Die Bayern am Gardasee

"Bin ich in einer neuen Mannschaft?"

Von Für SPOX in Trentino: Florian Bogner
Mittwoch, 21.07.2010 | 09:15 Uhr
Saisonvorbereitung: Seit Montag schuftet der Tross des Rekordmeisters in Trentino am Gardasee
© Imago
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Mit einem Rumpfkader bestreitet der FC Bayern sein Trainingslager am Gardasee. Für eine Handvoll Profis geht es allerdings bereits jetzt um alles. Und Louis van Gaal ist sowieso schon voll in seinem Element. Nerlinger prophezeit derweil einen guten Saisonstart.

Da war sie wieder. Louis van Gaal, die fleischgewordene One-Man-Show. Als die mit Amateuren verstärkte B-Elf der Bayern am Montagabend zu einem Werbetermin per Boot in den Hafen von Riva del Garda einschiffte, verkörperte van Gaal die Galionsfigur.

Der Bayern-Coach hatte sich kurzerhand auf ein Polizeiboot, das dem Mannschaftsboot voraus fuhr, gestellt, und winkte den rund 4000 Urlaubern im Hafen der Trentino-Schönheit mit anmutiger Eleganz zu.

Später, auf der eigens für die Vorstellung des FCB errichteten Bühne, sprach van Gaal davon, dass er sich wie "im Paradies" fühle. Erst drei Wochen Urlaub in Portugal, dann Hochsommer in München, nun eine Woche Gardasee - es kann einem wahrlich schlechter gehen.

Van Gaal voll konzentriert

Der sportliche Wert der Veranstaltung steht freilich infrage - 13 Nationalspieler sind nicht dabei, die Nachwuchshoffnungen David Alaba und Christoph Knasmüllner treiben sich bei der U-19-EM herum.

Dennoch: Für van Gaal macht es keinen Unterschied, ob er nun Franck Ribery und Arjen Robben oder "nur" Diego Contento und Deniz Yilmaz ums Karree scheucht. Der Trainer ist in den ersten Trainingseinheiten in Arco mit voller Konzentration dabei - und erwartet selbiges von seinen Spielern.

"Warum spielen Sie den Ball nicht nach links?", pflaumte er den Amateur Yilmaz an und forderte von Olic, Altintop und Co. immer wieder "Ruhe! Ruhe!" am Ball. Die Marschroute fürs Trainingslager ist klar: Die verbliebenen acht Profis wollen sich in Abwesenheit von 13 WM-Fahrern einen Vorteil erarbeiten und die Amateurspieler wissen, dass van Gaal jetzt Perspektivspieler für die neue Saison castet.

"Die Chance war noch nie so groß", sagt Sportdirektor Christian Nerlinger wie zum Beweis. Van Gaal predige nicht nur ein Jugendkonzept, er setze es auch um. "Er gibt nichts auf Reputation oder Ablösesummen, sondern sieht nur die Leistung. Es liegt an den Spielern selbst. Wir haben die Augen offen."

Yilmaz ist so ein Kandidat - er könnte die Reihe der Müllers, Badstubers und Contentos fortsetzen. Der 22-jährige Stürmer profitiert derzeit vom lauen Angebot im Bayern-Sturm - außer Olic ist kein Angreifer beim Training in Arco dabei. Yilmaz darf deshalb meist mit den sieben Profi-Feldspielern trainieren, um die Amateure kümmert sich Hermann Gerland.

Tymo grätscht nach jedem Ball

Die Profis müssen sich indes strecken. Hamit Altintop und Danijel Pranjic waren in der vergangenen Saison meist nur der 12. beziehungsweise 13. Mann. Für Anatolij Tymoschtschuks Defensivqualitäten als "Sechser" fehlte van Gaal die Verwendung. Andreas Ottl will sich nach einer guten Rückserie in Nürnberg für dieselbe Position empfehlen, Jose Ernesto Sosa hat indes kaum Aussichten, weiter im Kader zu bleiben.

Sie alle kämpfen um einen kleinen Vorsprung gegenüber den WM-Fahrern, die erst später ins Training einsteigen werden - die meisten von ihnen erst 17 Tage vor Bundesliga-Start. Van Gaal sagt: "Hier fangen alle wieder bei Null an." Tymoschtschuk grätscht im Training leidenschaftlich nach jedem Ball, Altintop versucht Anspiele besonders schnell zu kontrollieren und weiterzuspielen, Sosa will immer wieder auf engstem Raum sein gutes Auge für den Mitspieler zeigen.

"Nein, nein, nein", schreit van Gaal mitten ins Vier gegen Vier und ruft seine Spieler zu sich, um noch mal Anweisungen zu geben. "Es ist schon sehr ungewohnt", sagt Altintop und meint damit die kleine Trainingsgruppe. "Manchmal schaue ich mich um und denke: Bin ich in einer neuen Mannschaft?"

Blindes Vertrauen in den neuen Torwarttrainer

Neu ist jedenfalls der Torwarttrainer der Bayern: Frans Hoek. Der Niederländer verstärkt zusammen mit dem Spiel-Analysten Marcel Bout die Oranje-Fraktion beim FCB, Walter Junghans wird sich in Zukunft um die Jugend-Keeper kümmern. Hoek und van Gaal kennen sich aus gemeinsamen Zeiten bei Ajax Amsterdam und beim FC Barcelona, zuletzt war der 53-Jährige Torwarttrainer bei Polens Nationalmannschaft.

Er hat bereits Edwin van der Sar, Pepe Reina und Artur Boruc trainiert und war van Gaals absoluter Wunschkandidat für diese Stelle. "Es ist wichtig, dass ein Trainer Leute um sich hat, denen er absolut vertraut", erklärt Nerlinger das blinde Vertrauen in van Gaals Trainerstab.

Unter dem Neuen trainieren die vier Keeper (Thomas Kraft, Rouven Sattelmaier, Maximilian Riedmüller, Ferdinand Oswald) mehr mit dem Ball. Hoek achtet peinlich genau darauf, dass beinahe jede Trainingsform einer Spielsituation entspricht. Werden lange Bälle in den Strafraum geschlagen, baut sich Hoek schon mal als Imitat eines bulligen Stürmers vor dem Torwart auf.

Nerlinger spricht schon von der Champions League

Insgesamt kann das Trainerteam mit den ersten Einheiten zufrieden sein - van Gaal hat nach einem kleinen Rummenigge-Rüffel mittlerweile auch die schwierige Vorbereitung als Fakt akzeptiert. Nerlinger sieht die Situation sogar "überhaupt nicht dramatisch" - im Gegenteil.

"Ich bin davon überzeugt, dass wir in der Bundesliga gut starten werden. Ich sehe uns als Top-Favoriten auf die deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal und ich sehe uns im engeren Favoritenkreis für die Champions League", meinte der Sportdirektor am Dienstag.

Und sollten die Bayern in dieser Saison wirklich wieder um drei Titel mitspielen, wird van Gaal im kommenden Sommer bestimmt wieder den fidelen Grüß-August vom Polizeiboot geben.

Nerlinger sieht drei Titelchancen

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