VfB Stuttgart vor dem Umbruch

"Eine gefährliche Situation"

Von Stefan Rommel
Freitag, 09.04.2010 | 09:21 Uhr
Mit Cacau (r.) kehrt der dienstälteste VfB-Profi dem Verein den Rücken. Gross muss Ersatz finden
© Imago
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Der VfB Stuttgart steht vor dem großen personellen Umbruch. Trainer Christian Gross fordert, dass die Mannschaft ein neues Gesicht bekommt. Bisher gibt es aber mehr Fragen als Antworten. Sportvorstand Horst Heldt ist unter Druck.

Letzten Mai hatte es Horst Heldt noch so richtig gut.

Der Vorstand Sport des VfB Stuttgart hatte soeben Mario Gomez für 35 Millionen Euro nach München transferiert, die Champions League vor Augen und konnte eine eingespielte Mannschaft sein Eigen nennen, die es nach dem Gomez-Abgang allenfalls punktuell zu verstärken galt.

Heldt fand sich in einer prächtigen Situation wieder. Vermutlich wusste er gar nicht, wie vergleichsweise leicht sie hätte gelöst werden können. Knapp ein Jahr später sind die ganzen schönen Annehmlichkeiten von damals nur noch in vager Erinnerung.

Kader schon in der Winterpause ausgedünnt

Der VfB Stuttgart hat keine 35 Millionen Euro mehr auf dem Konto, die Champions League verfolgen die Schwaben nur noch am Fernseher und von einer ehemals eingespielten Mannschaft bleiben nur noch Spurenelemente zurück.

28 Spieler hat der VfB Stuttgart in dieser Saison eingesetzt. Ein relativ hoher Wert, nur Hannover 96 (32) und Mainz 05 (29) haben ihr Personal in der Breite mehr strapaziert.

Fünf Spieler haben die Schwaben in der Winterpause schon abgegeben. Damit bliebe Heldt und Trainer Christian Gross rein theoretisch ein fester Kern von 23 Akteuren als Basis-Kader für die kommende Saison.

"Große Veränderungen für den Verein"

Wenn da nur nicht der Unterpunkt "Umbruch" im Betriebsablauf verankert wäre. "Die Mannschaft wird ein neues Gesicht bekommen", sagt Gross. "Ich spüre große Veränderungen auf den Verein zukommen."

Damit meint der Schweizer nicht allein die Gefahr, zum ersten mal seit drei Jahren wieder den europäischen Wettbewerb und damit dringend notwenige Einnahmen zu verpassen. Er meint vielmehr eine unvermeidbare Fluktuation, so spektakulär wie selten zuvor in der Geschichte des Klubs.

"Eine gefährliche Situation", hat der Trainer erkannt. Fünf Spieltage vor dem Ende der laufenden Saison kann Gross mit lediglich 13 Spielern für die kommende Saison fix planen.

Die restlichen zehn werden den Verein entweder sicher verlassen, ihre Karriere beenden oder hegen intensive Abwanderungsgedanken. Außer dem Brustring wird die aktuelle mit der neuen Mannschaft nicht mehr viele Gemeinsamkeiten haben.

Gravierende Wechsel in jedem Mannschaftsteil

Außerdem: "Der Kader war auf die Champions League ausgerichtet. Diese Einnahmen werden wir nicht mehr haben. Da ist klar, dass das Gehaltsniveau angepasst werden muss", sagt Heldt.

In jedem Mannschaftsteil wird es gravierende Wechsel geben. Gross, der bisher mit einer von Heldt und seinem Vorgänger Markus Babbel zusammengestellten Mannschaft gearbeitet hat, wird sich nun sein eigenes Team zusammenbasteln - und dafür vermutlich noch ein Jahr sportlicher Dürre in Kauf nehmen.

Momentan vergeht keine Woche, in der nicht ein großer Name aus der Mannschaft auf den Transfermarkt gezerrt wird. Jens Lehmann hört auf, Alex Hleb, Ricardo Osorio und Cacau verlassen den Verein, Serdar Tasci, Sami Khedira und Roberto Hilbert werden mit anderen Klubs in Verbindung gebracht. Was wird aus den Unzufriedenen wie Khalid Boulahrouz oder Sebastian Rudy, was aus dem Italiener Cristian Molinaro?

Kein Bekenntnis zu Ulreich

Es sind keine Schönheitskorrekturen, die die Verantwortlichen zu bewerkstelligen haben. Sie haben elementare Entscheidungen zu treffen und jede einzelne droht zu einer Hängepartie zu werden wie die Suche nach einem Nachfolger für Gomez im letzten Sommer.

Da ging es um eine einzelne Position. Diesmal geht es um die komplette Kaderzusammenstellung für die kommenden drei, vier Jahre. Heldt und Gross stehen vor einer Monsteraufgabe und müssen die vielen Variablen in der schiefen Gleichung nun Schritt für Schritt eliminieren.

