Nürnbergs Kapitän im Interview

Andreas Wolf: "Lucio frisst seine Gegner auf"

Von Interview: Daniel Börlein
Donnerstag, 15.07.2010 | 22:44 Uhr
Andreas Wolf (l.) war in der abgelaufenen Saison Kapitän beim 1. FC Nürnberg
© Imago
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Erst in der Relegation schaffte der 1. FC Nürnberg in der vergangenen Saison den Klassenerhalt. Vor der neuen Spielzeit hat der Club einen Umbruch vollzogen. Im Interview spricht Kapitän Andreas Wolf über Nürnbergs Junge Wilde, Ex-Kollege Breno, einen kompletten Innenverteidiger, seinen härtesten Gegenspieler und einen guten Draht zum FC Bayern.

SPOX: Herr Wolf, Sie haben als Ziel für die neue Saison ausgegeben, "nervenschonend" in der Liga zu bleiben. Geht das beim Club überhaupt?

Wolf: Ja.

SPOX: Herr Wolf, aber mal ehrlich. Wie war es denn in den letzten Jahren?

Wolf: Ja, okay. (lacht) Aber 2007 ging's. (überlegt) Naja, da gab's das Pokalfinale gegen den VfB. Das war auch eher nichts für schwache Nerven. Beim Club ist eben immer was geboten. Natürlich geht's auch in diesem Jahr in erster Linie um den Klassenerhalt. Wie uns der gelingt, ist letztlich egal. Hauptsache, wir bleiben wieder drin.

SPOX: Nach dem Klassenerhalt hat der Club einen Umbruch vollzogen. Neun Spieler kamen bislang neu, zehn haben den Verein verlassen. Ist der Kader stärker als im letzten Jahr?

Wolf: Das will ich jetzt noch nicht bewerten. Man muss sich in der Vorbereitung finden und zu einer Mannschaft entwickeln. Wir müssen eine Einheit werden. Nur so haben wir eine Chance, weil wir nicht die individuell überragenden Spieler besitzen wie einige andere Klubs. Ich habe aber keinerlei Zweifel, dass der Kader stark genug ist, um in der Bundesliga zu bestehen.

SPOX: Der Club versucht es auch in dieser Saison wieder mit vielen jungen Spielern.

Wolf: Das ist ein sehr spannender Weg, den der Verein eingeschlagen hat. Es sind viele Spieler mit Potenzial da, dadurch besteht natürlich die Möglichkeit, langfristig etwas zu entwickeln. Ein guter Ansatz, weil du junge Leute hast, die willig sind, die ständig dazulernen wollen. Klar ist aber auch, dass man es nicht übertreiben darf. Nur mit jungen Spielern gewinnst du auch nichts. Du brauchst die richtige Mischung.

SPOX: Sie sind einer der Routiniers im Kader, dabei sind Sie auch erst 28.

Wolf: Das ist echt schlimm. Da bist du gerade 28 Jahre alt und eigentlich im besten Fußballeralter und fühlst dich schon als alter Sack. (lacht) Aber ich übernehme ja schon seit einigen Jahren Verantwortung. Das ist nicht unbedingt eine Frage des Alters.

SPOX: Liegt Ihnen das: vorne weggehen, Verantwortung übernehmen, die jungen Spieler führen?

Wolf: Mir macht es großen Spaß, mit den Jungs zu arbeiten. Ich bin sicher nicht der große Redner. Das ist nicht mein Ding. Aber wenn es sein muss, dann schnappe ich mir auch mal einen Jungen und quatsche mit ihm. Ansonsten versuche ich, auf dem Platz voranzugehen und die Mannschaft mit meinem Auftreten mitzureißen.

SPOX: Wer hilft Ihnen innerhalb der Mannschaft?

Wolf: Raphael Schäfer natürlich, Javier Pinola ist schon lange beim Club. Auf jeden Fall auch Marek Mintal, von dem sich die jungen Spieler auch einiges abschauen können. Mit Per Nilsson haben wir einen neuen Spieler, der auch viel Erfahrung hat. Mir war das als Kapitän im letzten Jahr immer wichtig, dass mehrere Leute Verantwortung übernehmen.

SPOX: Warum?

Wolf: Du kannst nur im Team erfolgreich sein. Einer alleine, das funktioniert nicht. Schauen Sie sich die deutsche Nationalmannschaft an: Da war keiner dabei, der der Star sein wollte oder gesagt hat: Ich bin der Chef. Auch deshalb hat es bei der WM so gut funktioniert.

SPOX: Obwohl Sie sich in der letzten Saison nicht vor der Verantwortung gedrückt haben, standen Sie immer wieder in der Kritik, weil Sie Ihre Leistungen nicht so konstant abgerufen haben, wie man das von Ihnen gewohnt war. Hat Sie diese Kritik geärgert?

