

Ganz freiwillig ist Kroos nicht nach München zurückgekehrt. "Ich habe mich in Leverkusen sehr wohl gefühlt. Sportlich und privat. Ich habe in einer tollen Mannschaft gespielt und Tore geschossen. Da ist es doch erklärbar, dass man sich mit einer Rückkehr etwas schwertut. Zumal ich bei Bayern unter Jürgen Klinsmann eine sehr schlechte Zeit hatte", sagte Kroos nach den ersten Trainingstagen an der Säbener Straße.

Seine Vertragssituation, die strikte Anordnung der Bayern-Bosse, nach München zurückzukehren, und der Glaube an seine Stärke ließen keine Alternative zu, als es zum zweiten Mal bei den Bayern zu versuchen.

Kampf den Kroos-Hype

Zu Beginn der Saison 2008/09 stand Kroos als damals 18-Jähriger vor dem Durchbruch in München. Klinsmann hielt große Stücke auf das viel zitierte Wunderkind. Eine Assoziation, mit der in München argwöhnisch umgegangen wurde.

Uli Hoeneß wehrte sich vehement gegen den Kroos-Hype, der Spieler selbst wollte dem gar nicht entsprechen. "Ich nenne mich ja nicht selbst 'Jahrhundertalent'. Ich glaube, dass man den Begriff sowieso nie bestätigen kann. 'Talent' an sich ist schon eine sehr große Wertschätzung", sagte Kroos im Gespräch mit SPOX.

Kroos war von Klinsmann anfangs begeistert: "Seit er bei Bayern Trainer ist, habe ich morgens viel mehr Bock, zum Training zu fahren. Es ist viel spaßiger als unter Ottmar Hitzfeld."

Die Freude wich jedoch bald totaler Ernüchterung. Nur zwei Mal stand Kroos unter Klinsmann in der Startelf. Kroos schien am Erwartungsdruck zu zerbrechen, auch wenn er das nicht zugeben will.

"Ich denke nicht, dass ich beim ersten Versuch in München gescheitert bin. In Leverkusen habe ich es geschafft, die Erwartungen, die in mich gesetzt wurden, zu erfüllen. Ich kann mit Druck gut umgehen. Abgesehen davon verspüre ich jetzt keinen Druck", sagte er zu SPOX nach der Ankunft in München.

Van Gaal hat hohe Erwartungen

Die Begleitumstände seiner Rückkehr erzeugen jedoch per se Druck. Louis van Gaal hat sich stark für Kroos' Comeback bei Bayern eingesetzt. Kroos hat Qualitäten, die im Bayern-Kader in seiner Abwesenheit nicht vorhanden waren. Kroos ist ein klassischer Spielmacher mit sehr gutem Auge und genialem Passspiel, der Tempowechsel beherrscht und exzellente Standards ausführt.

"Er kann auch außen spielen, aber er hat nicht die Schnelligkeit für Dribblings am Flügel wie Ribéry. Kroos hat Kreativität. Ich plane mit ihm als Zehner und habe hohe Erwartungen", sagte van Gaal der "SZ".

Der Trainer ließ Kroos im April einfliegen, um ihm seine Wertschätzung in einem persönlichen Gespräch zu dokumentieren und ihm seine Rolle bei Bayern darzulegen.

Über Details des Gedankenaustauschs will Kroos nicht sprechen, profitiert hat er in jedem Fall.

"Ich halte es für wichtig, sich mit dem Trainer auszutauschen, unter dem man in der kommenden Saison spielen soll. Ich kann nur so viel verraten: Die ganze Rückholaktion würde ja keinen Sinn ergeben, wenn man da weiter machen würde, wo es aufgehört hat. Der Verein hätte mich nicht zurückgeholt hätte, wenn ich der Mannschaft nicht helfen könnte."

Konstant in Leverkusen

Kroos genießt weiterhin hohes Ansehen in München. Das Talent nach Leverkusen zu verkaufen, stand nie zur Debatte. "Bayer kann mit uns über alles reden, aber sicherlich nicht über eine endgültige Verpflichtung von Toni Kroos. Er ist unser Spieler", sagte Uli Hoeneß bereits im Sommer 2009.

Seitdem hat sich Kroos persönlich wie sportlich weiterentwickelt. Er verdiente sich in Leverkusen die regelmäßige Spielpraxis, die er in München nicht bekam, mit konstant guten Leistungen.

"Wenn man vergleicht, wie ich gegangen bin vor einundeinhalb Jahren und wie ich jetzt zurückkomme, ist es natürlich ein großer Unterschied. Ich bin jetzt ein viel reiferer Spieler."

Er hat sein Phlegma abgelegt, das den schnellen Aufstieg bei den Bayern verhinderte. "Er hat in jedem Spiel Aktionen zum Zunge schnalzen. Doch er muss seine unglaublichen Qualitäten mit Leidenschaft paaren", sagt Hermann Gerland, der Kroos jahrelang in München betreute.

Karriere ohne Knick

Patrick Helmes, Kroos' Kollege in Leverkusen, sagt seinem ehemaligen Mitspieler eine große Zukunft bei Bayern voraus. "Die Spielpraxis war für ihn das A und O. Die hat er bei uns bekommen. Er wird sich mit der Zeit in München sicher durchsetzen. Er hat schon lange alle Voraussetzungen dafür", sagte Helmes zu SPOX.

Er wolle in erster Linie fester Bestandteil der Mannschaft werden, verriet Kroos. "Ich bin 20 Jahre alt, habe in die ganze Saison als Stammspieler absolvieren können. Da darf jetzt kein Knick mehr in die Karriere kommen, die sehr gut verläuft. So muss es für mich weitergehen."

In Leverkusen gab es für Kroos mehrere Optionen: linkes oder zentrales Mittelfeld. Bei Bayern sind seine Einsatzmöglichkeiten reduziert. Links ist Ribery gesetzt und die Konkurrenz um den Platz Kroos hinter der Spitze in van Gaals 4-4-1-1 ist groß. "Kroos muss sich erstmal gegen Thomas Müller durchsetzen - und der war der Beste der Weltmeisterschaft", sagte der Coach.

Durch die Verletzung von Arjen Robben steigen seine Chancen, schnell Fuß zu fassen. Müller könnte rechts, Kroos zentral offensiv spielen.

Zukunft als Sechser?

Langfristig tut sich eine etwaige Alternative für Kroos auf: eine Position im defensiven Mittelfeld. Van Bommel hat noch ein Jahr Vertrag, sein potentieller Nachfolger Sami Khedira spielt in den nächsten Jahren für Real Madrid.

Kroos kann sich mit dem Gedanken anfreunden.

"Grundsätzlich sehe ich mich als Offensivspieler. Aber in der Nationalmannschaft habe ich die Position im WM-Test gegen Ungarn gespielt. Da hat es gut geklappt. Ich kann den Sechser spielen - auf meine Art. Ich werde nie ein großer Grätscher werden. Ich versuche immer alles fußballerisch zu lösen. Aber ich weiß, dass ich mich erst auf die taktische Disziplin einstellen muss. Ich kann nicht jeden Angriff mitgehen."

Auf welcher Position auch immer - Kroos spielt in München um seine sportliche Zukunft. Er ist eines der größten Talente, die der deutsche Fußball im letzten Jahrzehnt hervorgebracht hat.

Die Bayern vertrauen weiterhin auf seine Fähigkeiten, jetzt ist Kroos am Zug. Der zweite Schuss muss sitzen. Sonst läuft Kroos Gefahr, als schlampiges Genie und ewiges Talent abgestempelt zu werden.

Toni Kroos im Steckbrief

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