Als Lehmann-Nachfolger steht Sven Ulreich bereit, sein Vertrag wurde in dieser Woche bis 2013 verlängert. Gross lobt ihn als "hochtalentiert und mutig", aber er nennt ihn nicht "meine zukünftige Nummer eins".

Keiner der Verantwortlichen hat sich bisher zu einer Entscheidung durchgerungen: Holt der VfB einen erfahrenen Keeper als Backup und baut Ulreich zum Stammtorhüter auf oder muss der Kronprinz weiter auf seine Chance warten, weil ihm eine neue Nummer eins vor die Nase gesetzt wird?

Tasci mit Ausstiegsklausel?

In der Abwehr sind Matthieu Delpierre, Georg Niedermeier und Stefano Celozzi fix. Der Rest? Wackelkandidaten. Tasci hat einen Vertrag bis 2014, neulich machte eine angebliche Ausstiegsklausel die Runde. Gross äußerte sich zudem zweideutig.

"Er ist sehr ehrgeizig und hat vor einem Jahr schon den Wunsch geäußert, zu wechseln. Man weiß nie, was passiert, wenn er eine gute WM spielt." Boulahrouz hat bisher erst vier Spiele von Beginn an absolviert, der Niederländer ist unzufrieden. Immerhin durfte er zuletzt ein paar Mal ran - weil Celozzi verletzt war.

Als wichtiger Baustein gilt die Verpflichtung von Molinaro. Der VfB besitzt eine Kaufoption. Für die festgeschriebene Ablöse von vier Millionen Euro würde Juventus Turin ihn abgeben. Sein Berater Pasquale Gallo schätzt die Chancen auf einen Verbleib Molinaros in Stuttgart sehr gut ein: "Cristian fühlt sich in Stuttgart sehr wohl. Ich glaube, dass der VfB ihn behalten wird. Die Frist verstreicht am 31. Mai. Einen Wechsel zu einem anderen Verein schließe ich aus."

Arthur Boka allerdings bliebe dann nur die Ersatzbank. Zu wenig für den Ivorer, der vor Molinaros Verpflichtung und seiner Verletzung die Nummer eins auf der linken Abwehrseite war und Ludovic Magnin verdrängt hatte.

Viel Bewegung im Mittelfeld

Die Besetzung der Mittelfeldreihe ist besonders knifflig. Khedira ist noch bis 2011 vertraglich gebunden. Dann allerdings würde der VfB keine Ablöseeinnahmen mehr erzielen. Eine Verlängerung des Kontrakts - eines von Heldts Hauptzielen in den letzten Monaten - erscheint derzeit unmöglich.

Immerhin sitzen Christian Träsch und Zdravko Kuzmanovic fest im Sattel. Dazu kommen mit Christian Gentner und Georges Mandjeck zwei Rückkehrer als Zugänge. Bleibt noch das große Problem auf den Außenbahnen.

Nach Hleb scheint auch Hilbert einem Wechsel nicht abgeneigt. Für Hleb käme Rudy auf links als Lösung in Frage. Allerdings war der Youngster zuletzt alles andere als glücklich über seine stagnierende Entwicklung.

Sollte Hilbert, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, wirklich gehen, wäre die einzige Option für rechts der wankelmütige Timo Gebhart. Es sei denn, Gross ringt sich dazu durch, einem der Talente aus der zweiten Mannschaft wie Clemens Walch oder Daniel Didavi das Vertrauen zu schenken.

Cacau hinterlässt Vakanz im Sturm

Im Sturm verfolgt Heldt das wenig spektakuläre Credo "mit vier Angreifern gehen wir in die Saison". Nur geht mit Cacau nicht irgendein Stürmer, sondern der dienstälteste Spieler des gesamten Kaders, der Publikumsliebling und zuverlässigste Zuarbeiter für Torjäger wie Kevin Kuranyi, Jon Dahl Tomasson oder Gomez.

Genau so einer geht den Schwaben in dieser Saison aber besonders ab. Genau genommen müssten also ein neuer Vorbereiter a la Cacau und ein echter Knipser her. Ob die kolportierten Adrian Ramos oder Albert Bunjaku da Abhilfe schaffen können?

Gross fordert zum Handeln auf

Der VfB Stuttgart steht vor einer aufregenden Sommerpause, mit einem wohl sehr hektischen Treiben auf dem Transfermarkt. Horst Heldt wird alle Hände voll zu tun haben. "Jetzt ist das Management gefordert", sagt Gross unmissverständlich. Allerdings ist der Herr der Zahlen, Finanzchef Ulrich Ruf, keiner, der verrückte Dinge machen wird.

Immerhin bleibt ein kleiner Lichtblick: Dieses Jahr ist der VfB schon früh dran. Bis zum Ende der Transferperiode sind es noch fast fünf Monate.

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