Wolf: Überhaupt nicht. Ich weiß ja, dass das eine oder andere Spiel dabei war, in dem die Leistung nicht so gestimmt hat. Aber ich weiß auch, dass ich fast ein Jahr verletzt war. Und es heißt ja immer, dass man genauso lange braucht, wie man pausiert hat, um zur alten Form zurückzufinden. Insgesamt war ich deshalb mit meiner letzten Saison zufrieden. Wenn mich trotzdem jemand kritisiert, ist das okay, deshalb bin ich doch nicht sauer. Ich werde weiter hart an mir arbeiten, damit es künftig weniger zu kritisieren gibt.

SPOX: Haben Sie auch deshalb zwei Wochen vor der Mannschaft mit dem Training angefangen?

Wolf: Vor allen Dingen, um in der Sommerpause nicht zu viel Kraft zu verlieren. Ich war zweimal schwer am Knie verletzt, da will ich keinen Rückfall riskieren, weil ich im Sommer zu wenig gemacht habe.

SPOX: In der Rückrunde lief es für Sie persönlich wie auch für die ganze Mannschaft deutlich besser, was bis zu seiner Verletzung auch an Breno lag, der vom FC Bayern ausgeliehen wurde.

Wolf: Leider konnte er nicht so viele Spiele für uns machen. Zusammen mit Andreas Ottl war er für uns aber dennoch ein Glücksfall. Beide haben viel Ruhe und Sicherheit ausgestrahlt und die Mannschaft dadurch enorm stabilisiert. Allerdings hat nach Brenos Verletzung auch Dominic Maroh absolut überzeugt.

SPOX: An der Seite von Breno haben Sie sich wieder stabilisiert. Von welchem Innenverteidiger schauen Sie sich sonst etwas ab?

Wolf: Am besten gefällt mir immer noch Lucio. Das war schon immer so und daran hat sich nichts geändert. Er hat mich auch bei der WM wieder überzeugt. Die Art und Weise, wie er auftritt, wie er immer 100 Prozent gibt und seinen Gegenspieler quasi auffrisst, das beeindruckt mich. Für mich ist er ein kompletter Abwehrspieler.

SPOX: Auch Sie definieren Ihr Spiel über hundertprozentige Leistungsbereitschaft und eine gewisse Zweikampfhärte. Gegen wen mussten Sie selbst bislang am meisten einstecken?

Wolf: So spontan fällt mir da Hugo Almeida von Werder Bremen ein. Der ist ein robuster Spieler, mit dem es bislang in den direkten Duellen immer richtig zur Sache ging. Da haben wir beide ausgeteilt und eingesteckt. Und so etwas macht dann auch Spaß. Andere wälzen sich nach einem Zweikampf am Boden, als wären sie abgestochen worden.

SPOX: Durch Ihre Art, Fußball zu spielen, sind Sie beim Club längst zum Publikumsliebling geworden.

Wolf: Ich bin ja nun schon lange beim Club und habe dem Verein viel zu verdanken. Als junger Kerl war ich schon Club-Fan und nun spiele ich in der ersten Mannschaft. Das ist doch ein Riesen-Glück. Für mich ist es das Größte. Dass ich dann auch bei den Fans beliebt bin, macht mich richtig stolz. Diese Fans unterstützen uns immer. Auch wenn's mal nicht so läuft, kommen sie ins Stadion und feuern uns an. Was ich zurückgeben kann, ist, immer alles zu geben und mich den Fans gegenüber ehrlich und ganz normal zu verhalten.

SPOX: Standen Sie als Kind auch schon in der Fankurve?

Wolf: Nicht so oft. Ich habe ja schon in der Jugend beim Club gespielt und daher bei Spielen meistens Stadionzeitungen verkauft oder war als Balljunge im Einsatz.

SPOX: Wen die Club-Fans nicht besonders mögen ist der FC Bayern. Ausgerechnet von dort kamen mit Breno und Ottl und nun mit Mehmet Ekici zuletzt neue Spieler. Eine knifflige Situation?

Wolf: So habe ich das nie gesehen. Die Mannschaft hat sich gefreut, starke Spieler dazu zu bekommen. Uns war das egal, dass sie vom FC Bayern kommen. Und sie haben uns ja auch geholfen. Deshalb sind wir ihnen dankbar. Bei so etwas muss man die Rivalität bei Seite legen. Bei den Fans gehört so etwas dazu, das weiß ich. Und da finde ich das auch gut. Aber sonst verstehen sich die beiden Vereine gut. Die Verantwortlichen haben einen guten Draht zueinander. Die Bayern wollen doch auch, dass wir in der Liga bleiben. Die fahren doch lieber nach Nürnberg als irgendwo in den Norden.

SPOX: Breno und Ottl sind nun wieder zurück bei den Bayern. Ottl würde der Club aber gerne zurückholen. Wie wichtig wäre es, dass er auch in der nächsten Saison in Nürnberg spielt?

Wolf: Natürlich wäre das für uns wichtig, weil Andi ein kluger Spieler ist und gezeigt hat, dass er gut in unsere Mannschaft passt. Aber man muss ihn auch verstehen: Er will es bei den Bayern schaffen und sich durchsetzen. Das ist absolut nachvollziehbar.

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