Gerhard Poschner im Interview

"Raul ist nur der Anfang"

Von Interview: Haruka Gruber
Mittwoch, 28.07.2010 | 19:00 Uhr
Raul wechselt nach 549 Primera-Division-Spiel für Real Madrid in die Bundesliga zu Schalke
© Getty
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Der Transfercoup des Sommers und die sich ergebenden Fragen: Was will Raul überhaupt im Pott? Wie passt er sportlich zu Schalke? Und welche Folgen hat der Sensations-Transfer für die Bundesliga? Experte Gerhard Poschner, der als Spieler gegen den 33-Jährigen antrat und letzte Saison als Generaldirektor für den spanischen Erstligisten Real Saragossa verantwortlich war, glaubt an einen Import weiterer Stars.
 

SPOX: Obwohl sich der Transfer in den letzten Wochen angedeutet hat, ist die Öffentlichkeit über Rauls Wechsel zu Schalke höchst erstaunt. Sie auch?

Gerhard Poschner: Nicht wirklich.

SPOX: Nein?

Poschner: Weil Schalke das Resultat eines logischen Entscheidungsprozesses ist. Raul ist charakterlich so einwandfrei, dass er genug Anstand hatte, um nicht innerhalb von Spanien zu wechseln. Er ist sich seiner Verantwortung als Real-Ikone bewusst und hätte es den Fans niemals zugemutet, zukünftig für Valencia oder Sevilla zu stürmen. Die Primera Division fiel also weg, die Serie A aufgrund der vielen Probleme eigentlich auch. Bleiben demnach von den Top-Adressen nur noch die Premier League und die Bundesliga übrig.

Schalke empfängt Weltstar Raul

SPOX: Aber warum Schalke?

Poschner: Manchmal wird Schalke in Deutschland vielleicht etwas belächelt, aber man darf eines nicht vergessen: Schalke wird auch im Ausland als ein großer Traditionsverein angesehen, der außerdem in der kommenden Saison an der Champions League teilnimmt. Vor allem die Champions League übt auf Raul nach wie vor einen großen Reiz aus.

SPOX: Und das Gehalt von angeblich sechs Millionen Euro im Jahr...

Poschner: ... hat sicherlich eine Rolle gespielt, aber sie war nicht entscheidend. Wenn es Raul um das Geld gegangen wäre, hätte er nach Katar oder in die Emirate gehen können. Aber er ist noch immer heiß auf Spitzenfußball und genauso ehrgeizig wie vor 15 Jahren. Die Schalke-Fans müssen sich keine Sorgen machen, er wird tausend Prozent geben, um den Verein auf ein neues Level zu hieven.

SPOX: Aber passt Raul überhaupt nach Gelsenkirchen?

Poschner: Die Fans werden ihn lieben, weil Raul in allen Bereichen ein Vorbild ist und immer mit Einsatz und Willen vorangeht. So etwas kommt vor allem auf Schalke extrem gut an. Und Raul strahlt zudem das gewisse Etwas aus, über das nur ein Weltstar verfügt. Dieser Aura wird sich kaum jemand entziehen können - solange natürlich die Leistung stimmt und Raul ein paar Tore schießt.

SPOX: Die Begeisterung der Fans ist das eine, die Lebensqualität das andere. Wird für Raul, der sein Leben lang in der Welt-Metropole Madrid gelebt hat, der Umzug nach Gelsenkirchen nicht ein Kulturschock?

Poschner: Man darf nicht Gelsenkirchen isoliert betrachten. Der Ruhrpott mit all den vielen Städten ist für sich genommen schon eine Metropole, Essen beispielsweise wurde nicht zufällig zur Kulturhauptstadt Europas ernannt. Außerdem ist das Rheinland mit Düsseldorf nicht fern. Und: Raul mag es sehr familiär und braucht eigentlich kein großes Halligalli.

SPOX: Und wie wird er sich sportlich einleben?

Poschner: Es ist klar, dass er nicht mehr über die Spritzigkeit und Athletik verfügt, die ihn vor zehn Jahren ausgezeichnet hat. Dennoch bin ich überzeugt, dass er bei Real in der letzten Saison nur nicht mehr so oft gespielt hat, weil die Konkurrenz einfach zu hochkarätig war. Raul kann für Schalke mit seiner Cleverness und seinem unfassbaren Torriecher in vielen Spielen den Unterschied ausmachen. Ein Schlitzohr bleibt eben ein Schlitzohr.

SPOX: Trainer Felix Magath fordert von seinen Stürmern Mitarbeit beim Spiel gegen den Ball. Ein Problem für Raul?

Poschner: Überhaupt nicht. Er war bei Ballbesitz des Gegners schon immer sehr lauffreudig und aggressiv und ist vorne auf den ballführenden Abwehrspieler draufgegangen.

SPOX: Magath kündigte bereits an, nach Raul einen weiteren Stürmer verpflichten zu wollen. Welcher Angreifertyp passt zu Raul?

Poschner: Wenn ich der Verantwortliche wäre, würde ich mir einen Stoßstürmer wünschen, der im Strafraum eine Präsenz ausstrahlt und so Raul Luft zum Atmen gibt. Raul ist ja keiner, der einfach drei Gegenspieler ausdribbelt, vielmehr sieht er dank guter Antizipation den freien Raum und geht da rein. Um diesen Raum zu schaffen, wäre ein klassischer Mittelstürmertyp ideal. Jefferson Farfan hingegen ähnelt etwas zu sehr Raul und könnte über die Außen wertvoller sein.

SPOX: Schalke jubelt über den spektakulärsten Transfer der Klub-Geschichte. Welche Auswirkungen könnte der Raul-Wechsel auf die gesamte Bundesliga haben?

Poschner: Raul ist der nächste Beweis dafür, auf welch einem exzellenten Weg sich Deutschland befindet. Vor zwei Jahren war es von den Bayern abgesehen undenkbar, einen solchen Topmann verpflichten zu können. Die Infrastruktur, die Stadien, die Zuschauer, das alles ist spitze. Ich gehe davon aus, dass Deutschland in wenigen Jahren die beste Liga der Welt stellt.

SPOX: Womöglich mit weiteren spanischen Stars?

Poschner: Einen Xavi oder Andres Iniesta in die Bundesliga zu verpflichten wird schwer. Aber: Warum sollte es den deutschen Klubs nicht gelingen, vielleicht nicht ganz so prominente, dafür aber fast genauso talentierte Spieler anzulocken? Die finanzielle Situation in der Primera Division ist alles andere als rosig. Es gibt in Spanien eine unglaubliche Masse an Stars, die in Deutschland nicht so prominent sind, sich aber nichtsdestotrotz in der Bundesliga zu Superstars entwickeln können. Ich bin überzeugt: Raul war nur der Anfang.

Ein Weltstar auf Schalke: Raul im Steckbrief

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